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„Orpheus in der Unterwelt“ geigt in der neuen Staatsoperette Dresden an der Oberfläche

Immer schön im Rahmen bleiben „Orpheus in der Unterwelt“ geigt in der neuen Staatsoperette Dresden an der Oberfläche

Mit der Eröffnungspremiere „Orpheus in der Unterwelt“ präsentiert sich die Staatsoperette im Dresdner Kraftwerk Mitte konventioneller, als sie sich im  Interimsquartier mit „Die lustige Witwe“ zukunftsweisend verabschiedete. Aber so ist das eben zu Weihnachten. Die Geschenke sind groß, die Verpackungen verheißen viel, nicht selten aber enttäuschen die Inhalte.

Ensembleszene aus dem neuen „Orpheus in der Unterwelt“ in der neuen Staatsoperette im Kraftwerk Mitte.
 

Quelle: Stephan Floß

Dresden. Die neue Spielstätte der Staatsoperette ist ein großartiges Geschenk für Dresden und seine Gäste. Aber so begeistert, wie man sein kann von der gelungenen architektonischen Lösung, einen so modernen Theatersaal mit bislang ungeahnten technischen, optischen und auch akustischen Möglichkeiten in das historische Industriedesign des einstigen Kraftwerkes in Dresdens Mitte kunstvoll hinein zu inszenieren, letztlich zählt aber dann doch, was darin geschieht, was passiert, wenn der Vorhang aufgeht und das Theater losgeht.

Und da geht eben leider nicht so viel los in Arne Böges recht konventioneller Inszenierung von Jacques Offenbachs Opéra-bouffon „Orpheus in der Unterwelt“, an der Rampe, vor den Bildern der Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller, die sich „fettFilm“ nennen.

Das Anliegen ist ja ganz schnell vermittelt: Alles soll im Rahmen bleiben, im üppigen Goldrahmen, der Schein soll gewahrt bleiben, ob es sich um private, menschliche oder göttliche, erotische Eskapaden handelt oder ob es um Belange der hohen Politik, im Olymp, auf Erden und sogar auch noch in der Unterwelt geht. Macht, was ihr wollt, nur macht es so, dass es nicht jeder mitbekommt. Darüber wacht die öffentliche Meinung. Sie vertuscht, verrät oder verschweigt, sie redet schön und denunziert, sie hofiert und degradiert mit ihren Balkenüberschriften den Mythos von der Ordnung der Systeme, die schon in Ordnung sind, so wie sie sind.

Das wären doch die Themen gerade für eine aktuelle Dresdner Sicht auf Offenbachs Parodien der Mythen und der Stile, mit seinem ironischen Blick auf seinerzeit längst schon desolat gewordene Institutionen wie die der traditionellen Ehe als kleinste Zelle politischer Ordnungen von christlich-abendländischen Gnaden. Da drängen sich doch die Fragen danach auf, wie fremd ist uns eigentlich ja nicht das Fremde, sondern das, was uns lautstarke, sogenannte öffentliche Meinungen als das unumstößliche und unaufgebbare Eigene suggerieren wollen.

Stattdessen reiht diese Inszenierung wohlgeordnete Szenen und Auftritte der Protagonistinnen und Protagonisten zunächst auf Erden vor goldgerahmten Sehnsuchtsprojektionen bekannter Bildmotive von Caspar-David Friedrich, Claude Monet, Vincent van Gogh oder sogar von Andy Warhol aneinander. Ja, ja, da wackelt immer mal was in den Filmen von fettFilm, da lauert die Schlange im Kornfeld.

Der Aufstieg zum Olymp führt bis zu den gerahmten Wolkenprojektionen der höchsten Gebirgsmassive Griechenlands, und folgerichtig spielen die Szenen in der Unterwelt dann vor einer Videofahrt durch eine Flucht ruinöser, unterirdischer Räume. Bis dann am Ende, wenn Orpheus endlich doch befreit ist von Eurydike und künftig wieder grapschen kann bei seinen Geigenschülerinnen, weder Göttervater Jupiter noch Pluto als Herrscher des Schattenreiches das Objekt ihrer Begierden sich zu Eigen machen können, die Bühne, deren technische Möglichkeiten bis dahin ausreichend demonstriert wurden, gänzlich leer ist.

Na ja, Jupiter, der alte Genießer, der auch ansonsten gern in vielerlei Gestalt sich seinen Lustobjekten zu nähern wusste, hatte es immerhin geschafft, als Fliege verwandelt Eurydike auf die Pelle zu rücken, und sie hat es gerne genossen. Schade, dass gerade bei dieser genialen Szene mit Offenbachs erotisch summender Musikalität dem Inszenierungsteam nicht mehr eingefallen ist, als sie im Rahmen und ihn daneben stehen und singen zu lassen.

Ob es nun Thebens Einwohner sind, Göttinnen und Götter, Nymphen, Faune, Bacchantinnen und Bacchanten, in den die Zeiten durchschreitenden Kostümen von Uta Heiseke, die wirken wie gesammelt bei einem Gang durch den Operettenfundus, einschließlich dem des Musicals vor allem für die Tänzerinnen und Tänzer. Es bleibt bei mit Sinn für optische Wirkung geordneten, aber doch immer wieder zu konventionellen Bildern drapierten Szenen. Das Chaos fehlt, das Widerspenstige somit auch, und selbst ein Tanz wie der Can Can, einst als anstößig und sittenwidrig eingestuft und daher sogar zeitweilig polizeilich verboten, will hier, vorm Pariser Moulin Rouge, nicht zum „Galop infernal“ werden. Das liegt ganz und gar nicht am Können der Tänzerinnen und Tänzer, eher wohl an den diesem Tanz nicht gerade sehr angemessenen Kostümierungen, gerade der Frauen.

Mal abgesehen von Silke Richter als Öffentliche Meinung oder Christian Grygas als Pluto, brauchen die meisten Sängerinnen und Sänger des Ensembles in ihren größeren oder kleineren Partien eine gewisse Anlaufzeit, um angemessen präsent, vor allem textverständlich zu werden. Maria Perlt als Eurydike gelingt eine angemessene Steigerung im zweiten Teil, allerdings bleibt sie, wie es auch bei anderen Sängern immer wieder auffällt, sehr stark dem Operngestus verhaftet. Diesen bevorzugt auch weitestgehend der Dirigent Andreas Schüller am Pult des Orchesters der Staatsoperette. Was man diesen ausgezeichneten Musikerinnen und Musikern immer wünschte, erfüllt sich jetzt im neuen Theater, man nimmt ihr klangvolles Spiel bei dieser Akustik bestens wahr. Dass sie auch spritziger und temperamentvoller sein können, weiß man, nicht zuletzt in der Erinnerung an frühere Offenbach-Produktionen der Staatsoperette. Immerhin setzt jetzt schon mal der Sängerdarsteller Andreas Sauerzapf als komisches Faktotum namens Hans Styx, einstmals Prinz von Arkadien, zukunftweisende Akzente in Sachen Offenbachscher Musikalität.

Nach der Pariser Uraufführung erntete das Werk arge Kritik, ein Vergehen an heiligen Mythen sei das, so die öffentliche Meinung der Presse. Das Publikum ließ sich nicht abschrecken. Im Gegenteil. Offenbach rechnete mit 100 Vorstellungen, es wurden 228, dann musste erst mal Schluss sein, nicht etwa weil keine Leute mehr kamen, ganz im Gegenteil, aber die Darsteller waren erschöpft. Nach kurzer Erholungspause wurde wieder gespielt, und das Publikum füllte weiterhin das Theater.

Im Dresdner Kraftwerk Mitte sind bis zum Ende dieser Eröffnungssaison erst mal noch 16 Aufführungen geplant.

Von Boris Gruhl

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