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Philipp Lux ist ein ungewöhnlicher Staatsschauspieler - und heute ist er der letzte Lehman

Philipp Lux ist ein ungewöhnlicher Staatsschauspieler - und heute ist er der letzte Lehman

Ob Geld Tore schießen kann, ist umstritten. Dass es aber nicht arbeiten oder sich gar vermehren kann, sollte Usus sein. Zumindest seit Ausbruch der jüngsten Finanzkrise, die vor sieben Jahren in der spektakulären Bankpleite der "Lehman Brothers" gipfelte, deren Geschichte als bayrische Juden, die einst nacheinander auswanderten und ihr Glück überm Teich machten, nun auch auf eine deutsche Bühne kommt.

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Phillip Lux (r.) als letzter Lehman Brother neben Sascha Göpel. Heute Abend feiert das Stück Premiere.

Quelle: David Baltzer

Heute Abend gibt Philipp Lux den letzten Lehman. Er spielt in einem Männerseptett bei der deutschsprachigen Erstaufführung von "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" am Dresdner Staatsschauspiel, wobei erhöhter Medienauflauf ob Brisanz und Sujet sicher ist. Autor ist der Italiener Stefano Massini, Regisseur der Kölner Intendant Stefan Bachmann, der als Gastregisseur Dresden schon Mulischs "Das steinerne Brautbett" und Schillers "Der Parasit" bescherte. Nun, zur Kooperation mit dem Kölner Schauspiel, kommen vier der Darsteller vom Dresdner Staatsschauspiel, drei Herren bringt Bachmann aus Köln mit.

Philipp Lux hat dabei, so wie immer, die höchste Übersicht. Das liegt an seiner langen Gestalt, die ihn von vornherein als Schauspieler für einige Rollen nicht als Idealtyp empfiehlt. Dennoch ist die Schauspielerei für den 1973 in Mainfrankfurt geborenen Mimen ein Traumberuf. Er zog mit seinen Eltern ganz jung nach Bargteheide in Schleswig-Holstein, wo er schon früh im Kleinen Theater mit aller Konsequenz und Leidenschaft in etlichen Funktionen zugange war - bis die Schauspielschule rief. Leipzig bot den frühesten Termin zum Vorsprechen, so verschlug es ihn in die Heimatstadt seines Vaters, von Beruf Lehrer, der die DDR kurz vor dem Mauerbau noch über Berlin verließ. Dort studierte Philipp Lux bis zur Endrunde noch kurz Theater- und Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte an der Uni. "So war ich schon in der Stadt, hatte mich eingewöhnt, als es richtig losging", erzählt er heute, just zwanzig Jahre später, als er einer von zwanzig Auserwählten wurde, die pro Jahr ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig beginnen können.

So kam er, wie üblich nach dem zweiten Studienjahr, 1997 ins Schauspielstudio - Weimar oder Dresden, war hier die Frage. Eine Wahl hatte er nicht, das Schicksal sandte ihn an die Elbe. Damals hieß hier der Intendant noch Dieter Görne, das Kleine Haus war noch im Urzustand, und das Staatsschauspiel beschäftigte vier Hausregisseure. Einer davon war Hasko Weber - und dieser eröffnete Philipp Lux schon vor der Sommerpause 1998, dass er sich um seine Zukunft keinen Kopf machen müsse, man würde ihn gern hier behalten. So datiert sein erstes Engagement schon vor Studiumabschluss - und bleibt nicht die einzige Besonderheit in Lux' steter Karriere.

Zauberberg als Ritterschlag

Spätestens seit Holk Freytags Wagnis, Thomas Manns "Zauberberg" in einer neuen Dresdner Fassung anzubieten, ist Lux deutschlandweit bekannt, sein Hans Castorp bescherte ihm den Ritterschlag: "Ab da war ich kein Nachwuchsschauspieler mehr", grinst er. Über fünfzig Mal stand er in dem Epos auf der Bühne und bekam dafür vom Förderverein mit 30 den Erich-Ponto-Preis. Eine andere Rolle aus jener Zeit spielt er noch heute: Ebeneezer Scrooge in der legendären Palais-Inszenierung. "Diese Rolle gehört aber eindeutig Lars Jung, ich springe nur drei- bis viermal pro Jahr ein", wiegelt er ab, der auch als Jakob Fabian bei Kästner, Ernst Wendland in Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" oder Alfred Loth in Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" brillierte.

Überhaupt ist er auffällig oft in erfolgreichen Inszenierungen besetzt und hat mit Lösch, Engel, Kresnik, Köhler, Kriegenburg und Bachmann ein großes Portfolio an bekannten Regisseuren zu bieten. Dennoch bleibt er bodenständig und Dresdner: "Ich habe hier in der Neustadt einen engen Freundeskreis mit familiärem Klima, ich fühle mich sehr wohl hier." Damit konterkariert er die üblichen Wechseleien, aber er versteht auch die andere Sicht derjenigen, die für neue Herausforderungen gern weiterziehen.

Eine eigene Netzpräsenz braucht er bei dieser Arbeits- und Lebensweise nicht. "Ich muss mich nicht im Internet präsentieren, ich bin ja nicht auf der Suche nach neuen Rollen oder Projekten, die finde ich alle hier im Haus", erläutert Lux, kurz nach der Probe schon tiefenentspannt wirkend. Dafür hat er einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Wie das denn kommt? "Keine Ahnung", sagt er - und man glaubt ihm das im nonchalanten Gespräch sofort. Ganz im Gegensatz zu fiesen Rollen. Doch auch die kann er durchaus gut, wie er als Jago in Shakespeares "Othello" oder auch als Kreon, König von Theben, in "Antigone" bewies.

So kommt es auch zu einem weiteren Novum: Dass ein Schauspieler im deutschen Theaterbetrieb länger als 15 Jahre an einem Haus bleibt und somit unkündbar wird, ist heutzutage sehr selten. "Wilfried Schulz hat das ganz charmant gemacht: Es sähe keinen Grund zur Veränderung, sagte er mir. Ich selbst hatte den Zeitpunkt gar nicht im Auge - die Zeit verging so schnell." So erlebt Lux ab übernächstem Sommer den dritten großen Wechsel und ein Jahr später seinen vierten Dresdner Intendanten. Das heißt auch, dass er mit den großen Alten, von denen Dresden einige sein Eigen nennt, gut klarkommen muss. "Na klar, ich teile zum Beispiel meine Garderobe mit Albrecht Goette und genieße nahezu täglich dessen Erfahrungsschatz." Auch er selbst teilt diesen gern: Seit zehn Jahren ist er als Dozent für die Studenten des Schauspielstudios Dresden tätig, außerdem betreut er einen Jugendclub der Bürgerbühne. So gibt es am 25. Juni im Rahmen einer Werkstattaufführung des "Clubs der flanierenden Bürger" seine nächste Premiere, diesmal als künstlerischer Leiter. 14 Jugendliche zwischen 14 und 18 werden für je 70 Zuschauer eine "Ode an das Leben" erarbeiten: "Vom Lauf der Zeit" heißt diese und wird über den Löbtauer Annenfriedhof führen.

Doch zuvor geht es ab heute nach New York - an des Bankers Fell wie Niere. Lux selbst sieht der Premiere mit Spannung und Vorfreude entgegen: "Es ist unglaublich, wo die Lehmans überall ihre Finger und Finanzen drin hatten - von der Verpachtung des Panamakanals bis hin zu Filmproduktionen wie King Kong", macht er neugierig.

Premiere heute, 19.30 Uhr, im Dresdner Schauspielhaus, weitere Vorstellungen am 10. & 22. Juni

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.06.2015

Andreas Herrmann

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