Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Premiere der Strandoper „Sun and Sea“
Nachrichten Kultur Regional Premiere der Strandoper „Sun and Sea“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:26 19.03.2018
Sun and Sea von Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė Libretto aus dem Litauischen übertragen von Claudia Sinnig; Auf dem Bild: Funda Asena Aktop, Carl Thiemt, Sandro Hähnel. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

So sommerlich entspannt ist man selten im Opernfoyer begrüßt worden – Gäste der Staatsschauspiel-Inszenierung „Sun and Sea“, die den Weg in den Ballsaal am Restaurant Delizia gefunden haben, wähnen sich an der Poolbar eines komfortablen Ferienresorts. Wer sich in diesen Tagen vom letzten Aufbäumen des Winters ohnehin meteorologisch verschaukelt fühlt, meint beim Anblick von Darstellern in Badekleidung, die sich vor Vorstellungsbeginn unter die Besucher mischen, ohnehin im falschen Film zu sein, wird aber sogleich der Tragweite des Konzepts gewahr, dass Regisseurin Rugile Barzdžiukaite ersonnen hat. Es versetzt das Publikum in die Lage, das detailgetreu entworfene Bühnenbild eines sommerlichen Strands aus der Vogelperspektive zu überblicken, so dass sich die in der Sonne aalenden Körper augenscheinlich dem identifikatorischen Nullpunkt nähern – dem Punkt, an dem (wie schon Agatha Christie in „Das Böse unter der Sonne“ gewusst hat) die Menschen nicht länger in Männer und Frauen aufgeteilt sind, sondern nur noch Körper darstellen. Woran sich also als Beobachter klammern? Schon bevor die erste Note gesungen ist, hat man diese Badegäste klassifiziert – anhand ihrer Lektüren, ihrer Haltung, ihrer vorportionierten Snacks.

Oper am Strand also? So ganz neu ist es nicht, immerhin ist schon die ein oder andere „Aida“ in mediterranem Flair präsentiert worden, und auch Philip Glass hat sich zumindest mit dem Titel von „Einstein on the Beach“ in diese Tradition eingeschrieben. Was die von Barzdžiukaite mit ihren Kolleginnen Vaiva Grainyte und Lina Lapelyte ersonnene Mini-Oper ihren mehr als 20 sonnenbadenden, fläzenden und schmökernden Sängern und Darstellern in 70 kurzweiligen Minuten ablauscht, ist dennoch durchweg originell und klug gestaltet. „Sun and Sea“ kommt ohne Plot aus, liefert aber zahlreiche verblüffende, intensiv erzählte Momente. Ihrer 2013 uraufgeführten, preisgekrönten Supermarkt-Oper „Have a Good Day!“ lassen die Macherinnen eine so humorvolle wie beklemmende zivilisatorische Bestandsaufnahme folgen, zu gleichen Teilen poetisch und im Detail realistisch. Unter den horizontal arrangierten, dank konstanter Einstrahlung der Bühnenscheinwerfer immer authentischer erhitzten Körpern tummeln sich gestandene Sängerinnen wie Pascal von Wroblewsky, junge Künstler wie Marie Flämig und Carl Thiemt sowie mit Ahmad Mesgarha auch ein musikaffines Ensemblemitglied des Staatsschauspiels. Ihre klar phrasierten, ausschließlich im Liegen vorgetragenen Soli wechseln sich mit Chorpassagen ab, in denen der sonnenbadende Mob teils im Postkarten-Plauderton Gericht über sich hält – eine treffende Analogie für eine Gesellschaft, die außerstande scheint, nach den ethischen Standards zu leben, die sie selbst formuliert.

Das bietet zwar keinen klassischen Spannungsbogen, öffnet aber die Augen für das seltsame kollektive Treiben der Zivilisationsmüden, die tagelang halbnackt nebeneinander fläzen und ihren Gedanken nachhängen. Büro-Mantras gesellen sich zu Alpträumen über Tumorerkrankungen, die Event-Sucht gelangweilter Jetsetter wird mit darwinistischen Anwandlungen beim Starren ins Meer kontrastiert. Grainytes Libretto (von Claudia Sinnig aus dem Litauischen übertragen) findet die Poesie auf der Sonnencrème-Flasche und verhilft Wortungetümen wie „Magnesiummangel“ und „Rohkosternährung“ zu ihrem Operndebüt, Lina Lapelyte hat dazu eine hypnotische Musik komponiert, die sich im Wechselspiel aus emphatischem Gesang, formal strengen Rezitativen und Chor-Abschnitten konsequent zur Operntradition bekennt, aber zugleich einem spröden Gassenhauer nicht abgeneigt ist. Am Keyboard lullt Thomas Mahn die Zuhörer ein ums andere Mal mit auf- und absteigenden, aufgebrochenen Dreiklängen ein, die den Wellenbewegungen des Meeres abgelauscht scheinen und mit zunehmender Dauer an den schleichend-repetitiven Irrsinn eines John-Carpenter-Soundtracks erinnern. Ein geistreiches Zeitstück, vollkommen schlüssig im Konzept und sehr stark im Vortrag – (Strand-)Hut ab!

Nächste Termine: 24. und 25. März, 14. und 15. April, Ballsaal am Restaurant Delizia, Bautzner Landstraße 6

Von Wieland Schwanebeck

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Konservative und Liberale freuen sich darüber, dass Michael Schindhelm Kurator für die Kulturhauptstadtbewerbung Dresden 2025 wird.

19.03.2018

Ulrich Tukur tischt seinem Publikum im Dresdner Kulturpalast allerhand Lügengeschichten auf. Das macht er charmant, mit viel Witz und solch beiläufiger Ernsthaftigkeit, dass man sich dabei ertappt, ihm all das zu glauben. So fesselnd sind seine Erzählungen, da gerät die Musik fast schon zum Randereignis.

18.03.2018

Es war ein Pflicht-Termin für Schlagerfans: Frank Schöbel gastierte im Rahmen seiner „Hit auf Hit“-Tournee am Freitagabend im Dresdner Kulturpalast. Der 75-Jährige und seine Band unternahmen eine Zeitreise durch seine schon 55 Jahre andauernde Bühnenkarriere.

18.03.2018