Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Premiere für das Buch-Magazin „Stadtluft Dresden“

"Frische Brise gegen den Mief" Premiere für das Buch-Magazin „Stadtluft Dresden“

Eine frische Brise soll uns aus der Landeshauptstadt anwehen und den Mief vertreiben. Journalist Peter Ufer, Fotograf Amac Garbe und Grafik-Designer Thomas Walther gehen mit einem neuen Buch-Magazin "Stadtluft Dresden" an den Start. Die drei Gründer versuchen, Hysterie und Vorurteilen etwas entgegenzusetzen: überraschende Geschichten, kluge Texte.

Utz Pannicke ziert das Cover der ersten Ausgabe von "Stadtluft Dresden".

Quelle: Amac Garbe/ Stadtluft Dresden

Dresden. Eine frische Brise soll uns aus der Landeshauptstadt anwehen und den Mief vertreiben. Journalist Peter Ufer, Fotograf Amac Garbe und Grafik-Designer Thomas Walther haben einen Mann, Utz Pannicke, auf dem Dachfirst der Neustadt platziert, der herzhaft in ein Stück Dresdner Eierschecke beißt. Er schmückt die Titelseite der ersten Ausgabe von „Stadtluft Dresden“. Eigenheiten – ja, Tradition – ja, aber bitte mit freiem, weitem Blick, scheinen sie uns zurufen zu wollen, die Erfinder dieser Mischung aus Buch und Magazin – Neudeutsch nennt man so etwas „bookzin“, ein Amalgam aus den beiden Wörtern „book“ und „magazin“.

Optisch macht das schon mal viel her. Fotograf Garbe holt charakteristisch blickende Gesichter vorzugsweise aus unscharfem Hintergrund heraus. Sympathische Zeitgenossen, die man gern beim nachdenklichen In-die-Ferne-Gucken beobachtet oder von denen man sich ebenso gern anschauen lässt; von der großartigen, schrägen und kreativen Allround-Künstlerin Anna Mateur ruhig auch durch die Griffe einer Schere.

Erbitterte Grabenkämpfe um die ewigen Montagsspaziergänger haben die schöne Fassade der Stadt rissig werden lassen. Die drei Magazin-Gründer versuchen, Hysterie und Vorurteilen etwas entgegenzusetzen: überraschende Geschichten, kluge Texte.

Geschichten über sehr Merkwürdiges, das in dunklen Winkeln der Stadthistorie schlummert. Heidrun Hannusch, die 18 Jahre Redakteurin bei den DNN war, hat mit Hilfe von Historikern eine Schule zur Ausbildung islamischer Mullahs in der SS von 1944 ans Licht geholt. Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann – größter Freund von Islamisten. Das zersetzt Klischees.

Schriftsteller haben anspruchsvolle Texte geliefert. Hellsichtig, scharf Lesebühnen-Autor Michael Bittner zum Beispiel, 36, geborener Lausitzer, 2004 Gründer von Sax Royal, nach mehr als zehn Jahren in Dresden nun in Berlin – „wo man sich schwerer heimisch machen kann“, wie er zur Buch-Heft-Premiere einräumte. Von Dresden kommt keiner mehr los.

Manch Galliges schreibt er der Stadt ins Stammbuch: Die Altstadt, touristische Sonderzone, sicherlich vorbildlich restauriert, ähnele einer „fachgerecht plastinierten Leiche“. Ihre Gemütlichkeit betrachtet er als gefährlich für alle Regsamen und Welt-Neugierigen: „Und doch gleicht Dresden einem verführerisch weichen Sessel, in dem man gerne versinkt und einschläft.“ Autsch, das saß. Doch mit Pegida sieht er nun das Ende der trügerischen Behaglichkeit gekommen.

Durs Grünbein, weggegangener Dresdner des Jahrgangs 1962, wendet den Blick ins letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs, schaut durch die Augen seiner Großmutter. „Man muß an den Anfang zurückkehren, um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte“, lautet sein Credo. „Ich bin nicht dabeigewesen, meine Leute haben es mir erzählt.“ Aber er erzählt uns das so, als wären wir selbst mittendrin. Er kreist um den 13. Februar 1945, das konstituierende Grundtrauma dieser Stadt, nachwirkend bis heute.

Was ist los mit Dresden? Darauf gibt das buchdicke Heft nicht die eine Antwort, die immer nur falsch sein kann, sondern viele, widersprüchliche, mithin genauere. Weitere Dichter geben sie, Thomas Rosenlöcher, der Hiergebliebene, oder Andreas Reimann, der Leipziger Nachbar, porträtiert von Axel Helbig; Schriftsteller wie Peter Richter aus dem fernen New York. Schauspieler, Musiker, Journalisten.

Auch eigenwillige Kleinunternehmer wie diese Schrauber von „Hookie Co.“, bei denen die Premiere mit Musik lief. Individuelle Motorräder basteln sie, gegen den Geschwindigkeitswahn, nach dem Motto: „Langsam, langsam, das Leben ist kein Rennen.“

Stickig ist’s geworden in der Stadt. Da helfe kein Raumspray, meint Peter Ufer: „’Stadtluft Dresden’ stellt Fragen, will wissen, woher der Geruch kommt, beschreibt, was passiert.“

Stadtluft Dresden 1, hrsg. von Peter Ufer, Amac Garbe, Thomas Walther Verlag der Kunst (Verlagsgruppe Husum). 137 S., 12,95 Euro

von Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr