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Rückkehr eines Stückes Identität: Vor 30 Jahren wurde die Semperoper wiedereröffnet

Rückkehr eines Stückes Identität: Vor 30 Jahren wurde die Semperoper wiedereröffnet

Gelegentlich konnte man über Besucher der Stadt Dresden hören und auch lesen, dass sie einem ziemlichen Irrglauben verfallen waren. Dachten sie doch, ein so schönes Haus wie die Semperoper kann nur nach der politischen Wende wiedererstanden sein, vermutlich auch nur mit Hilfe des Solidaritätszuschlags.

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1945 zerstört und 1985 wiedereröffnet: die Dresdner Semperoper.

Quelle: Collage: Marcus Bräunig/Semperoper

Die zweite Kuriosität - mittlerweile ein alter Hut - ist der Aufmerksamkeit geschuldet, die Werbung erzeugen will. Und so mutiert das Opernhaus mal kurz zur Brauerei, verschafft dieser mit dem Coup mehr Popularität und hilft im Gegenzug der Sächsischen Staatsoper bei der Realisierung der Arbeit mit ihrem Jungen Ensemble.

Der geniale Architekt Gottfried Semper hatte das von ihm entworfene zweite Königliche Hoftheater aus politischen Gründen nicht mehr selbst errichten können (Bauzeit: 1871 bis 1878; sein erstes Opernhaus war 1869 abgebrannt). 1945 brachte dann der Zweite Weltkrieg auch der neuerlichen Hofoper das Ende, wie unzähligen Bauten in der gesamten Innenstadt. Dass der Theaterplatz heute wieder von Sempers halbrundem Bau mit der Pantherquadriga über dem Mittelportal bekrönt wird, war wirklich und wahrhaftig ein Werk der DDR. 225 Millionen Ost-Mark musste der sozialistische Staat dafür bereitstellen und einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag für die zugehörigen funktionellen Neubauten. Ursprünglich sollte das ehrgeizige Vorhaben nur die Hälfte kosten. Aber explodierende Baupreise, insbesondere bei überreichen Rekonstruktionen, sind ja wahrlich keine Überraschung.

Mit Notdach und zugemauerten Fensterhöhlen überdauerte das Haus

Schon im ersten Nachkriegsjahr 1946 begann die Sicherung der Ruine. Sie dauerte bis 1955 an. Die Dresdner hofften sehr auf die Rückkehr des Gebäudes. Trotzdem mussten sie am Anfang den Einsturz weiterer Bausubstanz erleben sowie unabhängig von ihrer Spendenbereitschaft die Diskussion um Abriss und einen modernen Neubau. Lange war nicht sicher, ob es ein drittes Opernhaus nach dem Vorbild Gottfried Sempers geben würde oder ob dem ausgebrannten Gebäude das Schicksal der Sophienkirche und barocker Dresdner Bürgerhäuser drohen würde, die aus dem Stadtbild verschwanden. Mit einem Notdach versehen, die Fensterhöhlen zugemauert, überdauerte das Haus anschließend noch eine weitere Phase, in der die Architekten und Denkmalpfleger konzeptionelle Überlegungen für einen möglichen Wiederaufbau anstellten.

1976 hatte sich der DDR-Staat endgültig dazu entschlossen und am 24. Juni 1977 konnte die Grundsteinlegung erfolgen. Knapp acht Jahre später hatten die vielen Akteure unter der Leitung des VEB (Volkseigener Betrieb) Gesellschaftsbau Dresden mit Chefarchitekt Wolfgang Hänsch (1929-2013) das Gemeinschaftswerk vollendet. Allein 80 freischaffende Maler, Restauratoren und Bildhauer hinterließen in dem reich dekorierten Bau im Stile italienischer Hochrenaissance ihre Spuren.

Erstmals mussten hier umfassend alte Handwerkstechniken neu entdeckt werden, auf die man bei späteren Rekonstruktionen in Dresden und Sachsen zurückgreifen konnte. So war die Herstellung von imitiertem Marmor durch den Stuckateur oder aufgemalter Marmortechniken, wovon die Vestibüle und Foyers heute meisterhaftes Zeugnis ablegen, erst wieder neu zu erlernen. Auch hatten viele der engagierten Künstler zuvor noch nie einen Malstock in der Hand gehabt oder mussten bis dato kopfüber in zeitraubender Manier Wände bemalen.

Der Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich ist noch heute berührt von dem Eindruck, den sein Auftritt vor Bauarbeitern in der ausgebrannten Ruine in ihm hinterlassen hat. Wie er in einem Gespräch mit der Autorin sagte, habe ihm der Anblick dessen, was einmal das schönste Theater der Welt war, die ganze Sinnlosigkeit von Krieg vor Augen geführt. Die Wiedererbauer konnten nicht auf Originalpläne setzten, diese blieben verschwunden. Sie nutzten kleinste Originalreste, Fotos, Zeichnungen, alte Rechnungen und Vergleichsbauwerke von Gottfried Semper. Mit behutsamen Veränderungen wurde die Oper heutigen Theaterbedingungen angepasst. So ist der Zuschauerraum etwas größer geworden. Dennoch schrumpfte die Platzkapazität wegen des Verzichts eines fünften Ranges für Publikum von 1700 auf 1300 Plätze. Auch die Bühne ist ohne auffällige Eingriffe in die historische Substanz großzügiger ausgefallen. Hingegen musste am sehr kleinen Orchestergraben inzwischen nachgebessert werden.

Mit Aufmerksamkeit wurden die großartigen Leistungen in der Phase des Wiederaufbaus verfolgt und auch "von oben" entsprechend dargestellt. Ob Minutenuhr, Kronleuchter oder Schmuckvorhang - jede Rückkehr erzeugte in der Bevölkerung Vorfreude auf die Oper, die nicht zuletzt auch als Kunstgattung mit vielen prominenten Namen gerade in Dresden endlich wieder ihren eigenständigen Platz erhalten sollte. Bevor es so weit war, hatte unter anderem Modellbauer Franz Bretschneider Gipsmodelle gefertigt, nach denen viele Rekonstruktionen erfolgten. Eines der Highlights damals war die Vorstellung des fast sechs Meter hohen Kronleuchters, gefertigt von den VEB Leichtmetallgießerei Dresden und Spezialleuchtenbau Wurzen.

Auch die Anfertigung des handbemalten Schmuckvorhangs im Palais im Großen Garten stieß auf große Resonanz. Das Original von Ferdinand Keller war verbrannt. Die Überführung zum Theaterplatz im Juni 1984 sollte eigentlich ein beachtetes Spektakel in Form einer Prozession werden. Doch just an jenem Tag weilte Nordkoreas Diktator Kim Il Sung auf Staatsbesuch in Dresden, und Menschenaufläufe waren gar nicht willkommen. So wurde der aufgerollte Schmuckvorhang nur bis zum Hygienemuseum getragen und von da mit einem Tieflader transportiert. Ähnlich amüsierte man sich nach Bekanntwerden über die Akustikprobe im neuerrichteten Theater. Dafür waren stillsitzende NVA-Soldaten abkommandiert worden. Wohl nicht der schlechteste Dienst.

Zum 40. Jahrestag der Zerstörung Dresdens war es dann so weit: Am 13. Februar 1985 wurde die dritte Semperoper offiziell eröffnet. Auf dem Theaterplatz hatten sich Zehntausende Bürger eingefunden, nicht unbedingt, um die pelzmützenbewehrten Obrigkeiten zu sehen. Von Erich Honecker wollte man am ehesten hören, ob er auch etwas zum Wiederaufbau des Dresdner Schlosses zu sagen hätte, das die nächste riesige Herausforderung werden sollte. Der damalige Opernintendant Gerd Schönfelder erhielt den symbolischen goldenen Schlüssel. Zu den Eröffnungspremieren Webers "Freischütz", Strauss' "Rosenkavalier", "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" (eine Uraufführung von Siegried Matthus) und dem Ballett "Brennender Friede" (Musik: Udo Zimmermann) sah man neben der Politprominenz festlich gekleidete Menschen. Für die Semperoper holten die Damen ihre edelste Robe aus dem Schrank, wie das heute nur noch zum Opernball üblich ist.

Karten für eine Aufführung waren heiß begehrt. Davon kann der ehemalige Tänzer und heutige Unternehmer in der Hotel- und Tourismusbranche Christfried Drescher anschaulich berichten. Bis 1990 war er nach dem Ausscheiden aus dem Tänzerberuf in der Kasse Schinkelwache Herr über das Kartenkontingent. "Jeden Montag ab 5 Uhr früh habe ich Nummern ausgegeben", erzählte er einmal. Um der riesigen Wartegemeinschaft die Lage etwas zu vereinfachen, habe er dann auf einer Tafel angezeigt, wie weit sich das Warten noch lohnen würde. Auch geführte Besichtigungen durch das Opernhaus waren lange ein Renner.

Der Fokus richtet sich längst auf den Inhalt und weniger die schöne Hülle

Doch in jedes gefeierte Objekt kehrt irgendwann Normalität ein. Der Fokus richtet sich längst mehr auf den Inhalt, denn auf die schöne Hülle, die darüber hinaus bei jährlich rund 700000 Besuchern und pompösen Events auch leidet. Die größte Katastrophe für Bauwerk und Inszenierungen war 2002 die so genannte Jahrhundertflut. Schaden nahmen unter anderem die Kellerräume, große Teile der Bühnen- und Elektrotechnik, Dekorations- und Kostümwerkstatt, etliche Instrumente. Glück im Unglück: Die Staatskapelle war gerade zu Gast bei den Salzburger Festspielen, und bis zum Zuschauerraum waren die wild gewordenen Wassermassen nicht vorgedrungen.

Dem normalen Verschleiß und neuen Nutzungen sind die seit einiger Zeit andauernden Sanierungs- und Umbauarbeiten geschuldet. An Sanitäranlagen, Vestibüle und Foyers sowie an den Schmuckvorhang wurde bereits Hand angelegt. Eingangstüren, Kassen- und Garderobenbereich sind inzwischen, abweichend von der Wiedererrichtung vor 30 Jahren, verändert worden. Auch das ehemalige zur Oper gehörende Restaurantgebäude wird gegenwärtig umgebaut und soll als Studiobühne wieder öffnen. Die meisten Schlagzeilen aber provozierte zuletzt der designierte, wieder entlassene und nun immer noch fehlende Intendant, wobei dieser durchaus auch wieder weiblich sein darf.

Jubiläumsführung "30 Jahre "dritte" Semperoper am 13.2., 16.15 Uhr, Semperoper. Unbedingt nachfragen unter Tel. 0351/3207360, ob noch Plätze frei sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2015

Genia Bleier

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