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Regional „SCHWARZ-SEHEN“: Angela Hampel zeigt Malerei, Zeichnung und Druckgrafik
Nachrichten Kultur Regional „SCHWARZ-SEHEN“: Angela Hampel zeigt Malerei, Zeichnung und Druckgrafik
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09:00 13.12.2017
Angela Hampel: „Traurige Ernte 2016“, Mischtechnik/Leinwand Quelle: Angela Hampel
Dresden

Diese Ausstellung ist ein Resümee getaner Arbeit für die Kunst (nicht nur) dieser Stadt. Angela Hampel steht in der Reihe ihrer ersten Künstlerinnen. Unbequem und hartnäckig verfolgt sie ihren Weg, entlarvt die geschäftige Welt, zelebriert in ihrer Kunst Entzauberung durch Zauber, beschwört Mythos als Realität und Lebensinhalt einer Schaffenden, die furchtlos in den Abgrund sieht, ohne zu zaudern, und sich eine Portion schwarzen Humors und Schalks dabei bewahrt hat. „Schwarz“ ist auch das Thema dieser Ausstellung im Sprichwort wie im Leben: Das „Schwarzsehen“ der großen Prophetin Kassandra, mit der sich Hampel identifiziert. Seit vielen Jahren und durch die Freundschaft mit Christa und Gerhard Wolf vertieft, illustriert und gedeutet. Der stumme Schrei der gemordeten Prophetin aus Troja hallt auch in der jetzigen Ausstellung der Dresdner Galerie Mitte nach. Schließlich besteht dieses wache und aufrüttelnde Schwarz, kombiniert mit Weiß und Rot auf den dunklen, todtrunkenen Bildern (inzwischen für Hampel zum Markenzeichen geworden) die Vielfalt der malerischen Palette, deren farbige Summe rein optisch zum Schwarz hin tendiert und sich in ihm erfüllt.

Bitter ist der Tod, der als schrecklicher nackter Schädel, Skelett oder sensenschwingender „Fröhlicher Landmann“ bei Hampel erscheint. Eine Nackte präsentiert auf großem rundem Tablett die Ausbeute des Jahres in Gestalt von einem Dutzend Totenschädeln: Die Mischtechnik „Traurige Ernte 2016“ ist ein groteskes, an den Totentanz erinnerndes Narrenstück, in dem vielleicht die teuren Toten, Freunde und Bekannten der Künstlerin, verschlüsselt ihren letzten Auftritt haben. Ein Bild mit einem Boot voller Ratten („Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“) zieht den Blick des Betrachters der Ausstellung magisch an und reiht sich ein in die Serie von Narrenschiffen, die sie so zahlreich gemalt hat. Angela Hampel liebt das Drastische und den malerischen Exzess, den expressiven Ausdruck von Gesicht und Körper, die oft verzauberten Gesten zwischen ihren Figuren, die an archaische Formen und ihre malerischen Umsetzungen denken lassen. Die Nähe zur Kunst der indigenen Völker drückt sich auch in den vier Selbstdarstellungen mit Masken der Volksgruppe der Selk’nam aus: Das indigene Volk lebte in Feuerland bis Mitte des 20. Jahrhunderts und wurde durch Argentinien ausgerottet. Der deutsche Ethnologe Pater Martin Gusinde beschrieb die durch ihre besonderen Masken und deren Bemalungen bekannt gewordenen indianischen Nomaden. In der Maske und der Verkleidung verfremdet Hampel die Figur und spielt mit dem Spiegel der Selbstreflektion über in aktuellen Situationen verborgene archetypische menschliche Muster.

Angela Hampel: „Kasper flieht“, sibirische Kreide Quelle: Angela Hampel

Seit 1984 arbeitet sie in ihren Bildern mit dem biblischen Mythos von Kain und Abel. Der in der Genesis 4/1-16 beschriebene Brudermord nimmt in ihren Bildern allgemeinere Züge an. Er wird zum Gleichnis für alle Gewalt, die sich Menschen gegenseitig antun, aber auch für die vielen Kriege, die das letzte und unser Jahrhundert erlebt haben. Von anfänglich der Neuen Kunst der Wilden nahestehenden expressiv-kreatürlichen Darstellungen (Lithografie 1984) bis hin zu einigen Serien von Farbzeichnungen in der Gegenwart durchzieht das Thema die ganze Malerei und Grafik der Künstlerin gleichsam erschüttert und betroffen. Es ist die Frage nach dem Menschsein und dem Animalischen in ihm, das sie immer wieder umtreibt. In vielen ihrer Bildthemen steht das Tier dafür, für das Dunkle, Unbewusste im Menschen, das in Millionen Jahren Evolution Urformen in sich bewahrt hat, die in ihm gewalttätig und ungezähmt nachwirken. Auch auf den Mythos des Tieres beziehen sich viele Darstellungen, auf Fisch, Rabe und Tiger, Löwe, Schlange und Hund, deren Urinstinkte Hampel faszinieren, die Lust und entfesselte Natur gleichsam kraftvoll und unverstellt verkörpern. Aber das Ungezügelte des Tieres ist unschuldiger als die Gewalttätigkeit des Menschen, der Verstand hat, der zum Bösen und Guten gleichermaßen bewusst geneigt sein kann. Angela Hampel versteht sich als politische Künstlerin, wenn sie zu solchen Fragen Stellung nimmt. Die menschliche Dimension ihrer Kunst ist zutiefst ehrlich und engagiert und nimmt Anteil am Schicksal ihrer Nächsten. Das erklärt ihren aktiven Einsatz für die Anerkennung der Rechte von Frauen ebenso wie für ihre Künstlerkolleginnen in der Künstlerinnengruppe „Dresdner Sezession 89“, deren Mitbegründerin sie ist.

Angela Hampel weiß aus eigenem Erleben um Tod und Vergänglichkeit aller Wesen und Dinge. Ihre Vanitas-und Natur-morte-Bilder erzählen vom Verfall und der Not des Abschieds, der Qual und der Furcht vor dem Sterben. Sie stellt in ihrer Kunst die Sinnfrage, die auch in dieser Ausstellung hart und unerbittlich an den Betrachter herantritt: „Denn wir sind nur die Schale und das Blatt/Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht//“, schrieb Rainer Maria Rilke in seinem Stundenbuch „Von der Armut und vom Tode“.

Bis 20. Januar 2018. Galerie Mitte, Striesener Straße 49. 01307 Dresden. Tel. 0351/459 00 52geöffnet: Die-Fr 15-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr, geschlossen am 26.12. 16. Dezember, 19 Uhr, Lesung mit Hannelore Koch 20.Januar 2018, 19 Uhr, Finissage

www.galerie-mitte.de

Von Heinz Weißflog

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