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Opernfestival in Lyon: „pour l’humanité“

Im Sturm vom Paradiese weg... Opernfestival in Lyon: „pour l’humanité“

Die Oper Lyon startet ihr Opernfestival unter dem Motto „pour l’humanité“ mit einer Uraufführung über die letzte Nacht im Leben von Walter Benjamin und Halevys „La Juive“.

Tabachniks „Benjamin, dernière nuit“ an der Oper Lyon.
 

Quelle: Oper Lyon

Lyon.  Es ist ein politisches Statement zur Lage in Europa, wenn die Oper Lyon die Uraufführung von Michel Tabachniks „Benjamin, dernière nuit“ mit Halevys „Jüdin“ und Ullmanns „Kaiser von Atlantis“ koppelt. Mit seinem alljährlichen thematischen Festival schafft es Serge Dorny allemal mit seinem Haus ins Visier der europäischen Feuilletons. Aktuell mit einem per se politischen Programmmix. Im nächsten Jahr mit einem Bekenntnis zu einer nachwirkenden Theater-Tradition: mit der Reanimation von Heiner Müllers legendärem Operndebüt in Bayreuth 1993 mit Wagners „Tristan und Isolde“, mit der ebenso legendären zweiten „Elektra“ von Ruth Berghaus, die an der Semperoper 1986 herauskam und erst vor kurzem ersetzt wurde. Und mit Klaus Michael Grübers poetischer Inszenierung von Monteverdis „Krönung der Poppea“ aus dem Jahr 2000 in Aix-en-Provence. Abgesehen davon, dass er damit von Dresden doch nicht loskommt, obwohl er darüber am liebsten gar nicht reden will, meldet er sich mit diesem Programm als ein nach wie vor betont europäisch orientierter Opernchef zu Wort…

Für die Novität über die letzte Nacht von Walter Benjamin (1892-1940) hat Dorny ein illustres Duo zusammengespannt. Régis Debray (76) ist eine typisch französische Kombination aus Philosoph, Journalist und Autor. Politisch hat es ihn an die Seite von Che Guevara, ins Umfeld der RAF und ins bolivianische Gefängnis, aber auch als Berater in die Nähe der Präsidenten Allende und Mitterand gebracht. Und der Schweizer Michel Tabachnik (74) ist nicht nur als Dirigent und Komponist mit Affinität zu Boulez und Xenakis bekannt, sondern auch durch Anklagen (nicht Verurteilungen) im Zusammenhang mit den Toten im Umfeld der Sonnentemplersekte in den 90er Jahren.

Debrays Libretto ist ein anspruchsvoller Exkurs zur Zeitgeschichte - als Erinnerung treten in den 14 kurzen Szenen des 90 Minutenabends u.a. Arthur Koestler (1905-1983), Asja Lacis (1891-1979), Gershom Scholem (1887-1982), Bertolt Brecht (1898-1956), André Gide (1869-1951), Max Horkheimer (1875-1973) und Hannah Arendt (1906-1975) auf. In den Filmeinspielungen der oberen Bühnenhälfte über den Regalen der Asservaten-Kammer der Erinnerung auch Hitler und Stalin.

Dass der Text ursprünglich als Schauspiel konzipiert war, findet sich in der Dopplung Benjamins. In der Gegenwart seiner letzten Nacht ist er Schauspieler (Sava Lolov), in der Revue seiner wichtigen Lebensbegegnungen singt ihn der Tenor Jean-Noël Briend. Als Leitmotiv für die Struktur und bei Ausstatter Michael Levine und Regisseur John Fulljames für die Inszenierung immer dabei: Paul Klees „Angelus Novus“, der es dank Benjamin als Engel der Geschichte zur Berühmtheit gebracht hat. Es ist jener Engel, der - gebannt auf die Katastrophen der Vergangenheit schaut und mit dem Rücken zur Zukunft - vom Sturm des Forstschritts aus dem Paradis vertrieben wird. Eine faszinierende Art, die Geschichte auf den Punkt zu bringen. Daher ein von Dramaturgen bevorzugter Text, die ihn liebend gerne abdrucken.

Walter Benjamin freilich dreht sich um, sieht die Vernichtung und bringt sich schon im katalanischen Port Bou, im ihm unsicher erscheinenden Spanien um.

Bernhard Kontarsky dirigiert präzise und mit Sinn für den Effekt. Es herrscht ein rezitativischer Konversationston mit abrupten Wechseln der Dringlichkeit und mit unbefangener stilistischer Offenheit inklusive tonaler Zitate oder Bezüge im gemäßigt atonalen Redefluss der Musik. Die umspielt eine ganze Menge Text hauteng. Am eindrucksvollsten ist der vielfach geschichtete akustische Tanz auf dem Vulkan beim Schachspiel mit Bert Brecht vorm Blauen Engel….. Doch der Überblick wird stets gewahrt. Die Szenerie erinnert an die Magie von Katie Mitchells Handreichungs-Regie. Ein Bett in der Mitte fürs Benjamin-Doppel; der Raum drumherum ein Universum der Erinnerung.

Dem Blick jenes Engels auf den Trümmerhaufen der Geschichte weicht auch Oliver Py bei seiner Version von Halevys „Jüdin“ nicht aus. Im Gegenteil. Er wird politisch überdeutlich, wenn Menschen in Mantel Hut mit Koffern in jenem schwarzromantischen verkohlten Wald verschwinden, der in makabrer Schönheit tieftraurig vor sich hin kreist. Dieser metaphorische Marsch in die Vernichtung des Holocaust und die im Hintergrund zu sehenden „intensiven“ Vernehmungen von Eleazar, Rachel und Leopold durch die schneidig Schwarzuniformierten, bedienen sich im Bildervorrat der Großverbrechen des vorigen Jahrhunderts. Lediglich die (französischen) Losungen der Massen beim aktuellen fremdenfeindlichen Vokabular (Frankreich den Franzose, Schließt die Grenzen, Tod den Fremden usw.) der neuen europäischen Rechten. Oliver Pys Inszenierung ist düster und politisch korrekt - an Peter Konwitschnys jüngste exemplarische Analyse der Mechanismen von Fanatismus, Hass und Rassismus (in Antwerpen und Mannheim) reicht sie intellektuell allerdings nicht heran. Eine beklemmende Wirkung entfaltet sie gleichwohl. Weil Ausstatter Pierre André Weitz vor den Hölleneingang im schwarzromantischen Wald, eine Riesenbibliothek aus lauter beweglichen Regalen und eine portalbreite Freitreppe gesetzt hat. Nicht immer ganz handlungslogisch aber sehr eindrucksvoll. Diese „Jüdin“ packt aber auch, weil Daniele Rustioni am Pult seines künftigen Stammorchesters die musikalische Dramatik und Pracht die Grand opera so großformatig wie präzise und sensibel entfaltet. Und ein erstklassiges Ensemble beisammen ist: Von Nikolai Schukoffs selbstbewusst herrischem Eléazar über die wunderbar leuchtende Rachel von Rachel Harnisch und die (ein wenig zu) lasziv angelegte Sabina Puértolas als Prinzessin Eudoxie bis zu Enea Scala (Leopold) und Roberto Scandiuzzi (Kardinal Brogni).

Weitere Vorstellungen

Benjamin, dernière nuit: 20., 22., 24. und 26. 3. 2016

La Juive: 19., 23., 25., 30. 3., 1. und 3. 4. 2016

www.opera-lyon.com

Von Joachim Lange

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