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19:30 27.03.2018
Oleg Jurjew Quelle: privat
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Dresden

Oleg Jurjews Roman „Unbekannte Briefe“ (sein erster in deutscher Sprache) ist nur schwer als Roman zu identifizieren, besteht er doch vornehmlich aus drei Briefen aus drei Jahrhunderten. Allerdings haben die Briefe eine Rahmenhandlung, die im Wesentlichen von dem Glückspilz Jurjew handelt, dem es dreimal vergönnt war, unglaubliche Briefdokumente aufzufinden.

Das erste Dokument spielte ihm ein Ingenieur der Opel AG zu. In den 1970er Jahren war diesem – als Mitglied eines Studentenbautrupps aus der DDR, der die Schweineställe der nahe Leningrad gelegenen Sowchose Schuscharen auf Vordermann zu bringen hatte – eine Mappe mit kyrillischen Aufzeichnungen in die Hände gefallen. Jurjew stellte bei Sichtung der schwer leserlichen Seiten fest, dass es sich um einen Jahre nach dessen vermeintlichem Tod geschriebenen Brief des Schriftstellers Leonid Dobytschin an den allseits bewunderten Literaturkritiker und Autor Kornei Iwanowitsch Tschukowski handelt. In dem nie abgeschickten Brief (der 21 Postskripta enthält) erklärt Dobytschin sein Verschwinden und kommentiert auf für den heutigen Leser abenteuerlich-unterhaltsame Weise das Zeitgeschehen in der Sowjetunion von den 1930er bis in die 1990er Jahre hinein.

Der zweite Brief kam Jurjew in Sonderheit der Schließung des Slavischen Seminars der Frankfurter Universität in die Hände. Gemeinsam mit seiner Frau Olga Martynova rettete er ca. 400 wertvolle Bibliotheksbestände vor dem Abtransport auf die Müllhalde. In einem dieser aus wissenschaftlicher Sicht wertlosen Bücher fand Jurjew einen Originalbrief des Moskauer Literaten Iwan Pryschow an Fjodor Dostojewski. Der alkoholkranke Pryschow beschwert sich in diesem Brief darüber, dass Dostojewski ihn zum Vorbild für eine Figur in dem Roman „Die Dämonen“ genommen hat.

Auf den dritten Brief traf Jurjew in einem Moskauer Archiv. Nach der Lektüre der „Moskauer Schriften und Briefe“ von Jacob Michael Reinhold Lenz (Weidler Verlag, Berlin 2007) hatte es ihn angetrieben, die Polizeiakte zu Lenz’ mysteriösem Tod ausfindig zu machen. Nach langer Suche wurde Jurjew in den Moskauer Archiven des FSB (des „Föderalen Sicherheitsdienstes“, des Nachfolgers des berühmt-berüchtigten KGB) fündig. „Unendliche Dankbarkeit“ gegenüber einer freundlichen Mitarbeiterin des FSB-Archivs empfindend, verzichtet er jedoch (aus eben dieser Dankbarkeit) auf die Nennung ihres Namens. Lenz, bereits stark von Krankheit gezeichnet, wendet sich in diesem Brief, welcher am Tag vor seinem Tod abgefasst wurde, an seinen Gönner, den russischen Schriftsteller und Historiker Nikolai Michailowitsch Karamsin. Verwirrt spricht er darin auch seinen Freund Goethe und seinen Vater an.

Natürlich ist Oleg Jurjew selbst der Verfasser dieser fiktiven Briefe, was das Amüsement des Lesers nicht schmälert. Jurjews Verfahren kann am besten ein Auszug verdeutlichen – hier aus einer 1953, unmittelbar nach Stalins Tod verfassten Postskriptum Dobytschins an Tschukowski:

„Zu meiner Zeit verlangte man von uns, sich vor der Partei zu entwaffnen und innerhalb von zwei Wochen darüber den Kritikern Awerbach und Jermilow Meldung zu erstatten, in Leningrad dem Schriftsteller Tschumandrin und dem Literaturwissenschaftler Berkowski, demjenigen, der das Profil des Todes gesehen hatte. Doch sagten damals die Vorgesetzten: Wessen Brot du isst, dem du auch Meldung erstattest. Und sie richteten den Schriftstellerverband und die Stalinpreise mit drei Rängen ein. Jetzt ist der Obervorgesetzte tot, und Tschumandrin und Berkowski wollen wieder, dass man ihnen Meldung erstattet und dass es keine Unaufrichtigkeit gibt, sonst wäre es zu kompliziert, die Rechte Anschauung zu bewahren. Ab nun, Kornei Iwanowitsch, werden sie, die Sowjetschriftsteller, doppelt beansprucht: Partei und Regierung werden sich von ihnen die Aufrichtigkeit wünschen (wie sie sich diese seit eh und je gewünscht hatten), als Lohn ihrer Liebe und Sorge, jedoch auch die Fortschrittliche Öffentlichkeit (das heißt unter anderem wiederum sie, die Sowjetschriftsteller) wird ebenfalls von ihnen (das heißt von sich selbst) Aufrichtigkeit verlangen. Im Endergebnis wird sich eine solche Falschheit entwickeln, wie sie selbst zu Zeiten des Generalissimus nicht anzutreffen war.“

Hervorzuheben ist Jurjews unglaubliche Einfühlung in die Briefsprache des jeweiligen Jahrhunderts. Das Buch kann so auch als eine Hommage an die Jahrhunderte des Briefeschreibens gesehen werden.

Am 11. April stellt Oleg Jurjew im Stadtmuseum Dresden seinen Roman „Unbekannte Briefe“ vor.

Von Axel Helbig

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