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Regional Raumnot der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft wird dramatischer
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09:49 19.06.2018
Blick in den Hinterhof der Geh8. Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Wenn wir über Räume sprechen, verhandeln wir letztlich um die Entscheidung, wer in dieser Stadt bleiben darf und wer gehen muss.“ So liest sich der zentrale Satz aus der Mitteilung des Dresdner Vereins Konglomerat, der in diesen Tagen noch einmal den Finger in eine Wunde legen will, die aus Sicht der Kulturwirtschaft in der Stadt schon viel zu lange existiert: die von bezahlbaren Räumlichkeiten, vor allem für eine künstlerisch arbeitende Klientel. Das wiederum ist Anlass für eine kleine Tour zu verschiedenen Beteiligten, die über die Stadt verteilt seit Jahren versuchen, in solchen Räumen – dünn gesät, wie sie sind – so manches kulturelle und auch Kiezpflänzchen am Leben zu erhalten.

„Im Bereich Kunst und Kultur geht nicht vordergründig um Wertschöpfung."

Wie in der Gehestraße. Hinter der etwas abweisenden Fassade der Hausnummer 8 verbirgt sich ein Verein mit Ateliers und einem Kunstraum – eigentlich eine 300 Quadratmeter große Werkhalle, die zum ehemaligen dortigen Containerbahnhof gehörte. Der Charme des Ganzen speist sich, wie so oft, aus dem Unfertigen, dem Sperrigen, das der Ort ausstrahlt. Das ist noch so, wird aber – zumindest teilweise – nicht so bleiben. Ab Oktober, so die Ämter wollen, beginnt der Umbau, der sich vorerst wohl den Fenstern und der Elektrik annimmt. Auch das Dach sollte erneuert werden – wegen des späteren Bautermins nun eine Frage der Wetterlage. Schlimmstenfalls werden die Betreiber damit ein weiteres Jahr warten müssen.

Doch ansonsten ist die Geh8, gerade mit Blick auf Kreativwirtschaftsräumlichkeiten, eine Insel der Glückseligen in der Stadt. Das bejaht Paul Elsner auch sofort. Der Künstler und Vereinschef war in jüngster Zeit vor allem mit seiner Riesendisplay-Installation „Restzeichen“ auf dem Dach des Kraftwerks Mitte aufgefallen. In der Geh8 lädt er zum Kaffee an die seit Jahren betriebene improvisierte Theke – und wird gleich eingangs grundsätzlich. „Im Bereich Kunst und Kultur geht nicht vordergründig um Wertschöpfung. Es ist ein ideeller gesellschaftlicher Wert – und die Bedingungen dafür zu schaffen, dafür muss ein Bewusstsein da sein.“ Etwas, das er bei der Stadt nur sporadisch findet, wobei er das Kulturamt ausdrücklich ausnimmt. „Dort haben wir gute Unterstützer“, sagt er. Was ungesagt nachschwingt: Das allein aber reicht nicht.

Problem: Die Kommunikation mit der Stadt sei "fatal"

Die Problemlage erläutert am frühen Nachmittag Juliane Horn, Leiterin der Geschäftsstelle des Verbandes „Wir gestalten Dresden“, der im Gebäudekomplex Kraftwerk Mitte untergebracht ist. Sie erzählt, das allein mit dem aktuellen Wegfall eines Teils der bisher preiswerten Räume an der Lößnitzstraße 14 (wo unter anderem eine Schule entstehen soll) und an der Könneritzstraße 25 (Wohn- und Geschäftspark) ein Bedarf von etwa 6000 Quadratmetern an Atelier- oder Probenräumen. Mehrere hundert Kreativunternehmer verlieren dort mit Stichtag Ende September ihre Räume. „Alternative Standorte mit ähnlicher Infrastruktur sind bisher nicht in Sicht“, heißt es beim Verband. Dort wird dennoch alles getan, Künstler bei Anfragen nach entsprechenden Räumlichkeiten zu unterstützen. Da gibt es hauptsächlich zwei Ansprechpartner: die Kreativraumagentur und die Kreativraumförderung. „Wir versuchen einfach, den Leuten zu helfen. Was manche aber nicht wissen oder wahrnehmen“, sagt Horn.

Kristian Andresen, Mediendesigner der ruestungsschmied.de, auf dem Areal Lößnitzstraße 14. Quelle: Anja Schneider

Damit wäre ein Problem, das alle an diesem Tag Befragten thematisiert haben, bereits angesprochen: Kommunikation. Die mit der Stadt sei „fatal“ gewesen, „weil sie keine Folgen hatte“. Mit diesen Worten blickt der Mediendesigner Kristian Andresen vom Büro ruestungsschmie.de auf den Kampf um die Zukunft des Areals an der Lößnitzstraße 14 zurück. Vor gut fünf Jahren wurden die Bebauungspläne der Stadt erstmals bekannt. Die ruestungsschmie.de (und andere Mitstreiter wie die benachbarte Nikkifaktur) stellten daraufhin eigene Pläne vor, die besonders den Erhalt und Ausbau der Atelierflächen vorsahen. Damals ließen die Beteiligten von Stadtplanungsamt und DREWAG viel Optimismus durchschimmern. Doch der ist Vergangenheit. Dass die vielfach aufgebrachte Energie „oft im Sande verlaufen ist“, ärgert Andresen noch heute. „Solche Erlebnisse machen nicht unbedingt Lust auf mehr.“ Zwar verschwinden an der Lößnitzstraße 14 nicht alle Kreativräume. Aber das sogenannte Künstlerhaus gibt es bereits nicht mehr – und die Nikkifaktur wird ihr Domizil wegen einer drohenden Altlastensanierung wohl auch verlieren.

„Die lebendige Kulturszene bröckelt“

Dabei ist Dresden eigentlich nicht erfolglos. Seit Beginn der Kreativraumförderung im Juni 2015 hätten 77 Projekte mit mehr als 290 000 Euro unterstützt werden können, teilte Robert Franke, Leiter des Amtes der zuständigen Wirtschaftsförderung, auf DNN-Anfrage mit. Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Bündnis 90/Die Grünen) verweist in seiner Antwort wiederum vor allem auf zwei Projekte: das ehemalige Mary-Wigman-Haus (die Stadt hat es vom Freistaat erworben, muss es für eine Millionensumme sanieren) und das ehemalige Volkshaus Cotta (es soll im Herbst für die Nutzung durch die Kultur- und Kreativwirtschaft über die Ausschreibung für ein Erbbaurechtsverhältnis angeboten werden).

Blick auf die ehemalige Wigman-Schule auf der Bautzner Straße in Dresden. Quelle: Archiv

Das Erbbau-Konstrukt ist auch eine Nutzungsform, wie sie Matthias Röder vom Verein Konglomerat vorschwebt. Damit könne die Stadt dazu beitragen, dass „Probierorte“ entstehen, „für die es noch keinen konkreten Plan gibt“. Im Unfertigen als Nährboden für Neues sieht Andresen gleichfalls gute Chancen für Stadtentwicklung abseits der Vorhaben großer Bauinvestoren. „Die mehr oder minder flächendeckende hochwertige Sanierung unterbricht den Zyklus, den eine Stadt normalerweise hat“, sagt er und meint damit: Viertel, die augenscheinlich ab- und leicht verfallen – und damit ärmeren Mietern wie auch Kreativen zufallen. Diesen Lauf der Dinge beobachte er in Dresden gerade nicht.

Dafür einen anderen: „Die lebendige Kulturszene bröckelt“, konstatiert Andresen. Wenn sich der Trend fortpflanze, werde es in Dresden in zehn Jahren keine Subkultur oder Starter-Szene mehr geben, anders als beispielsweise in Berlin. „So etwas muss aus dem eigenen Sumpf aufsteigen – dazu muss der Sumpf aber erstmal da sein.“

Im August soll ein Kreativwirtschaftsbericht veröffentlicht werden

Röder hat mit seinem Verein Konglomerat jedenfalls das Thema der Kreativräume noch einmal aufgegriffen. Viele Institutionen haben sich angeschlossen. Konglomerat ist seit gut drei Jahren in einem kleinen Gewerbegebiet auf der Rosenstraße/Ecke Jagdweg zu Hause. Üppige 5000 Quadratmeter kann er seinen zahlreichen Nutzern zur Verfügung stellen – und stößt doch schon an seine Grenzen. Röder spricht aber nicht nur von Kultur- und Kreativwirtschaft, sondern von Stadtentwicklung. Auch Elsner hat so etwas im Blick, wenn er von kultureller Arbeit mit Jugendlichen spricht, die die Geh8 gern anbieten wollte. Auch ein Café soll entstehen. Mehrfacher Mehrwert für den Kiez. Für die Entwicklung weiterer solcher Ideen und ihrer dann auch möglichen Umsetzung braucht es seiner Meinung nach „einen Think Tank aus Vertretern von Stadt und Kreativwirtschaft, die auf Augenhöhe miteinander arbeiten“.

Der Verein Konglomerat mit Matthias Röder (l).) und Fridolin Pflüger lädt am Donnerstag zu Podiumsdiskussionen über „Zukunftsschutzgebiete“. Quelle: Anja Schneider

Übrigens existiert auch schon seit geraumer Zeit ein Kreativwirtschaftsbericht für die Stadt. Im August soll er veröffentlicht werden. Einiges daraus könnte deckungsgleich sein mit diesem Text. Was nur bedeutet, die von Leuten wie Paul Elsner, Juliane Horn, Kristian Andresen oder Matthias Röder ins Spiel gebrachten neuen Wege nicht nur zu thematisieren – sondern sie auch zu gehen.

Diskussionspodien „Zukunftsschutzgebiete“: Donnerstag 16 bis 20 Uhr, Konglomerat e.V., Jagdweg 1-3

Stadtfestival Konstruktival: 22. bis 24. Juni, Rosenstraße/Ecke Jagdweg (Eintritt frei, Soli-Ticket möglich)

www.konglomerat.org

www.nadannmachdoch.de

Zehn Prozent des Kulturetats für die freie Szene

Das Dresdner Netzwerk „Kultur fair finanzieren“ hat in einem offenen Brief an Stadträte, Kultur-, Finanz- und Oberbürgermeister zehn Prozent des kommunalen Kulturetats für die freie Kulturszene gefordert. Mit Verweis auf die jüngste Stadtratsentscheidung, die bei etwa 60 Prozent des Tariflohns liegenden Gehälter im kommunalen Verkehrsmuseum zumindest anzuheben, hofft der Verbund, „dass auch die ganz ähnlichen Verhältnisse bei der freien Szene, den institutionell oder über Projektmittel geförderten Vereinen und künstlerischen Initiativen für den kommenden Doppelhaushalt entschieden angegangen werden“, wie es in dem Papier heißt. Die geforderte Summe liegt laut Frank Eckardt vom Netzwerk bei etwa zehn Millionen Euro. Das Netzwerk Kultur ist der Zusammenschluss von Vertretern der freien Szene und deren Spartenvertretungen in Dresden

Die freie Kultur erbringe wesentlich mehr als ein Zehntel der kulturellen Leistungen für Dresden, hieß es weiter. Es würden aber dann immer noch 90 Prozent in die von der Stadt selbst getragenen Kultureinrichtungen fließen, „die natürlich durch die geforderte Veränderung keinerlei Nachteile erleiden dürfen“. Zur Deckung des geforderten Finanzbedarfs schlug das Netzwerk vor, die Senkung der Bettensteuer zurückzunehmen oder sie gegebenenfalls auch zu erhöhen.

Von Torsten Klaus

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