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„Peer Gynt“ am Theater Wien

Wolken über Trollistan „Peer Gynt“ am Theater Wien

Unter der zupackenden Leitung des ORF Radio-Symphonieorchesters durch Leo Hussain wird einerseits die dräuende Atmosphäre von Egks „Peer Gynt“ Musik imaginiert, zugleich aber auch die Szenenfolge geschmeidig durchfabuliert...

Ensemble und der Arnold Schoenberg Chor bei einer Aufführung von „Peer Gynt“ am Theater in Wien.

Quelle: Werner Kmetitsch

Dresden.  Werner Egks Oper „Peer Gynt“ ist nicht nur die großformatige Vertonung von Ibsens Ausnahmedichtung durch einen deutschen Komponisten. Erst der Ort und das Jahr der Uraufführung – Berlin 1938 – setzten das Werk ins rechte kritische Licht. Es sind vor allem die Bezüge zu der Musik, die rings um den 1. Kapellmeister der Berliner Lindenoper von Goebbels Gnaden entstand, beziehungsweise längst verboten war.

Das süßliche Schwelgen in der spätromantischen Diktion in Rufnähe zu Richard Strauss verwundert natürlich nicht. Die deutlich durchscheinenden Anklänge an Kurt Weills ambitionierten, antikapitalistischen Rhythmus oder den ansonsten vom Regime ja heftig bekämpften Jazz-, Tango- oder Charleston-Anklänge mit Blick auf das Uraufführungsjahr aber schon. Dass von Hitler und seinem Propagandaminister mehr als eine Affinität zu dem Stück überliefert ist, mag das erklären. Was für den Komponisten (1901-1981) nach dem Krieg eher peinlich und der Rezeption seines Werks nicht gerade förderlich war, obwohl seine Karriere nahezu bruchlos weiterging.

Unter der zupackenden Leitung des ORF Radio-Symphonieorchesters durch Leo Hussain wird einerseits die dräuende Atmosphäre von Egks „Peer Gynt“ Musik imaginiert, zugleich aber auch die Szenenfolge geschmeidig durchfabuliert. Hussain setzt auf den Reiz der in diesem Stilmix liegt und heute mitunter wie eine bewusstes Spiel mit der Parodie herkommt. Wenn das kleine Mädchen im 6. Bild auf dem Tisch vor den Matrosen tanzt, bebildert das szenisch die Kinderprostitution in der Hafenkneipe und assoziiert musikalisch einen Tanz der Salome.

Für solche doppelbödigen Assoziationen ist dieser Regisseur allemal offen. Mit dem besonderen zeitgeschichtlichen Kontext von Werken, die unter den Vorzeichen brauner Herrschaft entstanden sind, hat sich Konwitschny schon am Beispiel von Richard Strauss auseinandergesetzt. Im Falle von „Peer Gynt“ geht es ihm nicht um den Entstehungskontext, sondern um das Werk selbst und seine Relevanz. Er zeigt den Einen, den Ausgegrenzten, der sich wehren muss.

„Ich kaufe also bin ich“ – das ist einer der Sprüche, die in dem von Helmut Brade ausgestatteten Trollistan die Fassaden zieren. Er hat daraus einen nüchternen, zweistöckigen Bau gemacht, der wie eine Melange aus 08/15- Mall von heute und IKEA-Fertighaus aus der Versenkung auftaucht und wieder verschwindet. Der Umbau hinterm Vorhang mit den Wolkenprojektionen braucht allerdings jedes Mal seine Zeit und erzwingt Pausen.

Dass der Trollkönig (Rainer Trost) seinen Schlips so penetrant überlang bindet wie der aktuelle Bewohner im Weißen Haus, gehört zu jenem dezenten, dialektischen Witz, mit dem ein Regisseur wie Konwitschny so genau und dosiert umgehen kann, dass es eben nicht aufgesetzt wirkt, sondern souverän im Rahmen der selbstgewählten Ästhetik bleibt. Da wird zum Auftakt eine turbulente Hochzeitsgesellschaft imaginiert. Die Einsamkeit dann durch ein selbstgezimmertes Holzhaus, das Reich der Trolle als urbanes Gegenstück und Peers Karriere in Übersee und sein Ziel, der Kaiser der Welt zu werden, mit einem schlicht skizzierten Urlaubsambiente und einem Potentaten in einer fahrbaren Badewanne, die von Personal mit den berühmten Bananen an der Hüfte bewegt wird.

Eindrucksvoll die Bilder für das nahende Ende. Die orakelnden schwarzen Vögel sind drei schwarze Witwen, das Fahrzeug, das ihn holen soll, eine weiße Stretchlimousine mit einem Kennzeichen aus lauter Totenköpfen. Mutter Aase schließlich verschafft ihm den Aufschub, der den Himmel (trügerisch?) aufreißen lässt. Und in einem zuckersüßen ariosen Schwelgen mündet, als wollte Egk seine Version eines Arabella-Finales einschmuggeln. Mutter Aase (Natascha Petrinsky) war ihrem Sohn schon mit MPi und ihrer respektgebietend, dunkel strahlenden Stimme zu Hilfe gekommen, als die besoffene Hochzeitsgesellschaft über ihn hergefallen war.

Natürlich ergreift Konwitschny Partei für seinen Peer Gynt, der sich einer Gesellschaft erwehren muss, die selbstverliebt und stolz auf ihre Schlichtheit im Geiste ist. Und keinen Sensor hat für einen Träumer wie Peer oder eine nur mit dem Herzen sehende wie Solveig.

Dass dieser Abend trotz aller Begrenztheit musikalischer Raffinesse und der Sprache Egks funktioniert, liegt an der im Großen klug gedachten und im Detail perfekt gemachten Regie. Und natürlich an dem fabelhaften Ensemble.

Allen voran der auch in dieser Rolle charismatische Bo Skovhus, der schon vor zehn Jahren seinen Wozzeck bei Konwitschny alles andere als bloßstellte. Seither ist der Däne immer noch besser geworden. Wer kurz hintereinander den König Lear und den Grafen von Luxemburg meistert, ist auch ein idealer Gynt. An seiner Seite changiert Maria Bengtsson virtuos. Beide führen ein erstklassiges Ensemble an.

Von Joachim Lange

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