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Regional Postapokalyptisch: die weltbesten Pressefotos in Dresden
Nachrichten Kultur Regional Postapokalyptisch: die weltbesten Pressefotos in Dresden
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09:33 02.08.2017
„Taking a stand in Baton Rouge“: Iesha Evans (27) am 9. Juli 2016 bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt in Baton Rouge, Louisiana, USA. Quelle: Jonathan Bachman
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Dresden

Postapokalyptisch. Das ist das passende Wort, wenn es um die Beschreibung vieler Nachrichtenfotos geht. Postapokalyptisch kommt dem Betrachter einiges vor, das er täglich zu sehen bekommt. Und doch ist diese Wahrheit nur die halbe. Denn es ist lediglich eine Apokalypse, die vorbei und abgelichtet ist. Die nächste wartet schon.

Nachrichtenfotos wohnt oft etwas sehr Postapokalyptisches inne. Das zeigt sich auch beim jährlichen Zusammenschnitt der zu den weltbesten Pressebildern gekürten Fotos. Sie vereinen Orte des Schreckens wie Mossul oder Lugansk und ästhetische Aufnahmen aus Sport und Natur.

Somit sind auch viele der jährlich neu bestimmten weltbesten Pressefotos – deren Auswahl derzeit im Dresdner Hauptbahnhof zu sehen ist – mit der Apokalypse als Subtext unterlegt. Die Orte und Länder, wo sie gerade Station macht, kann jeder, der den Nachrichten folgt, ohne Mühe aufzählen. Ob Mossul oder Lugansk – die Bilder bezeugen den Hang des Menschen zur (Selbst)-Zerstörung. Da der anhaltend ist, stehen wir nun vor den Fotos zurückliegender Apokalypsen, denen eins klar eingeschrieben ist: Fortsetzung folgt.

Über einiges lässt sich dabei gut streiten. Über das Siegerbild von Burhan Ozbilici zum Beispiel. Das hatte schon bei der Verkündung im Februar für Kontroversen gesorgt. Der türkische Fotograf hatte das Attentat auf den russischen Botschafter im Dezember 2016 in Ankara festgehalten, die Jury sah darin ein Sinnbild „für den Hass unserer Zeit“ (DNN berichteten). Hass speist sich aus vielen Dingen – er mündet in Vernichtung, schlimmstenfalls der von Leben. So gesehen ist Ozbilicis Foto das, was es aus nachrichtlicher Perspektive auch sein muss: ein Dokument der Zeitgeschichte.

Pressefoto des Jahres: das Attentat auf den russischen Botschafter in der Türkei in einer Kunstgalerie am 19. Dezember in Ankara. Quelle: Burhan Ozbilici, AP

Besser aber noch lässt sich streiten (weil wir gerade vom Faktischen sprechen) über belegte Zahlen: 15,5 Prozent und 2 Prozent. Ersteres ist der Anteil der Frauen am Wettbewerb (2012 lag deren höchster Anteil der jüngeren Vergangenheit bei 17,5 Prozent), zweiteres der Anteil der aus Afrika eingereichten Arbeiten. Dass Afrika auch in dieser Hinsicht (wie in so unzähligen anderen) im wahrsten Sinn des Wortes unterbelichtet bleibt, ist ein Desaster. Beim Thema Frauen lässt sich das Organisationsteam des World Press Photo-Wettbewerbs außerdem zu einem windelweichen Urteil hinreißen: Der Anteil von Frauen unter professionellen Fotojournalisten sei schlicht nicht bekannt, so dass unklar bleibe, ob der Prozentsatz der von Frauen eingereichten Arbeiten auch ihren im weltweiten Fotojournalismus spiegele oder nicht.

Dagegen ist umso klarer geworden, dass auch der Wettbewerb selbst politischen Entscheidungen unterliegt – und zwar nicht nur Repressalien gegen die freie Berichterstattung. Die in Washington lebende Fotografin Eman Mohammed, eine Palästinenserin, sollte in diesem Jahr mit in der Jury zum World Press Photo sitzen. Nach Rücksprache mit ihren Anwälten sah sie jedoch von einer Reise nach Amsterdam ab, nachdem Präsident Donald Trump einen Reisebann für Einwohner von ursprünglich sieben Ländern des Mittleren Ostens ausgesprochen hatte. Die französische Zeitung „Le Figaro“ bezeichnete Mohammed daraufhin als „Kollateralopfer“ des Trumpschen Dekrets. Für Mohammed rückte die jordanische Fotografin Tanya Habjouqa in die Jury nach.

Wettbewerbsdirektor Micha Bruinvels erzählt vom mehrfachen Überprüfen der eingereichten Bilder (es waren übrigens mit gut 80 000 Fotos etwa 2500 weniger als im Vorjahr – ein anhaltender Trend). Vier eingereichte Arbeiten wurden ausgeschlossen, weil das entsprechende Foto-Rohmaterial des originalen unbearbeiteten Bildes nicht noch hinzugefügt worden war. In 14 Fällen wurde eine unerlaubte Nachbearbeitung moniert, sogenanntes Cloning, das ebenfalls zum Ausschluss führte. All das sind gute Nachrichten im Zeitalter der „fake news“.

Die Ausstellung, die nach Dresden noch in Erfurt, Berlin und München zu sehen ist, wagt dabei – vorgegeben durch die Bandbreite der Kategorien – den Spagat vom harten Nachrichtenbild bis hin zu der der Ästhetik verpflichteten Aufnahme aus Sport und Natur. Für letzteres stehen stellvertretend die Bilderserien über Nashorn-Wilderer in Südafrika und Mosambik oder auch der durch ein Wohnviertel bei Mumbai streunende Leopard.

Die ungekrönten Könige aber sind die nachrichtlichen Fotos. Magnus Wennman zeigt ein fünfjähriges Mädchen in „What IS left behind“ – ein unglaublich nahes Porträt. Jonathan Bachman arbeitet in „Taking a stand in Baton Rouge“ mit dem Bildzitat, lehnt sich an den Franzosen Marc Riboud an, der 1967 die junge Jan Rose Kasmir fotografierte, wie sie mit einer Blume in der Hand den Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten gegenübersteht, beim Marsch auf Washington zur Beendigung des Vietnam-Krieges. Es ist ein Sinnbild, das immer wieder greift: der Einzelne gegen ein System. In diesem Fall die unbewaffnete Frau gegen hochmilitarisierte Männergruppen. Was für ein Chiasmus.

„What IS left behind“. die fünfjährige Maha in einem Flüchtlingscamp im Nordosten Iraks. Quelle: Magnus Wennman, Aftonbladet

Die eingangs erwähnte Postapokalypse wird übrigens auch in einem Song PJ Harveys treffend gespiegelt. In „The Ministry of Defence“ lässt sie in die Ruine eines Verteidigungsministeriums blicken, das einer nicht näher beschriebenen Katastrophe zum Opfer fiel. Kam der Krieg dorthin zurück, wo er seinen Ausgangspunkt nahm? Ist also die Apokalypse so etwas wie Gerechtigkeit? „This is how the world will end“ lautet die letzte Zeile von PJ Harveys Lied, das vielleicht der passendste Soundtrack zu diesen Fotos wäre. Und wer die Melodie dazu im Ohr hat, diesen harten, einfachen Sound, der fühlt sich möglicherweise auch daran erinnert, dass Hoffnung in weiten Teilen der Welt keine akzeptierte Währung mehr ist.

bis 10. August im Dresdner Hauptbahnhof

Von Torsten Klaus

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