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Ordnungswidrig: Gregor Schmoll im Dresdner Schloss

Ausstellung Ordnungswidrig: Gregor Schmoll im Dresdner Schloss

Ein Bilderstürmer will er nicht sein. Doch die existierenden Ordnungen, auch und gerade in der Kunst, vor allem in den Museen, hinterfragt der österreichische Künstler Gregor Schmoll nur allzu gern. Im Dresdner Schloss sind nun Teile seiner Serie „Orbis Pictus“ zu sehen – und ein eigens geschaffener „Wunderblock“, in dem sich Kunstwerke mit sehr alltäglichen Dingen vermengen.

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Der Österreicher Gregor Schmoll

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Gregor Schmoll ist ein ausgesprochen aufgeweckter Gesprächspartner. Er argumentiert, gestikuliert, erklärt, widerspricht – und versprüht dabei unterschwellig diesen speziellen Charme des Anarchisten. Obwohl er die Rolle, die mit so einer Bezeichnung einhergeht, zurückweist. „Ich bin kein Bilderstürmer, im Gegenteil“, sagt der Österreicher. Vielleicht nicht. Aber einer, der Fragen stellt, immer und immer wieder. Auch und gerade dann, wenn es um Dinge geht, die sich im allgemeinen westlichen Wissenskontext gern als unverrückbare Wahrheiten präsentieren.

Was macht also einer wie Schmoll in Dresdens Staatlichen Kunstsammlungen? Den Laden aufmischen? Mitnichten, natürlich. Aber er sucht und sucht – und mit den Fundstücken seiner Recherche, die ihn vorher durch so ziemlich sämtliche Abteilungen dieses verzweigten Museumsverbundes geführt haben, stellt er die kleine Ausstellung „Wunderblock“ zusammen. Sie ist ein Spiel, Schmolls Spiel. Eins, bei dem es nicht ums Gewinnen geht, sondern ums Verstehen. Woraus schlussendlich, wie das jedem Begreifen innewohnt, wieder neue Fragen erwachsen. Möglicherweise gar ein neues Spiel.

Denn was ist schon fertig, abgeschlossen, ewig? Zumal in der Kunst? Um die geht es natürlich bei Schmolls Ergebnissen, die von seinen Streifzügen durch die SKD-Sammlungen stammen. Schmoll wählt aus und inventarisiert, auf mit Schreibmaschine beschrifteten Karteikarten plus dazugehörigen Objektfotos. 201 solcher Karten habe Schmoll angefertigt, erzählt Kurator Björn Egging. 35 davon sind ausgehängt und ihre Informationen fürs Publikum somit jederzeit zugänglich, der Rest ist in Fächern eines zentral aufgestellten Schreibtischs zwar sichtbar einsortiert, darf aber – immerhin sind wir dann doch im Museum, im sogenannten Studiolo im Renaissanceflügel des Dresdner Schlosses, eingebettet in die Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“ – nicht angefasst, sprich herausgeholt und somit benutzt werden.

Eine der von Gregor Schmoll für den „Wunderblock“ gefertigten Karteikarten

Eine der von Gregor Schmoll für den „Wunderblock“ gefertigten Karteikarten.

Quelle: SKD Kupferstich-Kabinett

Schmolls Herangehen ist das eines überzeugten Zweiflers, eines Analysten und Gamblers gleichermaßen. Denn seinen Fundstücke aus Dresdens Kollektionen wie eine Homer-Büste oder eine Wols-Fotografie stellt er profane Dinge aus seinem eigenen Hausrat zur Seite, darunter ein Paar Herrenhausschuhe (erworben 2016, „starke Gebrauchsspuren“), ein Faltglobus und sogar ein Schlagring (ich habe leider tatsächlich vergessen, Schmoll nach dessen Herkunft und Erwerbsgrund zu fragen). Das schmuggelt Schmoll einfach zwischen die Karteikarten mit den „echten“ Exponaten. Und fragt somit natürlich: Wann wird etwas museal?

Diese Art Zuschreibungen sind es auch, die den Österreicher generell interessieren. Das beweist seine Foto-Serie „Orbis Pictus“, die ebenfalls gezeigt wird. Sie entstand in Anlehnung an das gleichnamige Lehrbuch (eigentlich „Orbis sensualim pictus“) des Philosophen und Pädagogen Johann Amos Comenius. Das Buch sei „undogmatisch, ganz pragmatisch, grundmenschlich“, sagt Schmoll. Comenius erklärt darin, Mitte des 17. Jahrhunderts, im besten Sinn der Aufklärung die „sichtbare Welt“. Auf gut 300 Seiten. Übersetzungen in 20 Sprachen und 200 Auflagen zeugen vom lange anhaltenden Erfolg dieses Werkes.

Gregor Schmoll

Gregor Schmoll: „Humboldts Horizont“ (aus der Serie „Orbis Pictus“).

Quelle: Gregor Schmoll

Schmoll lässt vor diesem Hintergrund Fotografien entstehen, die an große Entdeckungen anknüpfen, nach Comenius’ Erklär-Muster. Allerdings entführt der Österreicher das Wissen dabei mit einem Lächeln aus dem Kontext des Festgeschriebenen. „Humboldts Horizont“ wirkt beispielsweise wie eine moderne Skulptur, gekrönt von einem Pulver-Chimborazo im Glas. „Descartes’ Hausbrand“ ist eine Flaschenpost, deren Absender klagt, manchmal einfach nicht hinter die Bedeutung der eigenen Gedanken kommen zu können. Auch Kunstgeschichte und Mythologie knöpft sich Schmoll vor. Pieter Bruegels berühmten „Turmbau zu Babel“ stellt er knapp mit Pappen von Toilettenpapier nach. Wobei er sicher herausgefunden hat bei seinen Nachforschungen in den SKD, dass dort in den Alten Meistern auch ein „Turmbau“ hängt, der aber von Marten van Valkenborch stammt. Für Elektra, die tragische Rächerin, fertigt Schmoll schließlich einen Keuschheitsgürtel, der wie ein Draht-Tanga aussieht.

Schmoll entkoppelt das Bekannte, wo und wie es ihm nur einfällt – und verdrahtet alles neu. Er zeigt, dass vorgegebene Ordnungen ab und an mindestens gehörig durcheinandergerüttelt werden müssen. Dass Wissen eher egalitär als elitär verpackt gehört. Dass Kunst aus ihrer ständigen Unfertigkeit, Unabgeschlossenheit wächst. Dass Wertungs- und Bewertungssysteme in Wissen und Kunst auf der einen Seite ihre Berechtigung haben (wie sollte beispielsweise ein Museum sonst geführt werden? oder eine Bibliothek?). Dass wir uns jenen Systemen, die wir ja selbst geschaffen haben, auf der anderen Seite jedoch nie sklavisch unterordnen dürfen. Dass ab und an einer kommen muss, um die Uhren neu zu stellen.

„Der Mehrwert der Fotografie ist gering.“ Auch das ein erhellender Satz, mit dem Schmoll die eigene Arbeit ebenso zu relativieren versteht, wie er das Konstrukt des Museums auseinanderzunehmen versucht. Beides sind ernste Angelegenheiten, die Schmoll mit dem nötigen Humor angeht. Wie sonst?

bis 18. September, Studiolo im Renaissanceflügel des Dresdner Schlosses, geöffnet täglich (außer Di) 10 bis 18 Uhr

www.skd.museum

Von Torsten Klaus

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