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Premiere von Berlioz’ „Die Trojaner“ in der Dresdner Semperoper

Szenisch schwach: Premiere von Berlioz’ „Die Trojaner“ in der Dresdner Semperoper

„Die Trojaner“ von Hector Berlioz war zwar ein Triumph für Mezzosopranistin Christa Mayer, den Chor der Sächsischen Staatsoper und die Staatskapelle unter Leitung des Amerikaner John Fiore, aber in den Applaus für Regisseurin Lydia Steier mischten sich auch zahlreiche Buh-Rufe.

Dunkel dräut das Bühnenbild.
 

Quelle: Monika Forster

Dresden.  So ganz groß kann die Neugier des Dresdner Publikums auf die Inszenierung dieser selten zu erlebenden Grand operá in fünf Akten noch nicht sein, denn zur Premiere blieben leider nicht nur einige Plätze frei. Nach der ersten Pause waren es mehr und nach der zweiten noch mehr.

Dabei bietet die Semperoper auf, was möglich ist, weit mehr als 100 Chorsängerinnen und Chorsänger, die groß besetzte Staatskapelle, klangliche Rauminstallationen, live gespielt aus den Proszeniumslogen oder aus der Ferne, hinter der Bühne. Dazu ein großes Solistenensemble mit Gästen, Artisten, Kindern und Statisten.

Und weil es in diesem Werk um den Trojanischen Krieg geht, um die nicht wahrgenommenen Warnungen der Seherin Kassandra, hier Cassandre, um den Untergang Karthagos, den tragischen Liebesirrtum seiner Königin Dido (in der Oper Didon) und um Aeneas (Énée), den sagenhaften Gründer Roms, so einem Helden, der alles mitnimmt, was sich bietet, und für nichts die Verantwortung übernimmt, läge es ja eigentlich auf der Hand, dass es sich hier ganz und gar nicht um Themen handeln kann, die uns nichts angehen könnten.

Das alles ist Regisseurin Lydia Steier und Dramaturgin Anna Melcher durchaus bewusst, wie sie im DNN-Interview im Vorfeld der Inszenierung mitzuteilen wussten. Auf der Bühne aber dann ist wenig davon konkret. Schon bald kann man den Eindruck gewinnen, dass die Regisseurin angesichts des so großen Ensembles, vor allem der Chorsängerinnen und Chorsänger, überfordert war, ihren Ideen optisch überzeugende Angebote folgen zu lassen. Zu oft und zu tief greift sie in die Mottenkisten längst von den Bühnen verbannt geglaubter Übertreibungen des falsch verstandenen Rampentheaters in der Oper oder in der Operette, was nicht zuletzt auch durch die bunten Kostümierungen und Gesichtsbemalungen von Gianluca Falaschi bedient wird. So mangelt es zu oft an konkreten Haltungen, fehlt es an der intensiven Herausarbeitung der Beziehungen, kommt es zu torkelnden Peinlichkeiten in den großen Szenen der trunkenen Trojaner, die ihren trügerischen Frieden auf dem Dresdner Platz vor einem Prospekt des königlichen Hoftheaters feiern. Und als müsste der Zeigefinger noch höher erhoben werden, wird das Reiterstandbild vor der Oper zum Trojanischen Pferd.

Da geht die tragische Geschichte der warnenden Kassandra fast unter, ebenso wie der persönliche Konflikt dieser von Jennifer Holloway vor allem gesanglich überzeugenden Frau auf verlorenem Posten im Zwiespalt mit ihrem von Christoph Pohl hervorragend gesungenen Verlobten Chorèbe, der eines der ersten Opfer wird.

Die Selbstmordorgie der Trojanerinnen, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen, mit spritzendem Blut und aus aufgeschlitzten Bäuchen quellendem Gedärm verkommt zum Theaterspaß.

In Karthago dann herrscht Aufbaustimmung, Königin Didon fungiert als Arbeitgeberin, wir sind jetzt in Paris zur Zeit der Weltausstellung, eine Turmkonstruktion auf der Bühne von Stefan Heyne wächst hoch wie einst der Turm zu Babel, an dem dann doch wieder eine Stoffbahn des Prospektes aus dem ersten Bild an Dresden erinnert. Mit Hammer, Sichel und roten Fahnen wird auch darauf angespielt, dass vor 100 Jahren Lenin vergeblich am Schlaf der Welt rührte.

Der Held Éneé, auf dem Weg nach Italien, wo er Rom gründen soll, kommt hier an, zunächst unbekannt, dann als Retter im Kampf gegen die Numider, die viehisch abgeschlachtet und hingerichtet werden. Wenn aber wie in einer witzigen Persiflage Agnieszka Rehlis als Didons Schwester Anna den Leichen den Schmuck nimmt, goldene Zähne herausreißt, dann wird die Peinlichkeit eines solchen Umganges mit KZ-Assoziationen gefährlich. Und wenn sich im fünften Akt Énée im Zwiespalt zwischen der Liebe zu Didon und dem göttlichen Auftrag doch entscheidet, Rom zu gründen, dann hat man den Eindruck, hier hat die Zeit nicht mehr gereicht, diese Szenen mussten nur noch gestellt werden, was aber – welche Ironie – den Vorteil hat, nicht mehr mit störenden Trunkenheitsauswüchsen oder höchst peinlichen Vergewaltigungsszenen belästigt zu werden.

Christa Mayer als Didon, mit beeindruckender, ausdruckskräftiger Gesangsleistung, wird in ihrem tragischen Liebesirrtum zur Schwester Kassandras. Sie sieht Karthagos Untergang voraus wie die Zerstörung Roms durch Hannibal und nimmt sich das Leben auf dem Sockel des Reiterstandbildes, ohne Pferd und ohne königlichen Reiter. Die Rache gewinnt. Schmetternde völkische Hassgesänge gegen die Karthager, volle Wucht der Massen des Chores und des Orchesters, dann fällt der Vorhang. Ach ja, der gute Brecht fällt einem ein, vielleicht nicht alle, aber viele, zu viele Fragen bleiben offen.

Christa Mayers Didon wird in ihrem tragischen Liebesirrtum zur Schwester Kassandras – und nimmt sich das Leben

Christa Mayers Didon wird in ihrem tragischen Liebesirrtum zur Schwester Kassandras – und nimmt sich das Leben.

Quelle: Monika Forster

Das empfanden hörbar auch Premierenbesucher so und empfingen das Regieteam mit für Dresdner Verhältnisse starken Missfallensbekundungen.

Jubel hingegen für Christa Mayer, die allerdings in diesem Ensemble ohne Konkurrenz mit stärksten gesanglichen Eindrücken punkten konnte. Großer Jubel auch für die von Jörn Hinnerk Andresen einstudierten gewaltigen Chorszenen im beeindruckenden Zusammenklang des Chors der Staatsoper, des Sinfonie- und Extrachores sowie des Kinderchores.

Für den leider erkrankten Eric Cutler übernahm Bryan Register die höchst anspruchsvolle Tenorpartie des Énée und erhielt vom Premierenpublikum dankbaren Applaus. Weniger überzeugen konnte Emily Dorn in der Hosenrolle des Ascagne, Bruder des Énée, vor allem durch unkontrolliertes, aufgedrehtes, übertriebenes Spiel, wobei man sich natürlich fragt, warum seitens der Regisseurin hier nicht Einhalt geboten werden konnte. Aufhorchen lässt im großen Ensemble der junge Bassist Evan Hughes in der Rolle des Narbal, Minister am Hofe Didons.

John Fiore am Pult der Staatskapelle gelingt es, die dramaturgisch nicht ganz unproblematische Reihung großer Tableaus, die wie monumentale Blöcke wirken, doch in einen klingenden Zusammenhang zu bringen. Den musikalischen Stimmungswechseln zwischen den Szenen der Massen und solchen, die der sensiblen Individualisierung bedürfen, wird sein jeweils so angemessenes wie umsichtiges Dirigat gerecht. Das ist natürlich nur möglich, weil die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle immer wieder für betörende Klangschönheit sorgen, dass sie auch aufbrausende Momente nicht zu hohl donnerndem Bombast werden lassen. So wird am Ende die musikalische Seite dieser Aufführung das Ereignis dieses langen, aber in dieser Hinsicht ganz und gar nicht langweiligen Abends.

nächste Aufführungen: 6., 9., 21., 27.10.; 3.11.

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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