Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Rainald Grebe amüsierte das Dresdner Publikum mit seiner ironischen Kritik am Kleinbürgertum

Rainald Grebe amüsierte das Dresdner Publikum mit seiner ironischen Kritik am Kleinbürgertum

Am Schluss trägt der Hohepriester (wie stets) Indianerschmuck, dazu Rotweinglas und Zigarette. Letzteres darf er, denn als Bühnenkünstler raucht man ja nicht.

Man spielt das nur. Rainald Grebe grinst ins voll besetzte Auditorium im Schauspielhaus. Über solche Paradoxien kann er sich amüsieren, wie auch über die Tatsache, dass es die von Fliegerangriffen traumatisierte Generation der Deutschen war, die den Bunker kurz nach Kriegsende austäfelte und den Partykeller erfand. Womit er bei seinem lebenslangen Thema angekommen wäre: Deutscher Kleinbürgermief, diesmal mit Beweisfotos aus der eigenen Vita. Grebe, Erinnerungskünstler und bekennender Messi aus Überzeugung, hat sich auf seiner aktuellen Solo-Tournee Entrümpelung verordnet, denn wo weggeschmissen wird, lässt sich noch Material für den Auftritt verwerten: "Ich hab Blitzerfotos aus 20 Jahren, daraus mach ich jetzt Autogrammkarten."

Der autobiographische Zug ist neu, doch Grebe wäre nicht Grebe, wenn er nicht zugleich zum Großangriff auf die allgemeine Bekenntnismanie von C-Promis und Hinterbänklern bliese. So gibt es neben Diashow, Schnarchprotokollen und skurrilen Anekdoten auch Röntgenbilder von Grebes Raucherlunge und Momentaufnahmen vom eigenen Nippelekzem im Wandel der Zeiten.

Die Kapelle der Versöhnung ist diesmal nicht dabei, geblieben sind dem hyperaktiven Multitalent noch sein Klavier, ein Schlagzeug und "der Franz am Mischpult", der gelegentlich als beruhigende Stimme des Gewissens auf den Improvisationsbeelzebub einwirken darf, etwa wenn Grebe sich in seiner hinreißend abscheulichen Schallplattensammlung verliert. Mit Grebes Liedkunst kommt der Abend immer wieder auf Kurs, etwa wenn Hassliebe aufs Heimatnest "Frechen" zelebriert oder "Die Welt vor meiner Geburt" skizziert wird, zwischen an die Wand genagelten Dekorationstellern, Blockflötenunterricht und Pseudo-Exotismus à la Toast Hawaii.

Mit der als Rahmenhandlung fungierenden biographischen Nabelschau kommt Grebe durch, denn bei ihm ist das Private stets politisch, und ist es irgendwann auch ziemlich egal, ob die Geschichten um die rückwärtsgehende Tante Gerda aus Dresden, die volksliedaffinen Vorfahren oder Vater Grebe, der als Jungassessor das Lochkartenarchiv der Universität gegen anrückende Achtundsechziger verteidigt haben will, tatsächlich wahr sind.

Hintersinnige Pointen und Verse haben bei Grebe Vorfahrt: "Mein Uropa war Milliardär, / 1923 war das auch nicht so schwer." Im Zugabenteil nimmt sich Grebe dann doch noch der lautstarken Rufe seiner begeisterten Anhänger an und führt ein wenig durchs eigene Liederarchiv: Wird die unvermeidliche "Brandenburg"-Hymne nur kurz angestimmt, um sogleich durch den Reißwolf zu wandern, kennt die Begeisterung bei "Oben" und "Reich mir mal den Rettich rüber" keine Grenzen mehr. Doch noch aus Versehen vom Establishment adoptiert worden, der arme Kerl.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2013

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr