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Philipp Schaller mit seinem ersten Soloprogramm zu Gast bei Breschke & Schuch

Dresdner Premiere Philipp Schaller mit seinem ersten Soloprogramm zu Gast bei Breschke & Schuch

Philipp Schaller bezeichnet sich selbst als politischen Kabarettisten. Sein erstes Soloprogramm mit dem Titel „Mit voller Hose sitzt man weicher“ hat jetzt bei Breschke & Schuch seine Dresdner Erstaufführung erlebt.

Philipp Schaller präsentiert sein erstes Soloprogramm „Mit vollen Hosen sitzt man weicher“.
 

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  Philipp Schaller bezeichnet sich als politischen Kabarettisten. Er wiederholt es so oft, bis es sich auch der letzte im Saal gemerkt hat. Nicht nur damit nimmt er sich selbst und seine Zunft ein bisschen auf die Schippe. Er kommt daher, als hätte er gar kein Programm, sucht bis zum Ende nach einem Anfang, gut zwei Stunden lang. Dass Philipp Schallers erstes Soloprogramm mit dem wenig einleuchtenden Titel „Mit voller Hose sitzt man weicher“ vor einem halben Jahr in Leipzig seine Ur- und erst jetzt bei Breschke & Schuch seine Dresdner Erstaufführung erlebte, hat für Eingeweihte auch einen Hauch von Realsatire. Im Publikum saßen offenbar vorwiegend Eingeweihte, übrigens in einer Altersstruktur, die das optimistisch Stimmende des Abends war.

In einem Wettbewerb, bei dem der Sieger nach Länge und Lautstärke von Gelächter, Beifall, Schenkelklopfen bestimmt wird, hätte Schaller null Chancen. Seine Pointen sind zu fein oder zu bitter. Ungebrochene Heiterkeit ernteten Bemerkungen zu Helene Fischer, deren Gesang bei ihm ganz simpel einen unwiderstehlichen Fluchttrieb auslöse. Ansonsten hält er den gerade so in Grenzen (doch davon später). Wer schlussfolgert, dass Protagonist und Publikum nur in Relation zu der blonden Sängerin auf einer Welle lagen, ist freilich im Irrtum.

Im Unterschied zu Helene Fischer singt Philipp Schaller nicht, zumindest nicht öffentlich und in diesem Programm. Er kommt daher und weiß nicht, wie er anfangen soll. Vielleicht, weil er ja weiß, dass sich Kabarett mit üblichen Rundumschlagmonologen selbst abschaffen wird. Was tun, wenn komplizierte, vieldeutige politische, soziale, wirtschaftliche Entwicklungen (und Fake News von allen Seiten) Orientierung und Meinungsbildung immer schwieriger machen? Wenn Feindbilder verwackeln, ermunternde Pointen ebenso ausgehen wie erhellende Aphorismen? Eingestandene Ratlosigkeit, dem Empfinden nach schwindende Chancen, sich einzubringen, sind das eigentliche Thema, an dem sich Schaller abarbeitet, gleich ob er sich vordergründig über die uralte Bezeichnung „Neger“, pränatale bzw. Bildung mit der Schuhkartonmethode oder Psychopathen in Weltpolitik auslässt.

Dass er, der immer konsequent die Linke gewählt hat, sich beim letzten Mal schwer getan habe, begründet er mit dem Fehlen des stets so fröhlichen Gregor Gysi, der immer so genau seine, also Schallers eigene Gedanken ausformuliert habe, während Sarah Wagenknecht… Nein, Schaller wählt nicht nach Fröhlichkeit, sondern letztlich mit gut recherchierten Begründungen, und wenn er von denen spricht, ist es genauso still im Saal wie nach der Frage, ob jemand die letzte Neujahrsansprache von Frau Merkel im Fernsehen gesehen habe.

Der mittlerweile fast 40-Jährige ist, das bekommt man auch als Nicht-Eingeweihter mit, ein sehr guter, von Einfällen sprühender Schreiber. Freilich kein wirklich professioneller Sprecher und Darsteller, aber er gleicht das aus mit ungekünstelter Glaubwürdigkeit. Was Schaller am besten kann, ist Schaller. Der politische Kabarettist ausgesprochen linker Gesinnung stellt sich als politisch naiven, halbwegs intellektuellen Kleinbürger dar, lässt gelegentlich ausgesprochenen Scharfsinn aufblitzen, konterkariert mit derber Unbotmäßigkeit. Schaller bietet keine Rolle, keine Kunstfigur, von der er sich privat völlig distanzieren könnte, sondern einen Typ mit mindestens zwei Seelen in der Brust. Er fabuliert, oszilliert gewissermaßen um sein eigentliches Ego, zwischen Gutmensch wider Willen, Proll und Zyniker. Damit dämpft er den womöglich aufkommenden Wunsch, ihm für eine Fülle trefflicher Ein- und Ansichten zur Lage (von Trump bis Klimawandel) fortwährend anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Er stellt sich selber in Frage, lässt den Zuhörer oftmals im Unklaren, was seine, Schallers eigentliche Position sein könnte, und nötigt damit sein Gegenüber, sich ein eigenes Bild zu machen. Zum Beispiel beim Umgang mit dem lang und breit abgehandelten Flüchtlingsthema, bei dem der linke politische Kabarettist gesteht, einmal für kurze Zeit in Übereinstimmung mit der deutschen Kanzlerin gewesen zu sein. Und zwar, als er auf der Rückreise aus der Toscana im Stau zwischen Flüchtlingen steckte, endlich die Grenze geöffnet und damit eine innerfamiliäre Krise vermieden wurde. Da sind wir dann beim Kabarett und weit genug weg von einem rotweinschwangeren Monologlamento über Gott und die Welt.

Im zweiten Teil des Programms, dem angeblich tiefgründigen, geht Schaller aber wirklich zeitweise auf Tauchstation, zu seinen Bauchgefühlen bzw. indem er sich ausgiebig mit „seinem“ i-Phone/Pad-Wahn und den Zuständen an einer Grundschule beschäftigt, in der sein Sohn einzig und allein darauf getrimmt werde, sich später einmal gut zu vermarkten. Da ist sicherlich vieles gut beobachtet und durchaus charakteristisch, aber im individuellen Blickwinkel rückt der Tellerrand gefährlich nahe, und für die folgende Generation geht er nur im frommen Wünschen darüber hinaus. Logisch konsequente bzw. angesichts nicht mehr auszuschließender Katastrophen nachvollziehbare Fluchtgedanken sind freilich absurd, und weil Schaller das natürlich weiß, kommt er am Ende doch noch zum Anfang. Ganz einfach mit dem Wort Frieden, und so möchte er auch zitiert werden. Der folgende Beifall war so groß, als hätte es eine brauchbare Antwort auf die Frage gegeben, wie man dafür leben sollte oder könnte...

Vorstellungen 12.-14. Oktober; 2.November, 11. und 12.Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Kabarett Breschke & Schuch

Von Tomas Petzold

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