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18:22 26.07.2018
Szenenfoto mit Yolanda Bortz (Häuptling Giftiger Pfeil) und Kristina Kufner (Glühender Hammer), v. l. n. r. Quelle: Pr
Dresden

„Ich glaube nicht, dass wir das Glück haben werden, von Piraten an die Fock geknüpft oder von Haien gefressen zu werden. Oder den glücklichen Tod, durch eine Kanonenkugel zu sterben. Ich denke auch nicht, dass wir ersaufen, verdursten oder verhungern oder dass uns eine Seuche dahinrafft. Ich gehe davon aus, dass wir uns gegenseitig meucheln werden. Und zwar aus so trivialen Gründen wie Neid, Missgunst, Ängstlichkeit, verletztem Stolz oder Geltungsdrang – und Dummheit natürlich.“ Das lässt die Kapitänin in Peter Försters neuem Stück „Meuterei auf der Country“, das im Sonnabend im Bärenzwinger Premiere hatte, die versammelte Mannschaft wissen, wobei das mit „Mannschaft“ so eine Sache ist. Zwei Matrosen, aber eine Kapitänin und drei Offiziere – das kopflastig zu nennen, wäre noch stark untertrieben.

Politische Botschaften statt leichte Sommerkost

Der Name der Kapitänin (!) lautet Blei, der des Schiffes Country – es geht, nomen est omen, also um den berühmtesten Aufstand der christlichen Seefahrt. Peter Förster hat die Geschichte gehörig durch den Wolf gedreht, das tut er ja gern in seinen Stücken, ob die nun im alten Rom, im Wilden Westen oder wie hier bei der 15. Auflage des Sommertheaters auf den Weltmeeren spielen.

Der Tenor ist leicht verändert. Statt leichter Sommerkost setzt Förster verstärkt auf politische Botschaften, lehnt sich ans politische Kabarett an. Der lyrische Gehalt wurde reduziert, mit apart gereimten Zeilen wie „Wenn Königreiche wollen expandieren / Sie müssen zwangsläufig exekutieren“ werden die Zuschauer nur im Pro- und Epilog verwöhnt, ansonsten ist Prosa angesagt, denn „Wer meucheln will, der dichtet nicht“, wie Autor und Regisseur Förster in einem Interview im Stadtmagazin Sax erklärte.

Gelungen, aber auch bemüht

Stattdessen war er so frei, allerlei Zeitbezüge herzustellen, was mal gelungen ist, mal aber auch arg bemüht wirkt. Da wäre etwa die Sache mit den schwimmenden Afrikanern, die man von Bord aus erspäht. Man lässt sie schwimmen, mokiert sich sogar noch darüber, dass nicht zu verstehen ist, was die „braunen Menschen“ so rufen. Gut, man wird das überschlafen, vielleicht auch beten für die Afrikaner, die da schwimmen, ansonsten wird man „das“ aussitzen.

Es geht, angespornt von der Erkenntnis „Die Gewinne in der neuen Welt sind so genial / Da muss man operieren total kolonial“, nach Tahiti, Brotfruchtbäume holen, denn in der Karibik, auf Jamaika und den Antillen muss man die Sklaven ja irgendwie ernähren. „Wir erfinden gerade ,Brot für die Welt’“, kalauert der Erste Offizier (Simon Fleischacker), um von der Kapitänin (Christine Scheibe) korrigiert zu werden, die dafür plädiert, es eher „Essen auf Rädern“ zu nennen, „wenn wir nicht segeln würden.“

Die Moralkeule wird zu oft geschwungen

Hier und an etlichen anderen Stellen ist der Witz hinterhältig böse, oft wird es aber auch albern. Der Running Gag, dass der dritte Offizier (Yolanda Bortz) jedes Mal, wenn die Kapitänin „Männer!“ sagt, den Arm hebt, so dass dann mit einem Lächeln auch an die „Männerinnen“ appelliert wird, hat sich bald erschöpft. Auch sonst hält sich der Überraschungseffekt der meisten Pointen dieses Mal arg in Grenzen, da hilft alle sprachliche Finesse nichts.

Stattdessen legt Förster seinen Akteuren zu oft Sätze in den Mund, in denen die Moralkeule geschwungen wird, ob es nun um die Globalisierung, den Datenschutz, die Debatten- wie die Willkommenskultur, den Umgang des „zivilisierten“ Europas mit angeblichen Wilden geht. Nun mag man dem Autor um der dichterischen Freiheit willen ja vieles durchgehen lassen, aber weniger wäre manchmal mehr gewesen. Beispiel: Die Seitenhiebe auf die soldatischen Umgangsformen auf der Country. War die reale Bounty ein Handelsschiff mit einer Besatzung aus ausschließlich Freiwilligen, so haben hier bis auf Kapitänin alle Akteure in einer Tour die Hände an der Hosennaht und stehen stramm, gefühlt ein Viertel der Aufführung lang. Dazu gucken sie, vor allem Kristina Kufner als Zweiter Offizier, starren Blicks und mit zusammengekniffenem Mund in die Ferne – da konnte ja Arnold Schwarzenegger als Terminator fast mehr Mimik zeigen. Unausgegoren ist auch, dass das Stück einerseits Vorurteile attackiert, andererseits Klischee-Vorstellungen bedient, etwa das vom Edlen Wilden, der auch heute noch im Paradies leben würde, wenn anscheinend nur „der böse weiße Mann“ nicht auf Entdeckerfahrt gegangen wäre. Das liefe auf Parolen wie „Tahiti den Polynesiern“ hinaus – was von ähnlicher „Geistesgüte“ ist wie „Deutschland den Deutschen“.

Alles hat seinen Preis

Manche Sätze haben Poesiealbum-„Qualität“, etwa „Ruhm ist ein schwacher Trost für durch Dummheit erlittenes Leid“, andere regen zum Glück unterschwelliger zum Nachdenken an. Den spöttischen Blick auf den Kadavergehorsam kann wohl jeder unterschreiben, aber wenn die Forderung „Wohlstand und Gerechtigkeit für alle“ erhoben wird, wird die Sache schon schwieriger. Wenn der Erste Offizier darauf beharrt, „Wir wollen den Kuchen nicht teilen müssen, sonst ist die Freiheit dahin“, dann trifft das des Pudels Kern, mag man es moralisch auch noch so verurteilen. Denn die Tirade bringt das Dilemma auf den Punkt, was derzeit so kontrovers diskutiert wird: Gleichheit unter den Menschen ist nur um den Preis der Unfreiheit herstellbar. Den Kuchen zu teilen, hat seinen Preis, ihn nicht teilen zu wollen, aber auch.

bis 19.8 und vom 21.8. bis 9.9., täglich außer montags 20 Uhr, Karten unter: (0351) 2126723

Von Christian Ruf

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