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"Onkelchens Traum" von Fjodor Dostojewski: St. Petersburger Theaterspielzeit im Dresdner Schauspielhau

"Onkelchens Traum" von Fjodor Dostojewski: St. Petersburger Theaterspielzeit im Dresdner Schauspielhau

Petersburger Theaterspielzeit macht nach Prag, Berlin, Helsinki und Mailand Station in Dresden. Zu sehen sind verschiedene Theaterproduktionen aus der Stadt, die sich stolz als Kulturhauptstadt Russlands gibt.

Das Große Dramatische Towstonogow-Theater ist eins der Gründe für dieses kulturelle Selbstbewusstsein. Es wurde 1919 auf Initiative von Maxim Gorki gegründet und mehr als 30 Jahre lang von dem bekannten Theaterregisseur Georgi Towstonogow geleitet. Namhafte Schauspieler und Regisseure haben den guten Ruf des Theaterhauses geprägt. Dazu gehören auch die Schauspieler Oleg Basilaschvili, den man hierzulande etwa aus dem Film "Bahnhof für zwei" an der Seite von Nikita Michalkow kennt, und Alisa Freindlich, die in Tarkowskis Kultfilm "Stalker" spielte. Die zwei Mimen, beide Jahrgang 1934, sind in Russland durch Film und Fernsehen einem breiten Publikum bekannt - und trotz ihres hohen Alters künstlerisch noch recht aktiv. So spielen sie in der Theateradaption von Dostojewskis Roman "Onkelchens Traum" in der Regie von Temur Tschcheidse die Hauptrollen - und lockten fast ausschließlich russischstämmiges Publikum ins ausverkaufte Dresdner Schauspielhaus. Für Deutschsprachige gab es eine Übersetzung auf zwei Monitoren und als Übertitel.

In der deutschen Übersetzung auf dem Besetzungszettel wirken die Titel Volkskünstler Russlands, Volkskünstler der UdSSR oder Verdiente Künstlerin Russlands ziemlich sperrig. Für Eingeweihte sind sie jedoch ein Hinweis auf die Popularität mancher Mitwirkenden. Diese Titel haben eine alte Tradition, die in den 20ern begann, sie waren eine staatliche Anerkennung künstlerischer Leistungen - zu den so Betitelten gehörten der Komponist Dmitri Schostakowitsch oder der Schauspieler Sergej Bondartschuk ("Krieg und Frieden"). Zum Volkskünstler steigt man über die "Vorstufe" Verdienter Künstler auf.

Wenn diese Titel ein Qualitätszeichen sein sollen, dann tragen sie Oleg Basilaschvili und Alisa Freindlich völlig zurecht. Mit ihrer Präsenz in dieser Inszenierung zeigen sie, was die gute alte Schule an Schauspielkunst zu bieten hat - zum Lachen bringen und zu Tränen rühren. Die Rollen des alten etwas trotteligen Fürsten K. und der resoluten intrigenbegabten Marja Moskalewa in Dostojewskis Gesellschaftssatire sind wie geschafften für die zwei Urgesteine des Theaters. Basilaschvili zelebriert den Fürsten mit Prahlereien, um dann seine Behauptungen in Zweifel zu ziehen. Das spielt er auf höchst würdevolle und tragikomische Art. Alisa Freindlich füllt ebenso den Raum mit ihrer wachsamen Schnoddrigkeit, ihrem Lavieren und Lamentieren - eine ebenfalls beachtliche Leistung.

"Onkelchens Traum" schrieb Dostojewski während seiner sibirischen Verbannung und thematisiert darin auf humorvolle Weise die damals gängige Praxis gesellschaftlichen Aufstiegs durch die Heirat junger Mädchen mit alten reichen Adligen. Der Fürst K. ist so ein betagter reicher Gast, der den beschaulichen Ort Mordassow ungewollt in den Chaos stürzt und einen Krieg um seine Gunst entfesselt. Und da wird mit harten Bandagen gekämpft - denn, wie die Frau Oberst Sofja Karpuhina mehrmals ihren Mann zitiert: "Im Krieg gibt es keine Kleinigkeiten".

Marja Moskalewa versucht mit allen Mitteln, den Fürsten ihren Feindinnen zu entreißen, um dem teilweise senilen Mann ihre schöne Tochter Sinaida als Frau aufzuschwatzen - um so der Geldnot und der provinziellen Tristesse zu entkommen. Marja muss eine Menge Schwierigkeiten aus dem Weg räumen: die Tochter wehrt sich zunächst, bei der Verkupplung mitzumachen, der verschmähte Heiratskandidat Pawel redet dem Onkel ein, sein (real erfolgter) Heiratsantrag an Sina sei ein Traum, die Klatschweiber im Dorf wittern den Skandal und rotten sich zusammen. Außerdem liegt Sinas alte Liebe, der Lehrer Wasja, im Sterben. Seine Mutter irrt als Schatten zwischen den Stoffbahnen auf der Bühne.

Dorf- und Seelenfrieden der Figuren geraten ganz schön in Schräglage, weshalb auch die Bühne von Eduard Kotschergin eine schiefe Ebene bietet, mit einzelnen Sitzplätzen, einer Uhr (die zum Schluss nach oben entschwindet und eine Stoffbahn-Spur hinterlässt) und den verstreuten Teilen einer Kutsche, was auf Fürst K.s Unfall hinweist, der ihn nach Mordassow bringt.

Die Intrige kommt ans Licht, der Fürst zieht gebrochen davon, Sina begleitet ihren Geliebten Wasja in den Tod und tanzt in der Schlussszene wie eine Marionette - wohl eine Metapher, denn im Roman gelingt es Mutter und Tochter woanders doch, durch Heirat an Luxus zu gelangen.

Am Ende gab es von Fans mitgebrachte Blumensträuße für die Stars und stehenden Applaus für eine exzellent gespielte Klassiker-Inszenierung traditioneller Art, die als Komödie beginnt und in schwermütiger Tragik endet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.11.2012

Bistra Klunker

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