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Regional Ostrale in Dresden überzeugt durch Toleranz
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15:29 01.08.2016
Ekkehart Panek; „ Turbodinosaurier im Just- Do- It Land“ 2007  Quelle: Anja Schneider
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Dresden

 Den einzigen Ableger der 10. Ostrale (vom groß angelegten Gastspiel Dresdner Künstler in Wrocław einmal abgesehen) gibt es wenige Gehminuten von Futterställen und Heuböden entfernt in der Messehalle 4. Das Projekt von Mark Swysen beansprucht hier einen riesig wirkenden, düsteren Raum, der gleichwohl nur einen kleineren Teil der Halle ausmacht. Die „Katharsis“ vollzieht sich in einem mystischen Orbit, in bzw. auf einem abwechselnd von inneren Blitzen durchzuckten und von außen angestrahlten „Himmelskörper“. Diese Art von Inszenierung eines Reinigungsprozesses drückt nicht zuletzt die weitgehende Hilflosigkeit beim Formulieren umsetzbarer Strategien aus – global wie auf das Kunstereignis bezogen. Kann, will man sich vorstellen, dass es künftig in den hermetischen Hallen der Messe stattfände oder gleich in der Gläsernen Manufaktur? Aber doch hoffentlich auch nicht in Futterställen, die irgendwann ebenso superclean saniert sind wie die in Richtung Flutrinne benachbarten ehemaligen Schlachthofgebäude...

Die Jubiläums-Ostrale konzentriert sich unabhängig davon aufs Kerngeschäft. Ihr Motto „error:x“ kokettiert mit der Computersprache, aber digitale bzw. virtuelle Welten sind nicht ihr Hauptfeld. Sie zeigt in erster Linie Bilder, die meist malerisch erscheinen, auch wenn es sich um Fotografien handelt: das Dokumentarische spielt kaum eine Rolle. Installationen setzen Akzente, bleiben aber selten so im Gedächtnis wie der aus menschlichen Körperschalen „recycelte“ Turbodinosaurier von Ekkehart Panek. Skulptur im klassischen Sinne findet nicht statt.

Die reduzierte Grafik auf der Eintrittskarte erinnert an einen Lottoschein. Beim Ankreuzen ist der Irrtum vorprogrammiert, das Ergebnis mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Die gesellschaftspolitische Deutung verweist auf Fehler im Umgang mit der Umwelt und im Status der Zivilisation, etwas schlicht, aber brutal illusionslos beschrieben mit einem Zitat des Künstlers Peter Puype: „Demokratie für den Westen, Gewalt für den Rest.“

Ästhetik wichtiger als Polemik

Tatsächlich findet eine große Anzahl von Befragungen vorgefundener Ist-Zustände statt, in der Mehrzahl der Fälle aber eher surrealistisch; das Ästhetische, die überzeugende Form erscheint wichtiger als Schock oder Polemik.

Von Thomas Kehr, verantwortlich für Grafik und Konzept der Ostrale 016, stammen wohl auch die Sprüche, die den Besucher leiten und vielfach auf das Denken in Zusammenhängen hinweisen sollen. Es geht um die Entwicklung menschlicher Bedürfnisse, des Konsums und die Folgen. Wie weltbewegend das ist, wissen wir schon vom Fischer un sinne Fru.

Ein Satz allerdings lässt mich stutzen: „erst, wenn wir menschen vorurteilsfrei begegnen, nehmen wir ihre bedürfnisse wahr“. Dann wird der Error unausweichlich: Ohne Vorurteile und Klischeevorstellungen könnten wir nicht einmal eine Straße überqueren. Wie jüngste Ereignisse brachial verdeutlichen, besteht das Problem vielmehr darin, Abstraktionen und Verallgemeinerungen, die dem schnellen Erfassen von Situationen dienen, ständig auf ihren Wahrheits- oder Wirklichkeitsgehalt zu befragen, also anzupassen und zu aktualisieren (wie einen Virenscanner). Wie weit es damit gelingen kann, die Bedürfnisse der Anderen, ihr Wesen wirklich zu verstehen, bleibt eine spannende Frage. Die besten Voraussetzungen sind sicherlich Offenheit und natürliche Neugier, Lust auf Abenteuer statt Neid, Misstrauen und Furcht vor dem Unbekannten. Eine Frage des Gleichgewichts, auch des seelischen, und in diesem Sinne könnte die Ausstellung doch einige Türen öffnen. Sie ist weder vordergründig auf Wissensvermittlung aus, noch erschöpft sie sich an der Mannigfaltigkeit und den Begegnungen oder konfliktreichen Beziehungen von Kulturen. Sie nimmt ihr Thema nicht dogmatisch, grenzt nicht aus, sondern bezieht ein.

Nur ein bisschen weiter gedacht haben auch die vielfach vergrößerten Röntgenfotos von Sebastian Wanke, die das Innere von Überraschungseiern zeigen, und die „schaumgesprengten“ Küchengeräte von Nadine Baldow einen Bezug zur Leitidee. Im letzten der Futterställe finden sich sogar gleich vier große, aus feinsten, teils organisch, teils geometrisch wirkenden Details aufgebaute Bildtafeln von Arend Zwicker. Sie lassen sich als konkrete Kunst, nur für sich selbst stehend auffassen, aber wohl auch als Strukturbilder einer Hyperzivilisation deuten. Die Malerei des Österreichers Michael Kravagn erscheint ebenfalls gegenstandslos, oder eben kosmisch.

Es dominiert aber das Surreale, manchmal schwer ausdeutbar – wie Christian Krieters „(Atom)(Heart)(Mother) Hemd“, mit oder ohne Bezug auf Pink Floyd ein trügerischer Highway, der ins Ungewisse führt in einer gespenstisch faszinierenden Landschaft. Apokalyptische Züge erscheinen noch deutlicher, aber ironisch gebrochen in Thomas Brenners inszenierter Fotoserie „Krieg und Frieden“ und in den Gemälden von Benjamin Burkard.

Ostrale in der Katharsis: Die Ausstellung 200 problembewusster Künstler aus 30 Nationen überzeugt durch Toleranz.

Schafft der Bildschirm mehr als das Bild?

„Der entwurzelte Flüchtling und der radikale Individualist sind die Hauptfiguren unserer Epoche“, schreibt Wibke Rahn. Ihre Lager-Bilder – „Cages (From The Shelter Series)“ – zeigen, wie beides unter extremen Bedingungen zusammentreffen kann. Ist es der Haupt-Irrtum, wenn das gesellschaftlich veranlagte Wesen zuerst die individuelle Nische sucht? Die Bilder der Japanerin Yoshiasu Tamaru scheinen dafür gemacht, ihr „Comet Fox“ ist eine phantastisch-kostbare Kopfbedeckung, getragen von einer unsagbar schönen jungen Frau. Ein in diesem Umfeld beispielloses, von fernöstlicher Tradition geprägtes Bild ohne erkennbar kritisches Potenzial.

Doch was kann Kunst, über den Ausdruck allgemeiner Befindlichkeit hinaus, überhaupt leisten, um die Welt besser zu verstehen? Nicht sehr viel, wenn beispielsweise die durch Naturgewalten chaotisch verfremdete Kulturlandschaft zum malerischen Anlass wird wie bei Stephanie Abben.

Schafft der Bildschirm mehr als das Bild? Sicherlich hat das Video im aufklärerischen Sinn den Vorteil, dass es Vorgänge und sogar Prozesse zeigen kann. Doch wo vorzugsweise Schnelligkeit und simultane Eindrücke präsentiert werden, wird der Beobachter zwangsläufig auf Klischees zurückgeworfen. Etwas anderes kann er gar nicht wahrnehmen, auch wenn Longinos Nagila das Gegenteil behauptet. „Without Prejudice“, ohne Vorurteile, sollen da parallel laufende Szenen des westlichen Lifestyles und des teils archaischen Lebens in Afrika wahrgenommen werden, doch ohne Vorprägung wären die meisten Bilder nicht einmal zuzuordnen. Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit flüchtiger Eindrücke noch gesteigert wird bei Tine Guns und der dreifachen Videoinstallation „Perpetual Moment of Pause“ – was soll man davon mitnehmen als ein klischeehaftes Urteil?

Ein anderes Beispiel bietet der Film „OFAKIM“ des Israeli Yosef Joseph Yaakov Dadoune. Er  führt in eine teils äußerst nüchtern, teils gespenstisch wirkende Landschaft, in der immer wieder eine Gruppe Jugendlicher zu sehen ist, die eine Rakete auf ihren Schultern trägt. Pereg Nira zeigt mit Abraham Abraham und Sara Sara die absurd anmutenden Verwandlungen einer Kultstätte, die eigentlich zwei Religionen dient, wobei aber stets eine ausgeblendet werden muss. Beschreibungen, Facettenbilder, die zugleich erhellen und verwirren, ohne dass jeweilige Künstlerstatement weitgehend unverständlich bleiben müssten. Auch von afghanischen Kriegsteppichen hat hierzulande sicherlich nicht jeder gehört. Was auf den ersten Blick wie orientalisches Musterwerk anmutet, erweist sich aber sehr schnell als Bildmosaik aus Panzern und Flugzeugen. Yitzhak Nevet hat zwischen seiner „WarCraft“ auch mal kleine Autos und Menschlein versteckt. Die animierten Bilder lässt er wie Computerspiele ablaufen, in denen die dargestellten Waffen ihr Zerstörungswerk verrichten. Mit verstörender Naivität hält hier der Krieg Einzug in den Alltag. Error x: Was kann man noch dagegen tun? Erst einmal den Realitätssinn schärfen. Wie schwer das ist, zeigt diese Ostrale 016 geradezu exemplarisch.

bis 25. September, Di-Do 10-20, Fr-So 11 bis 20 Uhr, Eintrittspreis 14 Euro (ermäßigt neun), Kinder bis 12 Jahre frei, Vergünstigun

Von Tomas Petzold

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