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SKD-Forschungsprojekt zum Werk des Fotografen Christian Borchert

Interview mit Bertram Kaschek SKD-Forschungsprojekt zum Werk des Fotografen Christian Borchert

Christian Borchert (1942-2000) gehört mit seinen Porträt-, bau- und stadtgeschichtlichen Bildfolgen zu den wichtigsten deutschen Fotografen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Seit April 2016 wird im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) das Werk des Dresdner Fotografen erforscht.

Christian Borchert, Selbstporträt, aufgenommen in Budapest, 1998, Kupferstich-Kabinett. Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Quelle: Christian Borchert

Dresden.


Was macht Christian Borchert heute noch so interessant?

Christian Borchert hat mit seinen distanziert-analytischen Aufnahmen eine zurückhaltende Bildsprache entwickelt, die nicht auf die schnelle Pointe aus ist. Sein Misstrauen gegenüber dem eingängigen Einzelbild und sein Sinn fürs Serielle sind heute noch so aktuell wie zu seinen Lebzeiten. In seiner Figur spiegelt sich zudem die Geschichte der Fotografie in der DDR insgesamt. Fotografie als Berufs- und Lebenspraxis in der DDR kann man an seinem Leben und Werk aufschlussreich studieren.

Wie kam es zu der Idee für das Forschungsprojekt über Christian Borchert an den SKD, und was ist dessen Ziel?

Zum ersten Mal habe ich mich mit Borchert vor mehr als zehn Jahren im Rahmen der Ausstellung „Mensch!“ im Kupferstich-Kabinett beschäftigt. Seitdem wollte ich mich intensiver mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Durch das Stipendium der VolkswagenStiftung habe ich nun die Möglichkeit, ein Forschungsprojekt zu Borchert am Kupferstich-Kabinett durchzuführen. Mit mehr als 1000 Ausstellungsabzügen liegt dort ein beträchtlicher Teil von Borcherts Werk. Überhaupt ist die Quellenlage in Dresden ideal: Die Deutsche Fotothek in der SLUB verwahrt Borcherts fotografisches Arbeitsarchiv und die dortige Handschriftenabteilung den schriftlichen Nachlass. Damit lässt sich eine umfassende Neubewertung von Borcherts vielfältigem Schaffen erarbeiten. Die ist längst überfällig.

Bertram Kaschek

Bertram Kaschek

Quelle: Teresa Ende

Wie weit sind die Forschungen im ersten Jahr gediehen?

Ich habe neben der Sichtung von Borcherts Werk und Literatur zur Fotografie in der DDR zahlreiche Interviews mit Freunden und Kollegen Borcherts durchgeführt. ‚Oral History‘ ist für ein solches Projekt von größtem Wert, um die Erinnerungen und Sichtweisen der noch lebenden Zeitzeugen als historische Quellen zu sichern. Wichtige Weggefährten waren etwa der Leipziger Fotograf Helfried Strauß, der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht und der Westberliner Verleger und engste Freund Borcherts Hansgert Lambers, mit dem er 1986 das Buch „Berliner“ gemacht hat.

Wie kam Borchert zur Fotografie?

Er hat 1954 in seiner Jugend angefangen zu fotografieren und zunächst vor allem das zerstörte Dresden aufgenommen – ein Thema, das ihn bis ans Lebensende verfolgt hat. Eigentlich wollte er Kameramann werden, bekam keinen Studienplatz und studierte stattdessen Kopierwerktechnik. Über den Militärdienst bekam er die Möglichkeit, 1967 für den Bildband „Ich schwöre“ über die NVA zu fotografieren. Das war seine Visitenkarte zum Eintritt in die Redaktion der , die auflagenstärkste Illustrierte der DDR, für die er fünf Jahre tätig war. Das heißt, Borchert hat seine professionelle Laufbahn recht staatsnah begonnen, doch schon früh muss der Wunsch gereift sein, ein autonomer Bildautor zu werden. Sein Fernstudium der Fotografie an der HGB in Leipzig 1971 bis 1974 hat er zur ästhetischen Schulung und für die Entwicklung eigener Projekte genutzt und nicht, wie vom Arbeitgeber gewünscht, zur linientreuen bildjournalistischen Weiterbildung.

Kurzbiographie von Christian Borchert

geboren am 1. Februar 1942 in Dresden

zunächst Studium der Kopierwerktechnik in Potsdam-Babelsberg, Arbeit als Güteingenieur

1967 Abschluss der Ausbildung als Fotograf

1970–1975 Bildreporter bei der „Neuen Berliner Illustrierten“

1971–1974 Fernstudium der Fotografie an der HGB Leipzig

ab 1975 freiberuflich tätig

2000 bei einem Badeunfall in Berlin tödlich verunglückt

Borchert hat sich 1975 zur Freiberuflichkeit entschlossen. Wie ging es weiter?

Er schuf zunächst einen großen Zyklus mit Künstlerporträts. Das hat auch damit zu tun, dass Borchert, aus einer kleinbürgerlichen Handwerkerfamilie stammend, am Künstlerhabitus interessiert war und sich in der Kunstszene ein Netzwerk aufbauen wollte. 1975/76 hat er über 200 Künstler fotografiert und war damit ziemlich erfolgreich: Das Kupferstich-Kabinett Dresden kaufte nach seiner ersten größeren Personalausstellung in Berlin über 70 Künstlerporträts an. Parallel dazu eröffnete seine Ausstellung „Schriftsteller vor der Kamera“ just zwei Tage nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Da etwa die Hälfte der Porträtierten die Petition gegen die Ausbürgerung unterzeichnet hatte, war Borchert große Aufmerksamkeit sicher. Insgesamt kann man sagen, dass er sich in den 1970er-Jahren zunehmend von normativen Vorgaben der Bildproduktion löste und nach einer eigenen künstlerischen Identität suchte.

In Ihrer Projektbeschreibung wird Borchert als „Archivar“ und „Medienarchäologe“ bezeichnet. Was heißt das?

Borchert hat das eigene Schaffen akribisch archiviert. Bereits als Kind hatte er eine Neigung zum Sammeln und Ordnen, die er später als Stärke erkannte und zu einer künstlerischen Strategie ausbaute. So konnte er stets auf seine Bilder zurückgreifen, auch auf die, die er zunächst nicht verwendete. Er besaß ein Bewusstsein dafür, dass er selbst historisch werden würde, dass sich die Bedeutung von Bildern je nach Kontext verändert.

Semperoper, Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, 1977, Kupferstich-Kabinett

Semperoper, Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, 1977, Kupferstich-Kabinett.

Quelle: Christian Borchert

Welche Rolle spielt „Distanz“ für Borchert?

Borchert hat gesagt, dass Distanz es ihm erlaubt, den Menschen und Dingen ohne „Verbrüderung“ gegenüberzutreten. Das bleibt natürlich ambivalent, denn auf der einen Seite gibt es diesen analytischen Gestus, Dinge offenzulegen. Auf der anderen Seite sollten seine Bilder eine gewisse Mehrdeutigkeit behalten, um dem Betrachter Freiräume zu lassen. Er hat sich vor allzu eindeutigen Zuspitzungen gescheut. Die Bilder haben eher die Struktur einer Frage oder eines Rätsels. Es geht ihm nicht um die formal perfekte Komposition. Helfried Strauß berichtet, dass Borchert einmal in seine Klasse an der HGB gekommen sei und den Studenten erläutert habe, er würde, wenn er im Sucher das perfekte Bild gefunden habe, die Kamera ganz leicht wegkippen, um diese ideale Ordnung zu zerstören und ein in seinem Sinne ideales Bild zu bekommen. Für Borchert braucht eine gute Komposition ein Irritationsmoment.

Publikationen

Veröffentlichungen zu Lebzeiten Christian Borcherts

1985 Semperoper Dresden – Bilder einer Baulandschaft, Fotografien: Christian Borchert, Dresden: Verlag der Kunst.

1986 Christian Borchert: Berliner, Berlin (W): ex pose Verlag.

1993 Christian Borchert, Peter Gehrisch: Dresden. Flug in die Vergangenheit: Bilder aus Dokumentarfilmen 1910–1949, Dresden: Verlag der Kunst.

1996 Zeitreise. Bilder einer Stadt. Dresden 1954–1995, Dresden: Verlag der Kunst.

1999 Victor Klemperer. Ein Leben in Bildern, hrsg. von Christian Borchert, Berlin: Aufbau Verlag.

Neue Publikationen

über Christian Borchert

Schattentanz, hrsg. von Hansgert Lambers und Jens Bove, Dresden und Berlin: ex pose/hesperus print, erscheint am 8. Februar 2017.

Buchvorstellung: 8. Februar, 18 Uhr, Ausstellungsraum bautzner69, Bautzner Str. 69. Siehe: http://www.bautzner69.de

Christian Borchert: Familienporträts. Fotografien 1974–1994, hrsg. von Jens Bove und Mathias Bertram. Leipzig: Lehmstedt Verlag, 2014.

Dies spielt auch in den „Familienporträts“ eine Rolle, die Familien in der DDR bzw. im Osten Deutschlands zeigen. 1983 nahm Borchert mehr als 130 Familien in ihrem heimischen Umfeld auf, viele besuchte er 1993 ein zweites Mal, so dass die Aufnahmen zum Vergleichen einladen. Welche Funktion hat das Prinzip des Seriellen bei Borchert?

Die soziologische Dimension der „Familienporträts“ ist an ihre Serialität gebunden. Denn erst indem man wiederkehrende oder eben abweichende Muster erkennt, können sich Erkenntnisse über Struktur und Differenziertheit der in ihnen dargestellten Gesellschaft einstellen – die zeitliche und politische Distanz zwischen 1983 und 1993 kommt als weiteres Erkenntnismoment hinzu. Das Serielle war für Borchert immer wichtig. Während sich andere Fotografen auf bestimmte Bilder festlegen, sie wiederholt ausstellen, publizieren und so einen Kanon pflegen, war Borchert an Flexibilität gelegen. Er hat seine Bilder immer wieder einer Revision unterzogen. Allerdings sind seine „Familienbilder“ ihrerseits zum kanonischen Kern seines Werkes geworden, der auch nach seinem Tod immer wieder ausgestellt und publiziert wurde. Das hat bisweilen den Blick auf andere Werkkomplexe verstellt.

Um auf Borchert als „Medienarchäologe“ zurückzukommen...

Der archivarische Hang, über den wir sprachen, führte Borchert auch in fotografische Bild- und sogar in Filmarchive, wo er quasi-archäologische Ausgrabungen vorgenommen hat. Für sein Dresden-Projekt „Bilder aus Dokumentarfilmen“ sichtete er in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre über 50 000 Meter Film, kopierte Einzelbilder heraus und stellte sie zu einer großen Serie zusammen.

Borcherts Verhältnis zu seiner Heimatstadt Dresden war ambivalent. Was lässt sich zu diesem Verhältnis sagen?

Nach dem Abitur ist Borchert aus Dresden weggezogen, doch blieb die Stadt für ihn wichtiger Bezugspunkt. Der Weggang ermöglichte ihm eine Außenperspektive und jene Distanz, von der ich schon sprach. Bei aller Heimatliebe war sein Blick nie nostalgisch-verklärt, sondern analytisch. Die „Bilder aus Dokumentarfilmen“ machen das besonders deutlich. Man kann dieses Projekt als Gegenentwurf zu Richard Peters bekanntem Bildband „Dresden – eine Kamera klagt an“ verstehen, der Zerstörung und Neuaufbau zeigt, die Vorgeschichte der Bombardierung vom 13. Februar 1945 aber ausklammert. Borchert präsentiert mit seinen ca. 500 Filmstills eine alternative Bildgeschichte Dresdens, in der die Verstrickung Dresdens in den Nationalsozialismus nicht ausgeblendet wird. Hier bezieht Borchert gegen den von der SED gepflegten Opfermythos Dresdens Stellung.

Christian Borchert

Christian Borchert. Familie W., Dresden (Abteilungsleiter Bildende Kunst im Kulturamt; Pädagogische Mitarbeiterin), 21. März 1993 (aus: Familienporträts).

Quelle: Christian Borchert

Wie ging es nach 1989/90 weiter für Borchert?

Förderung kam u. a. von der Stiftung Kulturfonds Berlin. Sein düsterer Zyklus „Tektonik der Erinnerung“, in dem er eine neue fragmentarische Bildsprache erprobt, zeigt Dresden nach der Wende. Insgesamt ist Borchert nach 1990 bei seinen Themen geblieben und entwickelte sie weiter: Porträts, Straßenszenen, Stadtbild- und Architekturaufnahmen in Berlin und Dresden. 1977 bis 1985 hatte er ja den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper mit der Kamera dokumentiert. Das Thema hat er wieder aufgegriffen, indem er die Rekonstruktion der Frauenkirche von Anfang an fotografisch begleitete. Dieses Projekt fand durch seinen frühen Tod ein vorzeitiges Ende, aber im Archiv gibt es eine große Abteilung von Bildern, die dem Wiederaufbau gewidmet sind. Die Auseinandersetzung mit einer verlorenen und irgendwie wiederzugewinnenden Geschichte hat Borchert nie losgelassen.

*Der promovierte Kunsthistoriker Bertram Kaschek (Jg. 1976) bearbeitet derzeit als Stipendiat der VolkswagenStiftung im Rahmen der Förderlinie „Forschung im Museum“ das fotografische Werk Christian Borcherts am Kupferstich-Kabinett der SKD, in Kooperation mit der Deutschen Fotothek Dresden

www.skd.musem

Von Teresa Ende

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