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Prima vista! Akademie-Abend zur autonomen Kunst im Blockhaus in Dresden

Prima vista! Akademie-Abend zur autonomen Kunst im Blockhaus in Dresden

Was bei Hausmusik, Lesung und Prominententalk als Qualifikationsmerkmal gelten mag, gilt nicht für die Diskursform der Podiumsdiskussion - mal eben vom Blatt lässt sich ein solcher Abend nicht meistern.

Wenn dabei Sachverstand, Kontroverse und eine gekonnte Dramaturgie zusammenfinden, gelingt der kommunikative Brückenschlag zwischen Podium und Publikum. Wenn nicht, bleibt im Saal oftmals das Gefühl abgesessener Zeit.

Die Podiumsdiskussion im Dresdner Blockhaus gehörte eher zur zweiten Kategorie, obwohl sie unter dem Titel "Autonome Kunst in der DDR. Das Online-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung" ein durchaus brisantes und unabgeschlossenes Thema umkreiste und mit Ute Grundmann, Thomas Krüger, Thorsten Schilling, Klaus Michael und Frank Eckhardt, Geschäftsführer des riesa efau, gut besetzt war. Konkret geht es in der Akademie-Veranstaltungsserie, innerhalb der das Podium stattfand, um die aktuelle Akzeptanz einer "anderen Kultur" in der DDR - also um nonkonforme Kunstszenen und ihre vom Normkonzept des Sozialistischen Realismus abweichenden Akteure.

Vor 1989 wurden diese Künstler bedrängt und marginalisiert, oftmals, gerade in den sächsischen Bezirken Karl-Marx-Stadt und Dresden, auch von den Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit mit besonderer Härte "feindbearbeitet". Nach 1989 sehen sich etliche von den einst diskriminierten Künstlern wieder als Opfer. Nunmehr in einem marktgesteuerten Kunstbetrieb, indem die alten Staatskünstler scheinbar mehr geschätzt (und das heißt aus dieser Perspektive eben vor allem: höher gehandelt) werden als die in der DDR lange Zeit verfemten Modernisten.

Zumindest gegen die Geschichtsvergessenheit können Dokumentationsprojekte einiges bewirken. Neben einer "Geschichte von unten", die von einer Handvoll stets am Limit operierender ostdeutscher Vereine betrieben wird, geschieht dies auch mit Hilfe einer quasi "von oben" betriebenen Aufklärungsarbeit, etwa durch die Bundeszentrale für politische Bildung, die mit dem Einsatz moderner Medien in den letzten Jahren das Schlagwort der "kulturellen Bildung" entstauben konnte und junge Zielgruppen erschloss. Ein Mittel in ihrer Bildungsoffensive sind sogenannte Online-Dossiers, die, verantwortet vom Multimedia-Leiter Thorsten Schilling, von jedermann kostenfrei auf der Internetseite der Behörde einsehbar sind. Seit kurzem vervollständigt das vom Literaturhistoriker Klaus Michael und der Kunsthistorikerin Ute Grundmann gemeinsam erstellte Dossier "Autonome Kunst in der DDR" das Angebot. Es stellt, topografisch nach Kunstzentren geordnet, in knappen Texten und mit opulenten Fotostrecken wesentliche Künstlergruppen, inoffizielle Galerien und halbstaatliche Kunsteinrichtungen vor, die für die Etablierung einer künstlerischen Gegenkultur in der DDR wichtig waren.Ein Dossier freilich, suggeriert Präzision und generiert neue Hierarchien. Deshalb braucht es die Debatte um Struktur, Auswahl und das methodische Instrumentarium. Und es benötigt eine offene Form, die, wie Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale, ausdrückte, auch eine "Pluralisierung von Narrativen" ermöglicht und die überprüfbar die Quellenlagen benennt, etwa wenn es um offerierte Tatbestände einer IM-Mitarbeit geht.

Diese Chancen eines dokumentarischen "work in progress" wurden an diesem Abend jedoch kaum deutlich. Grund dafür war die uninspirierte Präsentation des Dossiers, aber auch die Gesprächsführung, welche um ganz andere Themen mäanderte als um das im Programmtitel offerierte. Hier zeigte sich, dass das präsidiale Akademie-Pathos dem diskursiven Nutzeffekt manchmal deutlich entgegensteht. Erst kurz vor Schluss wurde das mit Fachverstand und wichtigen Zeitzeugen besetzte Publikum in die Diskussion einbezogen - zu spät: es blieb beim ermüdenden Alibi.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.11.2012

Paul Kaiser

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