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Politisch und ästhetisch: Starke Dichte bei der Hellerauer Portrait-Fotopreis-Ausstellung

Erster Preis für iranischen Fotografen Sadegh Souri Politisch und ästhetisch: Starke Dichte bei der Hellerauer Portrait-Fotopreis-Ausstellung

Im Festspielhaus Hellerau sind die besten Einsendungen des zweiten internationalen Portrait-Fotowettbewerbs zu sehen. Etwa 250 Fotos werden ausgestellt, das Zehnfache an Arbeiten wurde eingereicht. Nicht nur die Preisträgerfotos beeindrucken. Und auch ein Dresdner liegt (fast) ganz vorn.

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Bilder aus einem Teheraner Gefängnis für minderjährige Mädchen: aus Sadegh Suoris Serie „Waiting Girls“.

Quelle: Sadegh Souri

Dresden. Über Fotos und ihre Bedeutung wird in unseren bildgewaltigen Tagen immer wieder diskutiert. Jüngstes Beispiel war die Jury-Auswahl zum Welt-Pressefoto des Jahres. Nach der Bekanntgabe der Entscheidung für den türkischen Fotografen Burhan Ozblilici, der das Attentat auf den russischen Botschafter im Dezember 2016 in Ankara festhielt, hagelte es Proteste. Weil der Terror in Siegerpose gezeigt wird. Die Jury sah in dem Foto dagegen ein Sinnbild „für den Hass unserer Zeit“.

Nun arbeitet Ozbilici vorrangig journalistisch. Doch sein Porträt des Attentäters, eines jungen türkischen Polizisten, weist über dieses Arbeitsfeld hinaus. Es ist tatsächlich der Inbegriff einer Ära.

All das hat mittelbar auch mit der neuen Ausstellung zum Portrait-Fotowettbewerb in Hellerau zu tun. Die jüngste Ausschreibung stand unter dem Titel „Change“. Um dem Wandel in seinen zahlreichen Spielarten beizukommen, bieten sich vor allem Fotoserien regelrecht an. Serien, die den besagten Wandel dokumentieren. Als solche Dokumente bilden sie wiederum die Schnittstelle zum Journalismus.

Diese Charakterisierung trifft sicher auf einige der Bildfolgen zu, die nun im Ost- wie im Westflügel des Festspielhauses Hellerau zu sehen sind. Dazu zählen Sadegh Souris Aufnahmen aus einem Gefängnis für junge Mädchen in Teheran, für die er den ersten Preis (5000 Euro) und eine sechswöchige Arbeitsresidenz in Hellerau zugesprochen bekam. Die Serie „Waiting Girls (Waiting for Capital Punishment)“ porträtiert die jugendlichen Insassen des Gefängnisses. Eins der Foto zeigt die weinende 15 Jahre alte Shaqayeq, die von ihrer Großmutter besucht wird. Die Jugendliche sitzt, als Souri die Fotos macht, bereits ein Jahr in diesem Gefängnis, wegen bewaffneten Raubüberfalls. Wenn sie 18 geworden ist, wird das bereits gesprochene Todesurteil an ihr vollstreckt.

Im Iran gelten laut Amnesty International Jungen ab 15 Jahren, Mädchen sogar schon ab neun Jahren als volljährig und strafmündig, inklusive dem möglichen Verhängen eines Todesurteils. Das gilt nicht nur für Mord, sondern auch für bewaffneten Raub oder Totschlag. Trotz einer wichtigen Änderung des Strafgesetzes, wonach der Richter auf ein Todesurteil verzichten kann, wenn bezweifelt wird, dass die Tat von einem Jugendlichen begangen wurde, der bei klarem Verstand war, werde im Land nach wie vor eine hohe Anzahl Jugendlicher unter 18 Jahren hingerichtet, schrieb die iranische Rechtsanwältin und Menschenrechtlerin Nasrin Sotoudeh. Laut Amnesty International wurden im Iran zwischen 2005 und 2015 insgesamt 73 jugendliche Straftäter gehenkt.

Dieser Hintergrund macht Souris Serie zu politischem Journalismus. Thematisch ist er dabei nicht weit weg von der Auftaktsiegerin im vergangenen Jahr, der Russin Elena Anosova. Sie zeigte unter dem Titel „Section“ Fotografien von Frauen in Haft.

Sonja Hamad erhielt den dritten Preis für ihre Serie „Jin – Jiyan – Azadi“ über kurdische Freiheitskämpferinnen

Sonja Hamad erhielt den dritten Preis für ihre Serie „Jin – Jiyan – Azadi“ über kurdische Freiheitskämpferinnen.

Quelle: Sonja Hamad

Auch die aus Syrien stammende Kurdin Sonja Hamad, die heute in Berlin lebt, hat sich einem Thema gewidmet, nach dessen politischer Komponente nicht lange gefahndet werden muss. Sie hat in Syrien und Nordirak Wochen mit jungen Kurdinnen verbracht, die gegen den IS kämpfen – und sie auch porträtiert. „Jin – Jiyan – Azadi“ heißt Hamads Serie, die den dritten Preis (1000 Euro) erhielt: „Frauen – Leben – Frieden“. Der Kampf gegen ein Militär gewordenes Weltbild, in dem Frauen nur eine völlig untergeordnete Rolle spielen, lässt diese Gesichter mit einem hart entgegenschlagenden Ernst in die Kamera blicken. Hamad ist gerade dabei, die Serie durch neue Aufnahmen zu erweitern.

Katerina Belkina arbeitet anders, sieht sich einer ästhetischen Ebene verpflichtet. In der Ausstellung hängt ihr beeindruckendes Bild „Vesna“ aus der Serie „Revival“: eine Allegorie, angelehnt an die Neo-Renaissance. Manche ihrer porträtierten Figuren erinnern in ihrer Kühle gar an die von Loretta Lux. Belkina zählt zu den Künstlern, die parallel zur Schau in Hellerau noch mit einer kleineren Solo-Ausstellung bedacht werden. Die aus Samara stammende und in Berlin lebende Russin zeigt eine Auswahl ihrer Fotos in der Zeitgalerie.

Dritter Preis auch für den Dänen Jens Juul für seine Serie „Six degrees of Copenhagen“

Dritter Preis auch für den Dänen Jens Juul für seine Serie „Six degrees of Copenhagen“.

Quelle: Jens Juul

Auch das Aufbrechen von Erwartungen und Betrachtungsmustern spiegelt die Juryauswahl von rund 250 Fotos aus zehn Mal mehr Einsendungen. Karina-Sirkku Kurz porträtiert in „Ungleichgewicht“ Betroffene von Essstörungen auf eine frappierend andere Weise. Der Däne Jens Juul (ebenfalls dritter Preis) setzt in seinen „Six degrees of Copenhagen“ Unbekannten einen Bild-Markstein. Er spricht sie an, es braucht Zeit, das Eis zu brechen. Irgendwann entsteht das Bild. Und Juul bittet seine Models, einen aus dem Bekanntenkreis zu empfehlen, der als Nächster porträtiert wird. Dabei setzt der Däne die „Jeder kennt jeden“-Kette des Psychologen Stanley Milgram um. Der hatte schon 1967 per Experiment versucht nachzuweisen, dass jeder US-Amerikaner von jeder anderen Person im Durchschnitt durch Kontakte zu nur sechs Personen getrennt ist.

Auch das einheimische Element ist zu finden, vor allem durch den HfBK-Absolventen Stefan Krauth. Er inszeniert sich „In Amerika“, wofür er den zweiten Preis einheimste. Das Selbst und wie stark es sich öffentlich darstellen soll, lässt sich als starke inhaltliche Komponente des Wettbewerbs ausmachen. Dafür sprechen zahlreiche Abbilder von Menschen, die sich nicht zu erkennen geben. Eine zeitgemäße Verweigerung.

Der Dresdner HfBK-Absolvent Stefan Krauth bekam für seine Serie „In Amerika“ den zweiten Preis

Der Dresdner HfBK-Absolvent Stefan Krauth bekam für seine Serie „In Amerika“ den zweiten Preis.

Quelle: Stefan Krauth

Die nähere Zukunft des Portrait-Fotowettbewerbs Hellerau sei gesichert, sagte Initiator Martin Morgenstern. Intendant Dieter Jaenicke, der 2018 die Leitung des Hauses an Carena Schlewitt übergeben wird, habe sein Okay gegeben. Bei Schlewitt habe er bereits vorgesprochen, was die dann folgenden Jahrgänge betrifft. „Es wäre schön, das Ganze fortsetzen zu können“, zeigte sich Morgenstern vorsichtig optimistisch. Er arbeitet an einem Fernziel: dass Dresden im Frühjahr dereinst „Fotografie atmet“. Und spricht im Hinblick auf die Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt 2025 von einem „wichtigen Baustein“.

Ausstellung im Festspielhaus Hellerau: bis 17. April, geöffnet Do/Sa 14-18 Uhr und jeweils eine Stunde vor und nach den Veranstaltungen

weitere Ausstellungen: jeweils ab 3.3.: in der Zeitgalerie (Kamenzer Str 19), im Museaneum (Prießnitzstr. 39), in der bautzner 69 (Bautzner Str. 69); jeweils ab 8.3.: Kunztraum (Gutschmidstr. 7), Kunstfoyer Kulturrathaus (Königstr. 15), Oberüber Karger (Devrientstr. 11)

www.portraits-hellerau.com

Von Torsten Klaus

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