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"Ort des kreativen Nachdenkens und der Lust": Matthias Flügge ist der neue Rektor der Dresdner Kunsthochschule

"Ort des kreativen Nachdenkens und der Lust": Matthias Flügge ist der neue Rektor der Dresdner Kunsthochschule

Kann man in Dresden eine schönere Büroadresse haben als direkt auf der Brühlschen Terrasse? Wohl kaum. Dort residiert die Hochschule für Bildende Künste, haben Studentinnen und Studenten lichtdurchflutete Ateliers in Bestlage mit Blick auf die Elbe - und eben dort richtet sich der neue Rektor Matthias Flügge nun seinen Arbeitsplatz für die nächsten fünf Jahre ein.

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Rektor Matthias Flügge in seinem Büro in der Kunsthochschule.

Quelle: Dietrich Flechtner

Er blickt freilich in den Innenhof der Akademie, und diese Aussicht ist noch das einzig Kunstvolle. Denn Flügges Büro wirkt zwar großzügig, doch längst nicht fertig eingerichtet. Der promovierte Kunsthistoriker, der Anfang des Monats sein Rektorenamt antrat, sucht erst einmal den Kontakt zu seinen künftigen Kolleginnen und Kollegen. Heute gibt es einen Empfang im Oktogon, wo er sich den Lehrenden und Studierenden vorstellen will.

"Ich bin ja nicht neu in der Kunstszene und mit einer Reihe von Mitarbeitern längst bestens vertraut", sagt Matthias Flügge hörbar berlinernd. Als Ausstellungsmacher und Kunstpublizist ist der 1952 in Demmin Geborene in der Szene bekannt und vernetzt. Viele Jahre lang hat er für die in der DDR sehr begehrte Zeitschrift "Bildende Kunst" geschrieben, war 1990/91 deren Chefredakteur und leitete bis zum Jahr 2000 auch die "neue bildende kunst. Zeitschrift für Kunst und Kritik". Da dürfte die - nicht verbeamtete und vom sächsischen Wissenschaft- und Kunstministerium erst im Januar 2013 mit der Investitur zu feiernde - Anstellung als Rektor ein heftiges Umgewöhnen erfordern. Flügge sieht dem gelassen entgegen: "Ich will in den kommenden fünf Jahren nicht im Administrativen verkümmern, sondern für die Künste da sein." Zumal er durch fast zehn Jahre als Vizepräsident an der Berliner Akademie der Künste über ausgeprägte administrative Erfahrungen verfügt: "Sagen wir mal so: Ich bin nicht ganz ungeübt im Abtropfenlassen von Bürokratie, werde aber die entscheidenden Dinge natürlich mit aller notwendigen Energie voranbringen."

Dass nun alles ganz anders wird an der 1764 gegründeten und in den vergangenen sieben Jahren vom Österreicher Christian Sery geleiteten Kunsthochschule, ist nicht zu erwarten. Matthias Flügge meint, er zähle nicht zu den Leuten, die eine neue Aufgabe übernehmen und gleich alles umkrempeln. Dresden habe eine große Tradition, wunderbare Lehrer, ein sehr gut abgestimmtes Ausbildungsprogramm - das müsse man sich erst einmal ansehen. Ob dann trotzdem neue Weichenstellungen nötig sind, werde sich zeigen: "Sicher gibt es immer im inhaltlichen wie im organisatorischen Bereich Möglichkeiten, was zu verbessern und Dinge zu ändern. Das werden wir gemeinsam mit den hier Lehrenden und den hier Arbeitenden versuchen, voranzubringen."

Freilich ist sich der neue Chef seiner Herausforderungen bewusst: "Wenn eine Amtszeit zu Ende geht", sagt er, "gibt es meist einen Problemstau. Und die Erwartungen an den Nachfolger, diesen Problemstau aufzulösen". Er werde sich bemühen, Probleme erst einmal zu werten. Dabei müsse angesichts der Tatsache, dass in Sachsen zwei Kunsthochschulen existieren, am aufeinander abgestimmten Profil beider Institutionen gefeilt werden. "Wenn man jetzt sagen würde, man wollte in Dresden den Fotografie- und Medienbereich stärken, bei der jetzigen Struktur ein naheliegender Gedanken, so würde man möglicherweise in Kollision mit der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst kommen. Wir haben hier in Dresden eine Stärke in der Bildenden Kunst, eine starke Ausrichtung auf skulpturale, also raumwirksame bildnerische Verfahren und Malerei. Es ist inzwischen ja so, dass die Grenzen zwischen den Gattungen nicht nur durchlässig, sondern nachgerade aufgelöst sind - und dem muss man in der Ausbildung Rechnung tragen. Mehr Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Bereichen wäre wünschenswert, mehr Durchlässigkeit auch zwischen den wissenschaftlich restauratorischen Bereichen, wo wir ja deutschlandweit mit führend sind, und vor allem mehr Durchlässigkeit zwischen den freien Künsten und den theaterbezogenen Studiengängen."

Was dem erfolgreichen Kurator besonders am Herzen liegt, sind "die großartigen Ausstellungsräume unserer Schule, vor allem das Oktogon müsste doch ein Leuchtturm im Dresdner Ausstellungswesen sein!" Dass dem nicht so ist, liege am fehlenden Budget der Hochschule. Für ein regelmäßiges Ausstellungsprogramm wolle sich Flügge in größerem Umfang um Drittmittel einsetzen, "damit sowohl die Studierenden und Lehrenden als auch Gäste und andere Künstler diese Räume für Ausstellungen so nutzen können, dass sie auch wirklich leuchten."

Wenn Matthias Flügge von diesen ersten Vorhaben spricht - und aus seinem Bürofenster direkt auf die sogenannte Zitronenpresse blickt -, fällt auf, dass es ihm sehr darum geht, inhaltlich mitzugestalten. Man dürfe sich zwar nicht der Illusion hingeben, dass dies unbegrenzt möglich sei, räumt er ein, doch wolle er unbedingt "eine produktive Atmosphäre an der Hochschule stärken". Er werde sich einsetzen "für ein kreatives Klima der Gemeinsamkeit und auch der Diskussion darüber, was in der Kunst möglich ist und was für das Gemeinwesen aus ihr kommen soll. Ob das so weitergeht mit der durchgängigen Ökonomisierung oder ob es vielleicht wieder eine Besinnung auf künstlerische Werte und ästhetische Lebensformen gibt." In letzter Zeit scheine alles nur nach vordergründigem kommerziellen Erfolg zu schielen.

Dem Kunsthistoriker liegt natürlich auch die Vermittlung theoretischer und kunstgeschichtlicher Grundlagen sehr am Herzen. Das Niveau der musischen Fächer an den Schulen lasse sehr zu wünschen übrig. "Da muss die Hochschule vieles ausgleichen und nachholen. Denn Kunst kommt auch von Wissen."

Mit dem Blick nach vorn sieht er auf den 6. Februar 2014. An diesem Tag vor 250 Jahren wurden sowohl in Dresden als auch in Leipzig Kunstakademien gegründet. Dieses Jubiläum müsse unbedingt gemeinsam begangen werden, fordert der Rektor: "Es wäre doch absurd, wenn man da parallel an irgendwelchen Feierlichkeiten arbeitet und sich nicht miteinander verabredet." Baldige Konsultationen zwischen Dresden und Leipzig seien bereits verabredet.

Was Flügge da fordert, klingt nur realistisch. Auch in Bezug auf die künftigen Absolventen seiner Institution: "Dass nur ein geringer Prozentsatz in der Lage sein wird, den Lebensunterhalt auch mit Kunst zu gestalten, ist kein neues Problem und war historisch gesehen schon immer so. Nur nicht in so hoher Anzahl wie heute. Doch das ist vor allem ein geistiges Problem, nicht nur ein materielles. Wenn man weiß, warum man das tut und wie die eigene Person, Erfahrung und Lebensperspektive mit dem, was man unter Kunst versteht und als Kunst herstellt, übereinstimmt, dann werden materielle Dinge zweitrangig." Man könne durchaus nicht nur von der Kunst leben und trotzdem Künstler sein.

Es gehe also gar nicht darum, dass eine Kunsthochschule ausschließlich Leute hervorbringt, die später marktführend sind, sondern dass sie Menschen ausbildet, die mit künstlerischen Strategien ihr Leben bewältigen. Das sei eine Bereicherung für jede Gesellschaft. Man müsse die Leute ermutigen, fordert der Praktiker, der die Hochschule als einen Ort "des kreativen Nachdenkens und der Lust" etablieren will, als einen Ort, "wo Anarchie und sittlicher Ernst zu Hause sind," zitiert er frei nach Paul Klee.

Die Dresdner Hochschule habe in den vergangenen Jahren einige außergewöhnliche Leute hervorgebracht, die auch international ihren Weg gehen. Das solle auch künftig so sein. Allerdings müsse man stärker als bisher in die Öffentlichkeit, in die Stadt und in das Land hineinwirken. Denn sie sei Teil des Klimas der Stadt: "Hier gibt es noch Maler, die sich als Maler verstehen." Die hohe Handwerklichkeit sieht Rektor Flügge als Qualität dieser Schule. Markttypisch zwar wenig kompatibel, aber von hohem geistigen Wert. Gewiss werde die Vorbereitung auf das Jubiläum ein Anlass sein, mehr Veranstaltungen und Ausstellungen zu machen, die für mehr Wahrnehmung sorgen. Auch Kooperationen und internationale Kontakte könnten dazu mit beitragen.

Hochschulpolitisch könne man froh sein, so Flügge, dass "die ganze Bologna-Katastrophe in unserem Haus nur begrenzt Resonanz fand." Die Studienrichtungen seien zwar alle modularisiert, doch der Bologna-Falle sei man entgangen: "Wir vergeben weiterhin Diplome und schließen weder mit Bachelor noch Master ab." Man müsse sehen, wie sich das mit der internationalen Vergleichbarkeit der Abschlüsse entwickelt.

www.hfbk-dresden.de

1952 in Demmin geboren

Ausbildung zum Facharbeiter für technische Kohle, 1972 bis 1976 studierte er Kunstwissenschaft in Berlin

ab 1977 Redakteur der Zeitschrift Bildende Kunst

ab 1984 war er freiberuflich tätig, organisierte Ausstellungen und arbeitete publizistisch

1990 kehrte er als Chefredakteur zur Zeitschrift Bildende Kunst zurück. 1991 wurde er Chefredakteur der neuen bildenden kunst.

1992 Mitglied des Kuratoriums Stiftung Kunstfonds in Bonn, 1995 der Berliner Akademie der Künste sowie 1997 bis 2006 Vizepräsident der Akademie. Ab 2000 freiberuflich

ab Oktober 2012 Rektor der Dresdner Kunsthochschule

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.10.2012

Michael Ernst

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