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Regional Regisseurin Nora Schlocker mit Brecht-Debüt in Dresden
Nachrichten Kultur Regional Regisseurin Nora Schlocker mit Brecht-Debüt in Dresden
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14:39 11.03.2018
Schauspielerin Betty Freudenberg als Shen Te/ Shui Ta Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Nora Schlocker war erst zögerlich, ob sie ausgerechnet bei ihrem Dresden-Debüt Brecht inszenieren sollte. Doch die Innsbruckerin des Jahrgangs 1983, die mit 19 ihr Regiestudium an der Ostberliner Hochschule „Ernst Busch” (mit einer gebrauchten Gesamtausgabe des Altmeisters) begann und ab da, meist als feste Hausregisseurin, schon eine beeindruckende Rundreise durch die deutschsprachige Theaterlandschaft – über Maxim Gorki, Weimar und Düsseldorf gen Basel startete und Mutter zweier Kinder ist, ließ sich dann doch überzeugen – serviert aber am heutigen Sonnabend zur Premiere im Schauspielhaus eine frühe Variante vom späteren Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan”.

Frage: Frau Schlocker, war Ihr Weg ans Theater vorprogrammiert?

Nora Schlocker: Ich denke, in gewisser Weise schon. Meine Mutter hat mich als Kulturjournalistin früh mit Bildender Kunst und Architektur vertraut gemacht. Seit ich klein war, war ich auf Vernissagen und im Theater. Schon als Grundschulkind war ich in Barockopern, das hat mich sehr geprägt. Außerdem habe ich als Kind auch schon viel Theater gespielt. Als Teenager war dann Musik interessanter, da habe ich mich rasch von der Klarinette emanzipiert und eine E-Gitarre gekauft.

Sie haben dann später aber sofort Regie studieren wollen?

Mir war ziemlich schnell klar, dass ich fürs Schauspielen zu stur war und zu genaue Vorstellungen vom Gesamtwerk hatte. Und für die Regie war ich eigentlich noch zu jung, an der „Ernst Busch“ gab es damals noch ein Aufnahmemindestalter, man sollte möglichst schon ein Studium absolviert haben. Ich brauchte Theatererfahrungen und so habe ich vorher Regieassistenzen in Luzern und Frankfurt gemacht. Als ich mich dann fürs Studium bewarb, war ich 18 – und wurde genommen, so dass mein Studium mit 19 begann.

Warum ausgerechnet Ostberlin und „Ernst Busch“?

Na, ich wollte weg – in erster Linie weg aus Innsbruck: das war mir zu klein und meine Mutter dort bekannt wie ein bunter Hund. Ich war immer ‚die Tochter von der Schlocker‘. Ich wollte raus in die Welt und etwas durch eigene Kraft schaffen. Als Regieschule war sie auch damals die begehrteste.

Dann kam sofort das Maxim Gorki Theater als erste Station – noch während des Studiums?

Ja, genau im ersten Jahr von Armin Petras.

Sind Sie wegen ihm da hin?

Nein, eigentlich wegen Andrea Koschwitz, seiner Chefdramaturgin. Sie war eine der einprägsamen Frauen auf meinem Weg – zuvor war ich ja schon bei zwei Intendantinnen als Regieassistentin: bei Barbara Mundel, damals in Luzern, und Elisabeth Schweeger in Frankfurt. Auch Andrea Koschwitz ist eine sehr gute Förderin – von jungen Regisseurinnen und auch Autorinnen.

Es entwickelte sich schnell eine intensive Arbeitsbeziehung mit einigen Inszenierungen. Da sie sich im Gorki sehr mit junger Dramatik beschäftigten, wurde ich vor allem für Uraufführungen gebucht, die Texte waren dabei durchaus unterschiedlicher Qualität. Sie produzierten zum Beispiel per Kooperation mit dem Berliner Theatertreffen immer die Gewinnerstücke vom ‚Stückemarkt‘.

Die Sie zwei Mal hintereinander auf die Bühne brachten?

Ja, ich war auserwählt, zweimal diese Gewinner zu inszenieren: 2007 war das Maria Kilpi mit „Harmin Paikka – plus null komma fünf windstill“, und 2008 war es Klaas Tindemans‘ „Bulger“. Letztere war eine Arbeit, die ich sehr mochte, vor allem weil ich damals den Originalfall als Zehnjährige vorm Fernseher verfolgt hatte, als zwei ebenso Zehnjährige in England einen Dreijährigen aus dem Supermarkt entführten und töteten – und eine mediale Hetzjagd auf die Kinder begann.

Was war denn rückblickend Ihre wichtigste Berliner Gorki-Regie?

Das war „Madame Bovary“, ein Stück von Tine Rahel Völcker nach dem Roman von Gustave Flaubert – mit Julischka Eichel in der Hauptrolle. Mit ihr habe ich zuvor gleichzeitig studiert – und dann etliche schöne Arbeiten am Maxim Gorki Theater gemacht.

Eine besondere Arbeitsbeziehung verbindet Sie auch mit Tine Rahel Völcker, deren ersten beide Werke ja in Dresden zuerst vorgestellt wurden. Wie viele ihrer Uraufführungen haben Sie denn schon realisiert?

Mindestens fünf. Das begann am Maxim Gorki Theater, setzte sich dann 2007 in Weimar mit den „Studien zur Deutschen Seele“ und auch später in Düsseldorf fort. Wir waren da sogar eine Wohngemeinschaft, gemeinsam mit Xenia Noetzelmann, mit der ich dann auch nach Düsseldorf weitergezogen bin.

In Weimar blühten Sie richtig auf?

Ja, da war ich Hausregisseurin und konnte mir Stoffe selbst auswählen, auch Klassiker inszenieren, erstmals einen intensiven Kontakt zu einem Ensemble und einer Stadt aufbauen. Stephan Märki hat mir damals mit viel Zutrauen große Freiheiten gelassen. Seit damals schätze ich die Chance, Hausregisseurin zu sein.

Warum geht man denn dann von Weimar nach Düsseldorf?

Irgendwann denkt man, man hat alles probiert – und will das woanders auch tun. Außerdem soll man gehen, wenn es am schönsten ist. Außerdem bin ich generell neugierig – und kannte Westdeutschland bis dahin kaum. Leider war die Düsseldorfer Zeit dann eher ernüchternd. Nach einem ambitionierten ersten Jahr kam der überraschende Rücktritt Staffan Holms als Intendant, ab da wurde es ein Kampf. Drei Intendantenwechsel in drei Jahren sind mehr, als ein Ensemble und Teamgeist verkraften kann. Danach dachte ich, dass ich nicht mehr fest an ein Haus gehen will …

Dann rief vor drei Jahren aber doch Basel?

Ja, Andreas Beck hat mich überzeugt. Inhaltlich wie auch menschlich. Und ich bin stolz auf das, was wir in den letzten Spielzeiten am Theater Basel geschafft haben.

Nach Dresden zu Brecht – war das Stück Ihre Idee?

Nein, das war die des Hauses. Ich war zuerst skeptisch. Ich war auf der „Ernst Busch“ – und weiß, was Brecht für Ostdeutschland bedeutet und vielleicht auslösen kann: Jeder kennt ihn besser, die Vorurteile sind groß, die Latte liegt hoch. Mein erster Buchkauf fürs Studium waren seine gesammelten Werke, gebraucht. Doch dann hat mir das Stück keine Ruhe gelassen. Und mich der Ehrgeiz gepackt. Es ist nun mein erster Brecht.

Heißt aber sicher, dass Sie sich ein „Aber“ ausbedungen haben?

Brecht war mit dem Stück recht unzufrieden und hat lange daran herumgeschrieben. Wir haben eine frühe Fassung – die sogenannte ‚Opium-Fassung‘ von 1943 – gefunden. Ein handschriftliches Fragment, das ein Lektor erst einmal per Hand in den Computer eintippen musste.

Ein spannender Vorgang, dem die Verhandlungen mit den recht strengen Erben folgten. Aber alles ging gut. Der Unterschied ist nun, dass es weiter Weg vom Lehrstück ist, dafür stringenter in der Handlung und mit etwas kleinerer Personage auskommt. Es erinnert mich mehr an den frühen Brecht – ist expressionistischer, in der Sprache rauer. Die Liebesgeschichte steht mehr im Fokus. Und der Großkapitalist ist nicht nur Tabakfabrikant, sondern auch Opiumhändler – er macht die Menschen abhängig, und lässt sie dann dafür schuften.

Ich muss das fragen, weil es sich ja heutzutage weltmachtpolitisch anbietet: Lassen Sie es in China spielen?

Nein. Brecht ja auch nicht. Er nutzt den Schauplatz nur als Folie – und wir auch.

Interview: Andreas Herrmann

Premiere am 24. Februar ausverkauft; Restkarten für die Aufführung am 26. Februar um 19.30 Uhr, sowie am 11. März um 16 Uhr und am 17. und 30. März um 19.30 Uhr.

Von Andreas Herrmann

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