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Pankow in Dresdens Altem Schlachthof

Konzert Pankow in Dresdens Altem Schlachthof

Die Berliner Band Pankow um André Herzberg ist, nach längere Pause, wieder unterwegs. In Dresdens Altem Schlachthof war sie mit ihrem Album „Aufruhr in den Augen reloaded“ zu erleben, einer Reminiszenz an das Original von 1987. Das teilweise sangesstarke Publikum war recht gereift – und eher männlich.

Die Ostberliner Kultcombo Pankow ist wieder auf der Straße – und André Herzberg vornweg.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Um fünf nach sieben, wenn im Saal das Licht ausgeht, war es am Freitag genau drei nach neun – und das Kulturhaus im Kaff der Alte Schlachthof zu Dresden. Die Ostberliner Kultcombo Pankow ist wieder auf der Straße – und beim letzten Song der Scheibe „Aufruhr in den Augen“.

Rund fünfzig Minuten braucht das Quintett, um dieses Album, 1987 produziert und 1988 erschienen, in eigenwilligen, neuen Akustikarrangements darzubieten. Diese sind nagelneu erschienen – als Live Doppel-CD namens „Aufruhr in den Augen reloaded“. Nach der Aufnahme per Doppelkonzert im Berliner Franzz Mitte November folgten nun im Januar eine Tournee mit elf Gigs, wobei Dresden der vorletzte war, dem im kleinen Saal gefühlt 500 Leute folgten – gut gereift und erstaunlich männlich.

Das geschah live natürlich nicht wirklich ungestöpselt, sondern vor allem durch Einsatz von Akustikgitarren und mithilfe von Chef-Engerling von Wolfram Boddi Bodag und André Drechsler an Gitarre wie Bass.

Das weckt Erinnerungen, denn noch mehr als die drei Alben zuvor traf die Aufruhr-Scheibe das Lebensgefühl der DDR-Jugend – ungeschminkte, ideologiebefreite, rotzfreche Rockmusik. Mit der Kultgestalt Paule Panke als Prototyp vom „Werkstattsong“ und „Er will anders sein“ fuhr ein neues Selbstbewusstsein in alle Glieder – denn der gesellschaftlichen Agonie begegnete die aufgeklärte Jugend mit frivoler Flucht ins Private, keiner formulierte das so klar und dennoch lyrisch versponnen wie André Herzberg und Jürgen Ehle – jeder im Saal (das gilt bis heute) hatte dabei seine eigene Inge, Gabi, Isolde oder Doris im Kopf.

Der „Aufruhr“ – die vierte Scheibe nach nur sechs Jahren – schwappte hoch, fast jeder Song wurde zum Hit – und sorgte zusammen mit ähnlich brisanten Amiga-Neuerscheinungen von City, Silly und Gundermann für einen vorauseilenden Hauch von „Glasnost“ und „Perestroika“, beides Strategien, die man heute gut gebrauchen könnte, unter dem damals dank Zensur textschwanger-politisierten Rockpublikum. Dazu gelang Pankow in der Zeit der Diskussion, ob man sowas denn durchgehen lassen könne, ein großer Coup: Sie holten sich zur Livetour die Bigband der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, also echtes Gorbi-Gebläse ins Boot und machten der Pankower Regierung gut Dampf. „Gib mir ein Zeichen“ erreichte in der DDR-Jahreshitparade 1989 Platz 9, „Aufruhr“ Platz 14.

Umso mehr wurmt die Ironie der Geschichte, die leider wie so oft nicht mit der musikalischen Qualität korreliert, denn mit dem Weißenseer Konzert zum zehnjährigen Bandjubiläum anno 1991, live von den absterbenden Jugendkanälen übertragen, war Pankows wichtige Zeit de facto schon vorbei. Die Band existiert nun zwar schon 36 Jahre, aber nur noch phasenweise, rings ums Stammtrio Herzberg, Ehle und Stefan Dohanetz am Schlagzeug sind immer Wechsel nötig, wie man an den raren Dresdner Konzerten im dritten Jahrtausend (meistens gutgelaunt freitags) sehen kann: 2004, also genau fünf Jahre nach der vermeintlich endgültigen Auflösung – hier nebenan im fast vollen großen Saal – und 2006, als es eines Vierteljahrhunderts Bandgeschichte und des abgeschlossen scheinenden Lebenswerks zu gedenken galt, spielten Gründungsmitglied Jäckie Reznicek am Bass und Kulle Dziuk am Piano, 2009 in der Scheune war gar Ritchie Barton für Dziuk am Keyboard.

Dennoch sind alle froh, dass es ab und an eine Tour in Eigenregie gibt – auch wenn die Dresdner Show zur dritten Live-Scheibe recht zahm begann. Man kann nicht sagen, dass die Idee nicht funktioniert, zumal Herzberg immer kleine Episoden aus der Entstehungsgeschichte beiträgt, die zeigen, wie anormal die einstige Erscheinung immer noch anmutet. So begründet er die Vorliebe für Blondinen wie Marilyn und warnt en passant vor neuen Despoten – sowohl von rechts wie links.

Auch stimmlich ist alles im Reinen, auch wenn Ehle den „Straßenlärm“ nur flüstert, aber ohne Elektrogitarre und ganz ohne Bass klingt das doch recht trocken, wobei Herzberg, mit weinrotem Samthemd und Hut bekleidet, in der Bewegung ein wenig an Joe Cocker vor der Wende erinnert, obwohl sein Armradius natürlich weitgreifender ist. Auch Bodags Pianospiel wirkt manchmal seltsam knorrig bis hart im Anschlag.

Dass nun – kurz nach neun – die Stimmung kippt, wissen Plattenbesitzer, denn flugs legen Ehle und Drechsler die dicken Gitarren weg, nehmen sich für die zweite Halbzeit die schlanken Teile, letzterer legt auch das Jackett ab und spielt ab sofort mit Basthut. Denn nun kommen sowohl neuere als auch ältere Stücke – von „Rock‘n’Roll im Stadtpark“ bis „Ein neuer Tag in Pankow“. Auch der Titelsong kommt noch einmal in der wilden Variante und verdeutlicht den Unterschied.

Erst nach einhundert Minuten folgt der erste Abtrittsversuch – natürlich vergebens, weil noch einiges fehlte. So auch Inge Pawelczyk, die wilde Wahnsinnmaus aus dem Berliner Hinterhaus, Titelfigur der allerersten Single – vor allem im hinteren Teil des Saales von einer Haudegengruppe aus dem Fußballbereich lautstark mitgesungen, denen man eine ganze Liebesnacht im gemeinten Sinne wie den meisten im Saal aus reiner Vorsorge nicht zumuten mag. Dann, nach dem zweiten Zugabenabtritt, kommt Boddi Bodags großer Aufritt, in dem er sich allein in orientalisch-sphärischen Klavierklängen zu verlieren droht, aus dem plötzlich „Kille, kille, Pankow“ als mitreißender Mitsingschlusssong für alle herauswächst, so dass die Hoffnung auf künftig wiederkehrende Straßensehnsucht bleibt.

Von Andreas Herrmann

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