Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Potenzierte weibliche Kraft - Angela Hampel im Stadtarchiv

Potenzierte weibliche Kraft - Angela Hampel im Stadtarchiv

Angela Hampel ist als Künstlerin eine Seherin im archaischen Sinne des Wortes. Sie sieht, was andere Zeitgenossen nicht sehen können, nicht zu sehen wagen oder ganz einfach verdrängen, und findet in der Poesie von Lyrik und Prosa den roten Faden, der sie durch das Labyrinth der Zeit führt, der sich mit der Linie in ihrem über drei Jahrzehnte gewachsenem Werk, das zart, kraftvoll, fordernd das Leben beschreibt, verbindet.

Voriger Artikel
"Tom Sawyer"-Familienkonzert in Elbe Flugzeugwerken Dresden: Vom Flughafen an den Mississippi
Nächster Artikel
Derevo tanzt im Dresdner Zwingerteich - Fortsetzung der "Weißen Festung"

Aus dem Künstlerbuch "Penthesilea" (Heinrich von Kleist), Mischtechnik, Unikat. Repro: Künstlerin

Quelle: Hampel

Im Jahre 2007 entstand das Künstlerbuch "Am Ufer der Zeit" mit zehn Holzschnitten zu Gedichten von Klaus Trende. Im "Canto, nachts" heißt es: "Was du innig liebst, ist beständig, der Rest ist Schlacke. Was du innig liebst, wird dir nicht fortgerissen. Was du innig liebst, ist dein wahres Erbe." Mit ihrer Kunst, sich ein Bild zu machen, hilft sie uns, sich zu erinnern an das, was Leben im eigentlichen Sinne bedeutet. Aller Schutzschilde entledigt, gewährt sie Einblick in menschliche Wünsche, Träume und Hoffnungen und sie legt mit schlafwandlerischer Sicherheit immer wieder Schlingen, um das Glück zu fangen. Rastlos nimmt sich Angela Hampel die Zeit, nach dem persönlichen Maß der Dinge zu fragen.

Leben mit allen Konsequenzen

Im täglichen, persönlichen Erleben macht jeder von uns die alte Erfahrung, dass keine Beziehung, keine Freundschaft, kein Gefühl uns treu bleibt und zuverlässig ist, dem wir nicht Liebe und Mitleben, Opfer und Kämpfe, Hingabe und Leidenschaft dargebracht haben. Angela Hampel ist leidenschaftlich und hingebungsvoll. Durch die Literatur erfuhr sie Ermutigung und auch Bestätigung. Es ist eine Gabe, Worte auch bildnerisch erlebbar zu machen, eigenständig, ohne illustrieren zu wollen, Gleichnisse zu schaffen, die berühren und Texte fassbar machen. In dieser Ausstellung ist exemplarisch angehäuft, was die Kunst von Angela Hampel ausmacht. Voller Demut und Leidenschaft, mit Herz und Verstand, mit sinnlichen Verlangen nach Schönheit, reicht die Künstlerin jenen die Hand, die den Schlüssel besitzen, die Epochen aufzuschließen, ohne Scheu vor Tabus, ohne schnelle Urteile, so dass die Zeit mitten ins Herz trifft.

Bewusst zu leben und den Mut zu haben, auch die Konsequenzen dafür zu tragen, ist das Credo der Künstlerin, die früh selbstbewusst und experimentierfreudig ausgetretene Pfade verließ. Mit ihren Künstlerbüchern schuf sie Tatsachen, die man nicht leugnen kann, die sichtbar sind und sichtbar bleiben. Sie hat das Papier durchlässig gemacht für Mythen und Legenden, die den täglichen Alptraum erträglicher machen, und sie hat auf den Blättern weibliche Kraft potenziert mit einem unermesslichen Reichtum formaler Erfindungen.

Angela Hampel hat ein einer solchen Geschichte gewebt. Sie lehnte sich immer wieder gegen ein Unbeteiligt- und Unberührtsein auf und forderte die Betrachter, legte Feuerherde, die die Phantasie und das Gefühl auflodern lassen. Und so erzählt sie neben der Lyrik und Prosa, derer sie sich bedient, eigene Geschichten von lustvollen Begegnungen, vom Begehren, von verinnerlichter Körperlichkeit, von Einsamkeit, von Berührungen, vom Geben und Nehmen, von Zuständen der Schwerelosigkeit und des Träumens, vom Ich und vom Du, das sich im Wir steigert, von der Potenzierung emotionaler, geistiger und körperlicher Energie in der Gemeinschaft. Nähe und Ferne explodieren in Innenbildern.

Wer fällt, muss auch wieder aufstehen. Wer fällt, soll dennoch nicht aufgeben und wer mehr Kraft besitzt, soll dem angeborenen Egoismus entsagen, um denen etwas abzugeben, die zu schwach sind. Das sind ihre Botschaften. Die Kraft dieser positiven Gedanken verleiht Flügel, davon ist Angela Hampel überzeugt, denn "Liebe ist das Maß der Begabung der Menschen zum Leben", sagt ein russisches Sprichwort.

Weit spannt sich der Bogen der ihre künstlerischen Handschrift von expressiv-exzessiver Wildheit in der Linienführung, über Arabesken, bis hin zu einem Ausdruck fließender Sinnlichkeit und Hingabe an die Figur. Sie macht mit ihrer charaktervollen Stilistik Zeit durchlässig für einen Taumel von Assoziationsketten, die das Innen mit dem Außen verbinden.

Diese Ausstellung mit Künstlerbüchern, die der Bücherkunst huldigt, ist ein selbstbewusstes Bekenntnis zur eigenen Entwicklung und zum Einfluss der Literatur, der geschriebenen Poesie, auf ihr Denken und Zeichnen. Jedes Buch enthält einen faszinierenden Kosmos von Lebenserfahrungen, mit einer Fülle von unerwarteten Verknüpfungen von Geschichte und Gegenwart, Ermutigung zum Selbst auf der Suche nach den eigenen Wurzeln. Sie tauchte in die Welt der sorbischen Märchen ein, beschäftigte sich mit antiker Mythologie, bebilderte eigene Gedichte und begegnete der menschlichen Ort- und Ruhelosigkeit, der Sehnsucht nach Schönheit in den Texten von Elke Erb und Barbara Köhler, Christa Wolf und Róza Domascyna, Klaus Trende und Kurt Bart, Garcia Lorca und Pablo Neruda und vielen anderen von 1984 bis heute, und dann ist da immer diese "erlebte Freude", wenn sich Text und Zeichnung kongenial begegnen, wenn der Rhythmus stimmt, wenn die Zeichnung den Text nicht nur illustriert, sondern auch neue Denk- und Assoziationsräume öffnet.

Erfüllt von einem unerschütterlichen Glauben an Gerechtigkeit, Menschlichkeit und wahrhaftiger Emanzipation hat Angela Hampel in den 30 Jahren ihres Schaffens ein Gesamtkunstwerk erarbeitet, das zeigt, dass sie sich immer verantwortungsbewusst, mit sinnlichem Einfühlungsvermögen, den unbequemen Fragen der Zeit gestellt hat. Sie hat mit den Druckern Peter Stephan, Udo Haufe und Torsten Leupold in der Grafikwerkstatt Dresden zusammengearbeitet, nutzte die grafischen Techniken Holzschnitt, Radierung, Algrafie, Offsetlithografie, Lithografie und Siebdruck für die Künstlerbücher, die in limitierter signierter, geringer Auflage herausgegeben wurden. Es entstanden ebenso unikate Bücher mit Zeichnungen und Mischtechniken und seit 1985 begleiten uns durch die Jahre ihre thematischen Künstlerkalender. Viele Verlage nutzten ihre Arbeiten als Titelabbildungen.

Gerechtigkeitsglaube unerschütterlich

Angela Hampel kommt auch zu Wort im Anhang der Dokumentation: "Und um das Festhalten geht es mir mit diesem Katalog auch. Ich möchte festhalten, was - jenseits aller kunstwissenschaftlichen/politischen Zu- und teilweise auch UMschreibungen - in dieser Form meines Erachtens einmalig war. Ich meine die mitunter beinahe symbiotische Zusammenarbeit von Dichtern und Künstlern, in deren Folge landauf, landab wunderbare Bücher, Leporellos, Buchobjekte, ja ganze Buch-Kunstwerke entstanden sind. Von Altenbourg bis Zylla, von der Ostsee bis zum Thüringer Wald waren viele Dichter und Maler mit dieser Arbeit am Wortwerk beschäftigt, um aus Wort und Bild ein neues Ganzes werden zu lassen. Dabei war, was heute gerne als subversiv bezeichnet wird, in den späten 80ern meist einfach "nur" unsere Arbeit..."

bis 5. September, Stadtarchiv, Elisabeth-Boer-Str. 1, geöffnet Mo&Mi 9-16, Di&Do 9-18, Fr 9-12 Uhr

Lesung am 3. September, 18 Uhr, mit Elke Erb

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.08.2014

Karin Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr