Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Regisseur Stefan Herheim vor seiner Premiere mit "Manon Lescaut" in der Semperoper Dresden

Regisseur Stefan Herheim vor seiner Premiere mit "Manon Lescaut" in der Semperoper Dresden

Wenn Regisseur Stefan Herheim den Komponisten Giacomo Puccini auf die Bühne bringt, darf das ganz wörtlich genommen werden: Er bringt Puccini auf die Bühne. Der 1970 in Oslo geborene Theatermann - bereits dreimal als "Regisseur des Jahres" gekürt - inszeniert derzeit seine dritte Produktion an der Semperoper.

Voriger Artikel
Baugenehmigung für Dresdner Kulturpalast im April
Nächster Artikel
Assemblagen, Skulpturen und Objekte von Günter Schöttner in der Galerie Falkenbrunnen in Dresden

Regisseur Stefan Herheim

Quelle: Karl Forster

Nach Dvoráks "Rusalka" und Bergs "Lulu" kommt allerdings auch "Manon Lescaut" als Übernahme einer anderen Bühne heraus. Der Hauptregisseur des Hauses hat aber die Regie auch bei der Umsetzung inne. Und in noch einem Punkt bleibt er sich treu: Wieder ist es eine Frau, die im Mittelpunkt steht. Manon als Opfer, als Täterin? Michael Ernst sprach mit Stefan Herheim.

Frage: Rusalka, Lulu, Manon - dass Sie ausschließlich so starke Frauenfiguren nach Dresden bringen, kann kein Zufall sein. Woraus ergibt sich diese Konzentration?

Stefan Herheim: Das klingt tatsächlich, als hätte man ein wunderbares thematisches Konzept für eine Serie gefunden. Ich muss aber zugeben, das ergab sich allein aus dem damaligen Wunsch von Intendantin Ulrike Hessler und Operndirektor Eytan Pessen, mich an dieses Haus zu binden, obwohl es keine freien Termine in meinem Kalender gab. Demnach konnten wir nur schauen, welche Inszenierungen von anderen Häusern nach Dresden übernommen werden konnten. So ergab sich diese Trias.

Lässt diese nicht auch auf Ihre Vorlieben und Interessen schließen?

Das schon. Der Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert schickte zahlreiche Verführerinnen auf der Opernbühne in die Verdammnis. Er steht ganz zentral in der Geschichte des Abendlandes, dieser ewige Prozess gegen die Frau als Verderberin des Fleisches und des Geistes. Die Sublimierung ihrer Bestrafung ist ein wichtiger Teil der Psychoanalyse, und die Opferung der Liebesgöttin im Theater hatte immer Hochkonjunktur. Kaum jemand hat sie jedoch wirkungsvoller gestaltet als Puccini.

Üben solch starke Frauen - zugleich Opfer, Täterinnen, Verführerinnen - besonderen Reiz auf Sie aus?

Nun, an diesem Topos finde ich vor allem interessant, dass es sich um fiktive Geschöpfe von Männern handelt, die weniger Frauen per se thematisieren als ihr Bild von ihnen. Hybris, Projektion, Angst, Verdrängung und Kompensation sind hier wichtige Stichwörter. Lulu wird als Urteufelin charakterisiert, dabei ist sie nichts anderes als ein Spiegel, in dem die Männer ihre selbstverschuldete Unmündigkeit erkennen. Es ist nicht die Frau selbst, sondern die Ohnmacht ihr gegenüber, an der die Herren zugrunde gehen. Der Mann hat "gottesgleich" zu sein - eine Geschichte, die im vermeintlich widerspruchslosen Paradies begann, als Eva Adam zum Sündenfall lockte. Frauen haben seitdem für alles Schlechte in dieser Welt gebüßt. In "Lulu" spitzen Frank Wedekind und Alban Berg das Phänomen zu und führen männliche Moralvorstellungen auf tragikomische Weise ad absurdum. Rusalka ist dagegen eine sehr subtile, lyrische und leidenswillige Variation dieser zwischen Femme fragile und Femme fatale schillernden Weiblichkeit. Manon ist vor allem wankelmütig und hat selbst scheinbar kein Bewusstsein für das, was ihr widerfährt. Und so wirkt sie wie für dieses Spiel gemacht, in das sie hineingezogen wird, um als treulose Kokette und zugleich leidenschaftlich Liebende effektvoll unterzugehen.

Wie kann man solche Geschichten heute erzählen?

Opernregie heißt für mich, nicht nur den Text und die Geschichte, sondern vor allem die Komposition, das ihr zugrundeliegende Muster und die Rezeptionsgeschichte des Werks kritisch in Frage zu stellen. Es geht um unterschiedlichste Variationen eines Themas. Viel mehr als die szenische Wiedergabe der bemühten Romanvorlage interessiert mich bei "Manon Lescaut" der jugendliche Einfallsreichtum und die überwältigende Schöpfungswut, mit der Puccini den Handlungsrahmen seiner ersten Erfolgsoper geradezu sprengt. Die disparate und sprunghafte Erzählweise des Librettos gibt Anlass, den Zuschauer einen voyeuristischen Blick nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf ihren Schöpfer zu gewähren. Im ständigen Wechsel zwischen Sehnsucht, Hoffnung, Melancholie und purer Verzweiflung verdreht Puccini seinen Figuren den Kopf und zielt manipulatorisch auf die Verführung der Sinne durch die Musik.

Ist Ihre Inszenierung eine Hommage auf Puccini, auf dessen Musik?

Jeder Versuch, ein Werk zum Leben zu wecken, bedeutet, es zu feiern, wenn auch nicht blind und schwelgerisch. Bei "Manon Lescaut" steht die Dimension der Musik selten im Verhältnis zu dem, was verhandelt wird. Am Libretto waren nicht weniger als acht Menschen aktiv. Es ist im wahrsten Sinn ein Machwerk, mit dem sich Puccini als Opernkomponist durchsetzte. 1893 war er kein Junge mehr und besessen davon, seine künstlerische Unabhängigkeit zu erreichen. Diese Partitur ist eine seiner schönsten und originellsten, wohl aber auch seine sprödeste. Sie drückt eine große Verletzbarkeit aus, die Angst vor dem Scheitern, die existenzielle Not eines Mannes, der sich als Komponist beweisen und die Opernwelt erobern wollte. Diese Besessenheit spiegelt sich auch in der Figur Des Grieux wieder. Er folgt Manon durch gesellschaftliche Räume, in denen ihre Liebe nicht lebbar ist. Wenn er nach drei Akten endlich allein mit ihr ist, dann in einer öden Wüste, wo Manon aus Erschöpfung erbärmlich stirbt. Auch hier ist der Text trivial, die Musik dagegen richtig groß, an Tristan gemahnend. Die Gesamtanlage der Oper wirkt philosophisch, modern und radikal.

Sie bringen Puccini tatsächlich auf die Bühne - um sein Werk glaubhaft zu machen?

Nicht in einem realistischen Sinn. Die übersensible Gefühlssprache der drastischen Sehnsucht und Melancholie, mit der Puccini seine Protagonisten ins Rennen schickt, kommt inhaltlich oft unvermittelt und wirkt schnell etwas primitiv. Es wird buchstäblich mit Sadismus und Masochismus operiert. Das hat etwas Beklemmendes, fast Pornografisches, was mich in voyeuristische Verlegenheit versetzt. Ich lasse den Schöpfer in sein eigenes Werk ein- und ausgehen und zeige ihn als Täter, zugleich aber auch als Opfer der peinlichen Verlorenheit, die seine Figuren zum Ausdruck bringen. Natürlich kommt dabei auch Komik auf. Ironie schafft eine Distanz, die ich brauche, um zwischen sehr dramatischen, irrationalen Ausbrüchen Luft holen zu können.

Sie siedeln das Stück im 19. Jahrhundert an?

Im Bühnen- und Kostümbild von Heike Scheele und Gesine Völlm haben wir die ganze Handlung in einen Raum verlegt, der den Werkstattcharakter des Stücks vielfältig reflektiert: In die Pariser Werkstatt, in der Mitte der 1880er Jahre die riesige Freiheitsstatue gebaut wurde. Sie war ein verspätetes Geschenk des französischen Bürgertums zur 100-Jahr-Feier der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Somit schlagen wir natürlich auch eine zeitliche Brücke zum vorrevolutionären Frankreich und dem Rokoko, in den Puccini die Geschichte des Romans von Abbé Prevost verlegte. Aber seine Musik spricht die moderne Sprache des späten 19. Jahrhunderts. Man stellt ihn immer als Meister des Verismus hin. Doch mit der damaligen literarischen "neuen Sachlichkeit" hat er eigentlich wenig am Hut. Vielmehr sind seine Charaktere auf ständiger Flucht von der Realität. Sie sind labile Traumtänzer auf einem zum Reißen gespannten Seil. Sie wollen die unbedingte Freiheit und werden dafür vom Leben bestraft.

Ist inzwischen eine Dresdner Original-Inszenierung von Ihnen geplant?

Die ist von Anfang an geplant gewesen. Seit Frau Hesslers Tod befindet sich die Semperoper allerdings im Umbruch und braucht eine neue künstlerische Führung. Grundsätzlich bin ich dem Haus und seinen Mitarbeitern sehr verbunden, muss aber die Entwicklung abwarten und sehe die Gefahr, dass die Oper in den Schatten der Staatskapelle gerät.

Wie das, wo doch "Manon Lescaut" die erste Dresdner Opernpremiere von Chefdirigent Christian Thielemann ist?

Unsere Zusammenarbeit hier hatte eher einen virtuellen Charakter, denn es gab erhebliche zeitliche Defizite. Für mich ist Oper ein symbiotisches Zusammenwirken von Musik und Theater, und ich halte es für wichtig, dass ein Dirigent sich ebenso sehr für die Regie interessiert wie ein Regisseur für die Musik.

Würden Sie sich eigentlich auch für eine Intendanz interessieren?

Nicht in Kombination mit einer internationalen Regie-Karriere. Ein Intendant muss sich in erster Linie um die künstlerische Kontinuität und um bestmögliche Produktionsbedingungen im eigenen Haus kümmern. Das fordere ich als Regisseur auch ein.

Manon Lescaut, Premiere am 2. März, 19 Uhr, Semperoper

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.03.2013

Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr