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Regional Vier Berliner landen auf dem Mond
Nachrichten Kultur Regional Vier Berliner landen auf dem Mond
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05:00 02.02.2018
Regisseur Andy Hallwaxx  Quelle: Fritz Novopacky
Dresden

Berlin wollte zu Beginn des letzten Jahrhunderts Wien den Rang als die Operettenstadt streitig machen. Berliner Luft statt Wiener Blut. Mit „Frau Luna“ von Paul Lincke nahm man zudem etwas auf, das gewissermaßen in der Luft lag: der uralte Traum der Menschen zu fliegen.

Kurz vor der Premiere an Dresdens Staatsoperette findet sich Zeit in einer Probenpause für ein Gespräch mit dem Regisseur Andy Hallwaxx, der erstmals hier arbeitet. Seine Begeisterung über das Stück, die Arbeit und das Dresdner Ensemble ist in jedem Satz spürbar.

Ja, es gehe in dieser Operette ums Fliegen, aber auch ums Fliehen, darum, dass sich Menschen aus der Realität heraus träumen. Daher spiele seine Inszenierung im Berlin der 1950er Jahre, genauer in Ostberlin. Die Menschen haben Träume, raus aus dem Grau der Wirklichkeit, bunt soll es sein wie in einem Hollywoodfilm, einem Revuefilm, unwahrscheinlich und komisch wie in den beliebten Comics dieser Zeit mit den Helden Dig, Dag und Digedag.

Und wie passt die Operette, die aufnimmt, was in Berlin zur letzten Jahrhundertwende in der Luft lag, jetzt nach Dresden? Dafür hat Andy Hallwaxx natürlich auch eine Erklärung. Jener Schneider Lämmermeier, der mit dem Mechaniker Steppke in einer Berliner Dachkammer nicht nur vom Mondflug träumt, sondern am „Stratosphären-Expressballon“ bastelt, ist ursprünglich ein Dresdner.

Für Hallwaxx verbindet Dresdner und Berliner ihre forsche Schlagfertigkeit, und das kommt für ihn in den Typisierungen der charmanten Figuren von Paul Lincke bestens zusammen. Zudem ist die Musik, auch wenn da ganz kräftig die berühmte „Berliner Luft“ besungen wird, doch eben nicht nur berlinerisch. Und das Wienerische, unvermeidlich für das Operettengenre, kommt auch zum Zuge. Die Berliner fliegen auf den Mond, und da wird Wienerisch gesprochen.

Das ist nicht unwichtig, so der Regisseur, denn angekommen am Ort ihrer Sehnsüchte, sind diese geflohenen Erdbewohner erst mal Fremde und müssen sich zurechtfinden auf diesem Mond, der ja auch ein Sinnbild der Unabwägbarkeiten und Unzuverlässigkeiten ist: Vollmond, Halbmond, manchmal eben auch eine scharfe Sichel – kein Verlass auf Frau Luna als Chefin dieser Mondrepublik für die „Ausländer“ von der Erde?

Natürlich spielen für eine Inszenierung vor diesem Hintergrund auch aktuelle Erfahrungen eine Rolle, sie lassen sich ja bei dieser Thematik nicht ausblenden, aber das Genre der Operette verarbeitet diese Alltagsprobleme mit den Mitteln der Unterhaltung, mit Spaß auf hohem Niveau. Da muss vor allem gut musiziert, gesungen, gespielt und getanzt werden. Kein Problem, bei einem solchen Orchester und Ensemble wie dem der Staatsoperette, schwärmt Andy Hallwaxx. Natürlich sind da die Reißer, die Schlager, die Ohrwürmer: „Das ist die Berliner Luft“, „Schlösser, die im Monde liegen“, das Flimmern der Glühwürmchen... Aber diesen besonderen Schwung der Musik, die Erotik, die Exotik, die müssen zum Klingen gebracht werden, mit musikalischem Charme, romantisch, deftig und hart an der Grenze zum Kitsch, im Sinne maßloser Übertreibung.

Die Vorgaben dieser Musik von Paul Lincke sind für den Regisseur bindend. Es geht nicht zuletzt um den Widerspruch zwischen Unterhaltung und Realität, um das, was dem Theater, der Operette zumal, besonders eigen ist, am Abend zu lachen über Dinge, die am Tage beunruhigen. Für den Regisseur ist es wichtig, in seiner Inszenierung diesen Berliner Geist der Zwanziger in unsere Zeit nach Dresden zu holen: „Das ist der absolute Geist der Offenheit, den haben wir nötig. Immerhin kommen Fremdlinge auf den Mond, wie geht man mit denen um?“

Und damit sind wir bei der Frage, wie aktuell das Genre der Operette sein kann. Spricht es auch jüngere Menschen an oder geht es dem Ende zu? Auf keinen Fall, so Hallwaxx, es gebe ja immer Phasen in der Kunstrezeption. Wer denke denn heute noch daran, dass Bach fast hundert Jahre lang so gut wie vergessen war. Ja, es stimme, in den 1970er bis 1990er Jahren gab es Probleme mit der Operette, aber die Zeiten haben sich geändert. Hochwertiges Unterhaltungstheater werde wieder geschätzt, wenn es witzig ist, modern und somit eben alle Altersgruppen anspreche. Und da sind doch die Chancen hier in Dresden einmalig, die Operette im Dialog mit dem Musical, und das in einem Haus, einem Kulturkraftwerk, das seinen Namen verdient. Wer dieses Theater einmal betreten hat, müsste eigentlich immer wiederkommen, so Andy Hallwaxx, der Wiener aus dem Burgenland, den es schon als Kind zur Musik, zum Theaterspielen zog, was auch durch das musische Klima in der Familie begründet war, in besonderer Weise aber durch intensive, nachbarschaftliche Förderung des Dirigenten Gerd Albrecht.

Hallwax besucht die Schauspielschule, sammelt Erfahrungen als Statist an der New Yorker Met, kommt zurück nach Wien und wächst in den Beruf, in dem er seine Berufung sieht, hinein. Er gründet eine eigene Company, die Hall & Waxx Company, schließt sich den jungen, wilden Künstlern an, bearbeitet Stücke radikal und zeitbezogen, er spielt und inszeniert, Film und Fernsehen, „Kommissar Rex“ oder „Die Bergretter“, aber letztlich geht nichts für ihn ohne Musik: Oper, Operette, Musical, Revue.

Dann erreichen ihn die Anfragen, und es ist ein Glücksmoment, als eine solche auch aus Dresden kommt, einer Stadt, die es dem Wiener angetan hat. Er schwärmt, in den Museen war er, in der Semperoper, im Boulevardtheater, das Essen schmeckt dem Wiener in Dresden, ein Bummel durch die Neustadt ist herrlich, für ihn sind die Musen hier zu Hause. Na, wenn das ein Wiener sagt.

Dann ist unser Gespräch zu Ende, die Kollegen rufen, die Endproben beginnen. Jetzt weht wieder Berliner Luft. Ob man die, wie jüngst in einer Produktion von „Frau Luna“, ganz zeitgemäß hier auch aus „Tütchen“ inhaliere, frage ich noch. Nein, so wird es hier nicht sein, wie hier die Luft weht und woher sie kommt, das wird noch nicht verraten, aber sie wird wehen, kräftig, versprochen, wenn der Vorhang hochgeht.

Premiere „Frau Luna“, Staatsoperette Dresden, 3.Februar, 19.30 Uhr (ausverkauft)

www.staatsoperette.de

Von Boris Gruhl

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