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Regional Rainald Grebe und seine verbale Pyrotechnik
Nachrichten Kultur Regional Rainald Grebe und seine verbale Pyrotechnik
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17:28 23.07.2018
Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung - Das Wigwamkonzert Quelle: Andreas Weihs
Dresden

Oinr isch emmer dr Arsch, konstatierte die Tübinger Rockgruppe Schwoißfuaß Anfang der 1980er-Jahre in einem gleichnamigen Lied. Die simple Feststellung war kein Trost für all jene, die sich fragten, warum sie das wohl sind, wurde aber trotzdem zum geflügelten Wort, auch in der hochdeutschen Variante. Einer ist immer der Arsch, unter den Bundesländern Deutschlands ist das Brandenburg, innerhalb Europas Albanien. Die jeweiligen Landeskinder müssen damit leben, dass über sie Vorurteile grassieren, die selbst deutlich gefestigtere Gemeinwesen in Verzweiflung und Trübsinn stürzen könnten.

„Wo ist der Kaffee löslich, aber die Probleme nicht?“

Einer, der solche Vorurteile aufgreift, ja sie teilweise erst in die Welt setzt, ist der aus Köln stammende Musiker und Kabarettist Rainald Grebe. Er hat sich im Laufe der Jahre über so gut wie jedes Bundesland lustig gemacht, am bekanntesten wurde er mit dem Brandenburg-Lied. Wasser auf die Mühlen all jener, die in Berliner oder Dresdner Szenekneipen prahlen, wie sie aus einem märkischen Dorf entkamen, wo ein Bewohner seinen Gartenzaun aus lauter eisernen Kreuzen errichtet hat.

Aber bei seinem Konzert bei den Filmnächten am Elbufer schonte Grebe trotz gelegentlicher Rufe aus dem Publikum Brandenburg – die Albaner hatten dagegen die (zweifelhafte) Ehre, mit einem Lied gewürdigt zu werden. Rhetorisch gefragt wird darin u.a. „Wo ist der Kaffee löslich, aber die Probleme nicht?“ oder auch „Wo winkt man sich zu mit der Kalaschnikow?“ Klingt nach Spott pur, aber ganz so billig macht es Grebe nie. Dass hier in Albanien „alles wie früher“ ist, das findet er letztlich wunderbar, ja er will sogar, dass das Land so bleibt, wie es ist, und nicht den Weg Sevillas geht, das mittlerweile so aussieht wie Nottingham – weil überall die ewig gleichen Markengeschäfte und Fastfood-Ketten das Stadtbild prägen.

Sentimentale Reflektionen

Zunächst wirkt Grebe wie ein verwirrter alter Mann – nicht nur der Frage „Ich war hier doch schon mal?“ wegen. Dann entfleuchen ihm im Wind seine gebündelten Papiere und „entrutscht“ ihm der Satz: „Oh Scheiße, der Ablauf.“ Später wird Grebe, der vor einem Jahr bei einem Konzert einen Schlaganfall erlitt, dann mit der „Drecksbiologie“ hadern, die ihm unübersehbare Alterssymptome beschert, als da wäre ein weißes Schamhaar oder auch die Tatsache, dass er zunimmt, während das Leben hingegen abnimmt.

Waschbrettbauch? „Will ich doch auch!“, versichert er in einem Lied, in dem er seine Erlebnisse im Fitness-Club (selbst-)ironisch auf die Schippe nimmt. Ja, Grebe wird älter, er reflektiert für seine Verhältnisse geradezu zärtlich bis sentimental, wie das Leben einst so war, damals in der guten alten Zeit, als Bonn noch Hauptstadt war und die SPD noch Ortsvereine hatte. Explizit ins Gedächtnis gerückt wird auch ein Jahr, „das eine Katastrophe war“: 1968. Selbst in diesem Geburtstagslied für die Achtundsechziger zeigt sich, wie doppelbödig Grebe agiert. Er mag skandieren „die Altachtundsechziger sind an allem schuld“, meint aber das Gegenteil. Soll doch jeder mit sich abmachen, ob es besser war, als in der Schule die Gewalt noch vom Lehrer ausging.

„Herkunft ist keine Leistung!“

Nun mag das eine oder andere im Verlauf des Abends improvisiert gewesen sein, letztlich schien Grebe zu wissen, was er und seine Mitstreiter von der Kapelle der Versöhnung zu tun haben. Dadaistisch wortspielerisch verknüpfte wie verballhornte er gängiges Volksliedgut zu einem pointierten Medley, in dem einerseits romantische Ironie und Melancholie à la Heine anklangen und er schon mal „Vor meinem Vatershaus steht eine Blinde“ trällerte, andererseits unterlief er mit diebischer Freude Erwartungshaltungen, schlug sogar noch der Bogen hin zum Schlager, was dann auf spöttische Zeilen wie „Eine neue Leber ist wie ein neues Leben“ hinauslief.

In einem anderen Medley gab Grebe, der das Publikum wiederholt zum interaktiven Mitmachtheater zu verführen vermochte, dann viel Altbewährtes, ja regelrecht Abgegangenes zum Besten – erhebliche Teile der Zuhörerschaft sangen leise, aber textsicher mit.

Auf die Heimat und was man damit so verbindet, wirft der sarkastische und satirisch versierte Schelm Grebe ganz gern einen Blick, wobei beim nicht wirklich fairen, mit Klischees aber virtuos spielenden Vergleich zwischen Abend- und Morgenland höhnisch festgestellt wird: „Man singt (hierzulande) Weihnachtslieder vom Blatt, weil der Abendlandser viel vergessen hat.“ Jaja, die Herkunft. Als Grebe seine drei Mitstreiter von der Kapelle der Versöhnung vorstellte und dabei auch erwähnte, wo sie herkommen, ließ er die versammelte Fangemeinde, die so gejubelt hatte nach den (Städte-)Namen „Rostock“ und „Ost-Berlin“, wissen: „Herkunft ist keine Leistung!“

Zeitreise durch die deutsche Geschichte

Was ist typisch deutsch? Dieser Frage widmet sich Grebe explizit in einem Lied, das einerseits politisch unkorrekt die berüchtigte Zeile „Es zittern die morschen Knochen“ zitiert, andererseits mit der Feststellung, dass das Land sich ganz gut entwickelt habe, den Antideutschen verklickert, dass ihre simple Weltsicht auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss ist. Vom Rhythmus her erinnert das Lied phasenweise übrigens an Billy Joels Hit „We didn’t start the fire“, dessen Strophen nur aus Schlagworten – insgesamt 121 – bestehen, die jeweils für ein Ereignis, eine Persönlichkeit oder einen Gegenstand stehen.

Lieferte Joel einen prächtigen Parforceritt durch die Weltgeschichte der 50er- bis 80er-Jahre aus amerikanischem Blickwinkel, so entzückt der wortgewandte Grebe mit einer Zeitreise durch die deutsche Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen. Auch hier zeigt sich, was Grebes Paradedisziplin ist: Wortspiele und Schlagworte unbekümmert in Nebensätze einfließen zu lassen, so dass ein Schuh, wenn möglich gar eine Pointe draus wird.

Manche Dinge verdienen Spott

Hier und da kann und muss man Grebe Geschmacklosigkeit oder billigen Populismus bescheinigen, aber im Großen und Ganzen ist er ein Meister darin, eine Art verbaler Pyrotechnik abzufackeln, um über Dinge zu lästern, die es aus seiner Sicht verdient haben, dass darüber gespottet wird. Einzelne (Bundes-) Länder müssen allerdings als Kollateralschaden verbucht werden. Mal sehen, ob der deutsche Botschafter demnächst ins albanische Außenministerium einbestellt wird und die Wogen der Entrüstung glätten muss. Die Zeit heilt so manche Wunde. Grebes Brandenburg-Lied soll ja selbst zwischen Oderbruch und Prignitz mittlerweile Kult sein.

Von Christian Ruf

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