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Revolutionäres aus der Sammlung Tsarenkov

Kunstsammlungen Chemnitz Revolutionäres aus der Sammlung Tsarenkov

Unter dem Motto „Revolutionär!“ könnte die „Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“ ein Publikumsrenner werden. In diesem Umfang ist in hiesigen Breiten wohl noch nie russische Avantgarde vertreten gewesen: Gezeigt werden 400 zwischen 1907 und 1930 entstandene Werke von 110 Künstlern, darunter eigentlich alle von Rang und Namen in jener Zeit eines qualitativen Umbruchs in der Kunst.

Tasse und Untertasse, Entwurf: Wassily Kandinsky, 1921, Porzellanmanufaktur Duljowo. Vladimir Tsarenkov’s Collection, London.

Quelle: Kunstammlungen Chemnitz

Chemnitz. Während des jüngsten Akademiesalons mit Marion Ackermann, der Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (DNN vom 18. Januar 2016), kam die Frage auf, warum vor Ort niemand auf die Idee gekommen sei, das 100. Jubiläum der Oktoberrevolution zum Anlass einer Sonderausstellung zu nehmen. Der Fragesteller hatte dabei wohlgemerkt die aufregende russische Kunst jener Zeit im Sinn. Wenn auch nicht die hiesigen, die Chemnitzer Kunstsammlungen – erwähnt werden sollen ähnliche Unternehmungen in Bern und Zürich – haben diesbezüglich erneut einen Coup gelandet. Hatte das Museum 2012 mit der realistischen Malerei der „Peredwischniki“ spektakulären Zuspruch erfahren – die 90 Werke von 41 Künstlern kamen aus der Tretjakow-Galerie Moskau und dem Russischen Museum in Petersburg –, knüpft man nun daran an.

Unter dem Motto „Revolutionär!“ könnte die „Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“ ein ähnlicher Publikumsrenner werden. In diesem Umfang ist in hiesigen Breiten wohl noch nie russische Avantgarde vertreten gewesen: Gezeigt werden 400 zwischen 1907 und 1930 entstandene Werke von 110 Künstlern, darunter eigentlich alle von Rang und Namen in jener Zeit eines qualitativen Umbruchs in der Kunst, an dem eben nicht nur Westeuropäer, sondern gleichermaßen Russen und andere Osteuropäer beteiligt waren. Es waren mehrere Künstlergenerationen, die in den bewegten Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg zwischen München und Paris, Petersburg/Petrograd und Moskau neue, vorwärts weisende Positionen entwickelten, die in den Revolutionsjahren und im frühen Sowjetrussland noch eine ganz eigene Dynamik gewannen. Man muss sich dabei nur der schnell entstehenden und vergehenden Gruppierungen und Zeitschriften, der zahlreichen Kunstschulen, darunter jene in Witebsk, wo unter anderen Chagall und Malewitsch lehrten, sowie der riesigen Aktionen – etwa zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution in Petrograd und Moskau – bewusst werden.

El Lissitzky

El Lissitzky: Suprematistische Erzählung von zwei Quadraten in 6 Spielen, Lithografie 1922. Vladimir Tsarenkov’s Collection, London

Quelle: Kunstammlungen Chemnitz

Zwar hatten sich einige Künstler wie Archipenko, Jawlensky oder Sonja Terk (Delauney) schon früh auf Dauer im Westen niedergelassen, viele der Akteure verließen ihre Heimat aber erst unter dem Eindruck des Bürgerkriegs zu Beginn der 1920er Jahre, darunter Baranow-Rossiné, David Burljuk, Gontscharowa, Kandinsky, Larionow und Puni. Manche kamen sogar später zurück wie Falk, El Lissitzky oder Malewitsch – einige selbst noch in den 1930er Jahren, was angesichts der einsetzenden stalinistischen Terrorwelle heute schwer nachvollziehbar ist.

Anzumerken ist noch: Wann immer von „Russischer Avantgarde“ die Rede ist: viele der Künstler stammten aus der Ukraine, begannen wie Archipenko, Exter oder Tatlin ihren Weg in Kiew, oder auch aus Georgien wie Kabakadse. Und gleich wo sie wirkten, die meisten, darunter zahlreiche Frauen, waren „breit aufgestellt“, wie auch die Chemnitzer Schau deutlich macht: Neben Gemälden, Zeichnungen und Grafiken findet man Architekturmodelle, Vorarbeiten für Theaterdekorationen, Entwürfe für Bucheinbände, Textilien, Plakate und – was manchen vielleicht verwundern wird – ein großes Sortiment aufsehenerregendes, teils mit suprematistischem/ konstruktivistischem Dekor ausgestattetes Porzellan.

Das breite und Genre übergreifende Engagement der Künstler, auch als Funktionäre und Hochschullehrer, macht deutlich, dass sie in der Mehrheit ihrem Schaffen eine beträchtliche gesellschaftliche, ja die Gesellschaft bis ins individuelle Leben verändernde Wirkung beimaßen – und dies nicht nur national, sondern international. Auch dieses Selbstverständnis war international, wie nicht zuletzt das 1919 gegründete Bauhaus zeigt, wo Kandinsky 1922 bis 1933 wirkte. Dass sich viele Bauhäusler nach 1933 in der Emigration wiederfanden, wundert angesichts der formalen Radikalität und des in weiten Teilen rebellisch-sozialutopischen Geistes am Bauhaus nicht, genauso wenig, dass Künstler wie Kandinsky sich nicht mit den sich früh zeigenden diktatorischen Zügen in Sowjetrussland anfreunden konnten.

Kasimir Malewitsch, Bauer beim Wassertragen, 1920er-Jahre, Bleistift auf Papier

Kasimir Malewitsch, Bauer beim Wassertragen, 1920er-Jahre, Bleistift auf Papier. quelle: Vladimir Tsarenkov’s Collection, London.

Quelle: Kunstammlungen Chemnitz

Die Ausstellung in Chemnitz bestätigt den Besucher in dem, was ihm vor Augen schwebt, wenn er den Begriff „Russische Avantgarde“ hört. So begegnet man einem großen Konvolut grafischer Blätter, teils aus der Mappe zur Oper „Sieg über die Sonne“ (1923), von El Lissitzky. Zugeordnet ist das konstruktive Modell eines Lenindenkmals von dem Architektenduo Schtschuko/Gelfrejch, das wohl riesig ausgefallen wäre – allerdings mit einem eher winzig erscheinenden Lenin an der Spitze. Nachvollziehbar werden interessante Vernetzungen, hatten doch der jüngere El Lissitzky, aber auch Jakerson, von dem suprematistisch beeinflusste Arbeiten zu sehen sind, wie Malewitsch an der Witebsker Kunstschule gearbeitet. Von diesem, dem Begründer des Suprematismus wiederum, kann man neben früheren Werken das kleine Blatt „Schwarzes Quadrat und Kreis“ (1920/21) sowie bisher weniger bekannte „Architekturen“ aus den späten 1920er Jahren bewundern. In dieses Umfeld gehören auch Kluzis, Kljun, Puni, Sujetin und Tschaschnik. Verwandt sind die eher konstruktiven Werke von Alexandra Exter, Jermilow, Popova und Wesnin.

Ebenso trifft man auf dem Kubismus sowie dem Futurismus verhaftete Kunst. Der Bogen spannt sich von Gemälden Baranow-Rossinés zu den Brüdern Burljuk, zu Gontscharowa, Larionow oder Vassilieff. Auch zwei Werken Jawlenskys, darunter die fauvistisch beeinflusste „Frau mit Kopfbinde“ (1909), begegnet man. Aus Deinekas Sportszenen (Baseball, 1935) wiederum sprechen unter anderem Anregungen des amerikanischen Realismus, die durchaus in den sowjetischen Geist der 30er/40er Jahre passen.

Vladimir Tsarenkov, Sammler und Leihgeber der Ausstellung, bei der Eröffnung in Chemnitz, neben Skulpturen von Dawid Jakerson

Vladimir Tsarenkov, Sammler und Leihgeber der Ausstellung, bei der Eröffnung in Chemnitz, neben Skulpturen von Dawid Jakerson.

Quelle: Kristin Schmidt

Interessant ist, dass – vor allem in den angewandten Bereichen – oft eine Anverwandlung von Elementen russischer Volkskunst stattfand, so durch Gontscharowa in ihren Bühnenbildern oder auf speziellen Bilderbögen. Ebenso spiegeln sich solche Elemente teils auf den Porzellanen, vor allem größeren Tellern, die zudem häufig revolutionäre Aufschriften tragen. Entwürfe für die – oft noch unter Verwendung von Weißporzellan aus der ehemaligen Petersburger Manufaktur des Zaren – bemalten Stücke, aber auch neues, avantgardistisches Geschirr schufen viele der schon Genannten, darunter Kandinsky und Malewitsch. Wie zeitbezogen sie arbeiteten, zeigt nicht zuletzt das Schachspiel „Rot und Weiß“ (1922) von Natalja J. Danko.

Vladimir Tsarenkov (Jg. 1948), Sammler und Leihgeber der Ausstellung, hat in den gut 35 Jahren, seitdem er sich nach der Ausreise aus der Sowjetunion in Paris niederließ, eine der größten Sammlungen dieses mittlerweile im Kunsthandel recht begehrten Porzellans wie auch eine beeindruckende Zahl von Werken der „Russischen Avantgarde“ – anfänglich für – erworben. Der Immobilienunternehmer, der heute in London lebt, nennt darüber hinaus unter anderem antike griechisch-römische Kunstwerke, zeitgenössische iranische Kunst und islamische Metallarbeiten sein eigen. Seine Sammlung umfasst etwa 3000 Exponate.

Das, was nun in Chemnitz gezeigt wird, und teils in diesem Jahr noch in eine Reihe anderer Ausstellungen wandert – wie Stücke aus der Sammlung Tsarenkov überhaupt zu diesem Zweck öfters unterwegs sind –, ist in seiner Breite und Vielfalt ungemein sehens- und bemerkenswert.

bis 19. März, geöffnet Di bis So 11 bis 18 Uhr,
öffentliche Führungen täglich 12 Uhr
sowie Mi, Sa/So auch 16 Uhr,
Vorträge und Lesungen 7., 12., 23. und 26. Februar, jeweils 18 Uhr, Filme (Kino Metropol) am 4., 5. und 7. Februar jeweils 17 oder 19 Uhr
Katalog, 424 S. mit farbigen Abbildern aller Werke und Essays von zehn Autoren, 30 Euro

 

weitere Informationen:
www.kunstsammlungen-chemnitz.de
info.kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de

Von Lisa Werner-Art

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