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Regisseur Robert Lehmeier vor der Premiere von "Giuditta" am Freitag an der Staatsoperette Dresden

Regisseur Robert Lehmeier vor der Premiere von "Giuditta" am Freitag an der Staatsoperette Dresden

Ein Foto aus seiner Inszenierung der Oper "L'Etoile" von Emmanuel Cha-brier war dem renommierten Fachmagazin "Opernwelt" die Titelseite wert. Die Kritikerumfrage des gleichen Magazins erkor seine Interpretation von "Ariadne auf Naxos" zur besten Inszenierung des Jahres 2007, zuvor schon hatte "Theater heute" seine Bearbeitung von Mozarts "Cosi fan tutte" für zehn Männer als bestes deutschsprachiges Stück ausgezeichnet.

Diese Produktion der Neuköllner Oper in Berlin wurde zu den Wiener Festwochen eingeladen und zur Eröffnung der Saison 2005 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Die Liste solcher Erfolge ließe sich fortsetzen, die Rede ist von Robert Lehmeier, dem Regisseur und Autor, der sich seit 2011 zudem im Leitungsteam des Umculo/Cape Festivals Kapstadt dafür einsetzt, Oper mit jungen Künstlern in Südafrika einem breiten Publikum nahe zu bringen. Zuletzt mit einer vielbeachteten Produktion von Purcells "The Fairy Queen", vor einem Jahr, in Johannesburg und Kapstadt.

Seit etwas mehr als einem Jahr kennt man Robert Lehmeier auch in Dresden. An der Staatsoperette inszenierte er das Musical "Cabaret". Die Kritik bescheinigte seiner Arbeit, die sich allem nostalgischen Klamauk verweigert, bemerkenswerte Schärfe der Sichtweise auf die zeitlose Thematik, die nicht zuletzt durch Verweise auf die Zeit der Entstehung des Stückes sich erschließt. Jetzt arbeitet Robert Lehmeier erneut an der Staatsoperette. Er inszeniert Franz Lehárs letztes Werk, die Operette "Giuditta", 1934 an der Wiener Staatsoper mit den Wiener Philharmonikern uraufgeführt.

Ein paar Tage vor der Premiere ist Zeit für ein Gespräch. Dass man lediglich ein paar Hits - "Meine Lippen, die küssen so heiß" oder den Tenorschlager "Freunde, das Leben ist lebenswert" - kenne und weniger das ganze Stück, läge sicher nicht an der Musik, die es insgesamt auf jeden Fall zu hören lohne.

Lehár kommt hier seinem Ideal nahe, er erfüllt sich seinen Lebenstraum, schreibt eine Operette, und meint doch eigentlich eine Oper im Stile Puccinis. Er mag an die Möglichkeiten der Klangopulenz des Orchesters gedacht haben und ganz bestimmt an sein Traumpaar der Uraufführung, die Sopranistin Jarmila Novotna, sie ging 1938 nach New York, und den Tenor Richard Tauber, der im gleichen Jahr Österreich nach dem Anschluss verließ, sich in London niederließ, nachdem er in Berlin von SA-Truppen dazu aufgefordert worden war, als "Judenlümmel" Deutschland zu verlassen.

Auch Lehár selbst, mit einer jüdischen Frau verheiratet, blieb von dem, was seit 1933 in Deutschland geschah, nicht unberührt, seine Haltung blieb ambivalent, auf der einen Seite setzte er sich für bedrängte Menschen ein, auf der anderen Seite spielte er mit.

"Freunde, das Leben ist lebenswert", konnte man das im Jahre 1934 wirklich noch ernst meinen?

Und schon sind wir mittendrin in einer interessanten Diskussion über Interpretationsfragen bei einem Werk, das ja im wahrsten Sinne des Wortes ein Gegenwartsstück war, mehr noch, denn die Handlung der Operette "Giuditta" beginnt um 1930 und endet in der damaligen Zukunft, gut neun Jahre später, 1939.

Für Robert Lehmeier geht mit diesem Werk die Epoche der Operette zu Ende. Es ist nach seiner Meinung ein Abgesang, eine opulente Feier der Klischees, ob das der Sehnsuchtssüden unbestimmter Orte war, ob spanisch oder sizilianisch, oder die an der damaligen Filmästhetik sich orientierenden Bilder der Stars.

Zudem, so erläutert der Regisseur, kann man in den Auftritte des Buffopaares so etwas wie der Vor- wegnahme der späteren Frontunterhaltung sehen. Aber es stehe auch viel zwischen den Zeilen, was gerne übersehen wird. Der Held ist ein Deserteur. Kurios, Mussolini hat das nicht übersehen. Lehár wollte dem Duce das Stück widmen, der lehnte ab, genau aus diesem Grunde.

Der Name der Titelheldin, "Giuditta", bedeutet in der Übersetzung "die Verstoßene", auch "Jüdin". Hat Lehár etwa subversiver gearbeitet als weithin angenommen? Diese Frage wird sich so einfach nicht beantworten lassen, man kann aus Lehár keinen zeitkritischen Künstler machen, aber dass er Zeitstimmungen aufgenommen hat, dass er vielleicht spürte, dass man gerade in der Operette immer dann die Unbeschwertheit feiert, wenn das Leben alles anders als unbeschwert ist, das darf man nicht bezweifeln.

Seine beiden Textdichter, Paul Knepler und Fritz Löhner-Beda, waren Juden. Sie wussten ganz sicher, was "Giuditta" bedeutet. Löhner-Beda kam 1938 nach Buchenwald, "Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen..." dichtete er dort, 1942 wurde er im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erschlagen.

Und schon sind wir bei der Frage, wie man heute eine solche Operette spielt, nicht ausblendet, was man inzwischen alles wissen kann, aber auch weiß, dass dieses Genre auf keinen Fall dazu geeignet ist, politische oder zeitgeschichtliche Aufklärung zu leisten, schon gar nicht in agitatorischer Absicht.

Es wäre die Kunst, ein solches Werk so zu spielen, dass bei den Zuschauern die berechtigte Erwartung, gut unterhalten zu werden, auch zu schwelgen in dem Reichtum dieser üppigen und auch ausgesprochen gut komponierten und instrumentierten Musik, die Lust am Bild, also Auge und Ohr zu beschenken, nicht zu kurz kommen. Es wäre ein Erfolg, wenn dann dennoch vielleicht der Zuschauer selbst beginnt zu fragen: Was sehe ich hier eigentlich, was höre ich hier eigentlich, und was war eigentlich los, als das alles entstanden ist?

Ohne zu verraten, wie die Inszenierung aussehen wird, für den Regisseur ist es wichtig, dass es sich - wie schon gesagt - auf den genialen Abgesang auf eine Epoche unserer Geschichte handelt, dass mit diesem Stück nicht nur die Operette selbst als Gattung versinkt, was nicht zwangsläufig heißt, dass ihre Lebenskraft erloschen sei.

Es könnte doch ein höchst sinnliches Erlebnis im Theater sein, zu erleben wie eine solche Geschichte gewissermaßen aus der Versenkung aufersteht, wieder voller Lebenskraft uns in ihren Bann zieht und dann doch mit der Frage entlassen kann, wie es kommt, dass derzeit, wo das Wort von der Krise in aller Munde ist, die Lust an der Unterhaltung, und mag sie noch so grell sein, ungebrochen bleibt?

In Berlin überschlagen sich die Operettenerfolge, und die Staatsoperette in Dresden kann ja auch nicht klagen über Mangel an Besuchern. Das ist toll für ein Theater. Das ist die Herausforderung für die Künstler, ihr Publikum nicht zu unterfordern, die Bezüge zur Zeit möglich zu machen, aber eben mit den Mitteln der Kunst, nicht mit dem Holzhammer.

Und da bringt Robert Lehmeier, der aus einem journalistischen Umfeld kommt, als Theaterwissenschaftler sich profiliert hat, bei keinem Geringeren als Harry Kupfer die Regiekunst studieren konnte, inzwischen eine erstaunliche Liste erfolgreicher Arbeiten aufweisen kann, gute Voraussetzungen mit.

"Giuditta", Staatsoperette, Premiere morgen 19.30 Uhr, danach Sa 19.30 & So 15 Uhr

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.06.2013

Boris Michael Gruhl

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