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Popmusik, verstanden als Lebenselixier: Stereo Total und Jeans Team in Dresden

Popmusik, verstanden als Lebenselixier: Stereo Total und Jeans Team in Dresden

Es quietscht, rappelt und pfeift in den unterschiedlichsten Tonlagen, und immer wieder blitzen Rhythmen auf, die ganz eindeutig schon mal von anderen Kollegen kreiert wurden.

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Stereo total mit Françoise Cactus und Brezel Göring.

Macht nichts, was gefällt, ist erlaubt, und wer es sich leisten kann, der wandelt ausgelassen und selbstsicher auf dem schmalen Grad zwischen kitschigen Stilblüten und interessanter Innovation. Zwei Bands, die nicht seit gestern erst die Balance halten, sind Stereo Total und Jeans Team. Wird nach Gemeinsamkeiten gesucht, dann fallen da schnell die Berliner Wurzeln auf, und auf den zweiten Blick werden auch Kooperationen ersichtlich, die das Unterhaltungssandwich Stereo Total und Jeans Team mit San Reimo Beilage gut würzen. Was überwiegt, sind allerdings doch die Unterschiede.

In der Saloppe gingen beide Bands auf die Bühne, um nicht nur auf die letzten 20 Jahre zurückzuschauen, sondern auch um etwas Neues anzubieten, was hier und heute durchaus noch Bestand hat und am Zeitgeist kitzelt. Das Jeans Team, Reimo Herfort und Franz Schütte, werden gern gesehen als die konsequente Fortführung der Neuen Deutschen Welle. Eine Einordnung, die nicht ganz treffend ist. Denn beide sind nicht ausschließlich ausgestattet mit nacktem Unterhaltungswert, sondern auch gut im Beschreiben. Sie nehmen den Besucher mit auf einen Einkaufsbummel durch das "Gesundbrunnencenter", buchstabieren die Sexualität mit einem entsprechenden "Erotik ABC" oder öffnen die Türen zum "Waffenladen". Das alles ist eine kritische Beobachtung der Umwelt - nicht immer glücklich in Musik gefasst, manchmal etwas oberflächlich ohne Anspruch auf große Didaktik -, aber immer diskussionswürdig.

Stereo Total waren vielleicht die auffälligsten Protagonisten, die sich Anfang der 90er anschickten und mit Easy Listening ein Publikum wachküssen wollten. Um ihre genial schlichten Texte strickten sie immer wieder eine überaus aufwendige Musik, entschlackten die Soundgeneratoren aus Spielautomaten, ließen ganze Flohmarktbeuten erklingen und griffen nach allem, was aus Strom ein Geräusch generierte. So entstanden Popperlen, die für viele zum Soundtrack der Liebe wurden, die heute immer im Glanz der Discokugeln aufflackern, "Supercool" oder warum "Cosmonauten" nie auf dem Teppich bleiben können.

Françoise Cactus und Brezel Göring arbeiten heute noch immer nach einem vergleichbaren Prinzip, eine Konstante, die sich gut anhört in einer kurzlebigen Musikwelt. Es gibt nichts zu entstauben, keine Frischzellenkur, und es bedarf an den Texten keiner Neuausrichtung, damit 2013 die nötigen Akzente gesetzt werden können, die erforderlich sind, damit das Publikum an den Boxen bleibt. Das Duett wirkt manchmal etwas schrullig, spröde und verwirrt, schlägt bisweilen im musikalischen Habitus etwas übers Ziel hinaus, doch wenn die Amplitude zur Musik verzerrt wird, dann sind die Ecken und Kanten genau richtig, um nicht beliebig zu wirken. Das ist derart verführerisch, dass mancher Konzertbesucher wie die Motte vom Licht von der Musik so stark angezogen wird, dass er plötzlich etwas halsstarrig auf selbige steht und von Françoise Cactus zu einem Geständnis genötigt wird: "Ich liebe Liebe zu dritt."

Einige Fans stürmten die Bühne, tanzten wild durcheinander, nicht nur vom Rausch der Musik motiviert, sondern auch vom französischen Charme von Frau Cactus. Mit professionellem Geschick und entwaffnender Coolness gaben Stereo Total nicht das Zepter aus der Hand, ließen im Hintergrund die Party beginnen, und mit viel Routine ging ein Sommerkonzert über die Bühne, leichtfüßig, beschwingt und lustig. Ein Rahmen, der quasi danach verlangte, sich bei David Bowie zu bedienen und festzustellen, einmal Hero zu sein, auch wenn es nur für einen Tag war oder eine kurze Nacht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.08.2013

Stephan Wiegand

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