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Olaf Schubert zu Gast in der Semperoper

„Untergewichtig und überbegabt“ Olaf Schubert zu Gast in der Semperoper

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – und vielleicht war diese Geisteshaltung der Grund, weshalb der güldene Glitter, der in der Semperoper zunächst auf Olaf Schubert herabregnete, penibel beseitigt wurde. Denn der Stargast des Abends, also Schubert, hätte ausrutschen und sich verletzen können.

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Olaf Schubert, Ingeborg Schöpf(l.) und weitere Gäste des Rautenmustermützenträgers in der Semperoper.

Quelle: Foto: Dietrich Flechtner

Dresden. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – und vielleicht war diese Geisteshaltung der Grund, weshalb der güldene Glitter, der in der Semperoper zunächst auf Olaf Schubert herabregnete, penibel beseitigt wurde. Denn der Stargast des Abends, also Schubert, hätte ausrutschen und sich verletzen können, was für die Stadt verdammt teuer werden würde. Das ließ der Künstler im vollen Bewusstsein darüber, dass der Körper sein wichtigstes Kapital ist, seine Zuschauer wissen. Letztlich war’s Schubert aber recht. Mag er auch in Dresden geboren sein, begraben möchte er hier nicht werden, beteuerte er vor versammelter Schar, die sehen wollte, wie ihr Idol die vom MDR aufgezeichnete Show „Olaf Schubert und die ziemlich große Oper“ durchzieht.

Schubert hatte sich, wie zumindest auch die Damen im Saal, im Rahmen seiner Möglichkeiten fein gemacht, um im Anzug, aber auch mit obligatorischem Pullunder, allen zu zeigen, dass der scheinbare Gegensatz – hier ein weltberühmter Künstler, dort ein letztlich halt doch nur regional bekanntes Opernhaus – keiner ist, sondern dass zusammenfindet, was auch zusammengehört. Er nutzte die günstige Gelegenheit, um einerseits ein „Klagelied“ darüber anzustimmen, dass die Welt „im Würgegriff des faulenden, parasitären, menschenverachtenden Großkapitalismus“ ist, andererseits um jenen Menschen, die glauben, an die Wand gesprühte Sprüche wie „Fuck the system“ seien die ultimative Welterkenntnis, die Frage mit auf den Weg zu geben: „Was soll sich verändern, wenn man das System begattet?“

Wer unter der geneigten klassikaffinen DNN-Leserschaft sich nun wiederum fragt, wie der MDR darauf verfallen konnte, ausgerechnet Schubert als Moderator für eine Hommage auf ein kostenintensives Genre wie die Oper zu engagieren, dem sei versichert, dass Schubert ob seines Spaßfaktors nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert mitbringt, sondern auch über musikalische Talente verfügt, die geradezu danach schreien, einem breiteren Publikum bekannt zu werden. So kann der untergewichtige, aber überbegabte Künstler Italienisch – die Muttersprache der Oper – praktisch fließend hören. Auch ist er ein versierter Meister des barocken Elektroschlagzeugs und hat sich sogar schon, da schimmert das Erbe seines Ahnen Franz Schubert durch, als Komponist betätigt. Und Schuberts Gehör? Ist perfekt. Er hört jedenfalls sofort heraus, wenn es mal dumpf klingt, eindeutig von rechts kommend.

Nun könnte Schubert, dem das Publikum rasch in Kicher- und Lachanfällen zu Füßen liegt, mit der ganzen Kraft seiner 60-Kilo-Fleischeinlage die Bühne natürlich spielend alleine füllen, hat sich aber außer den üblichen Verdächtigen wie Jochen M. Barkas oder auch Herr Stephan allerlei Gäste eingeladen, als da wären das Sinfonieorchester des „Mittelmäßigen Rundfunks“, die Sopranistin Ingeborg Schöpf oder auch der Andreas Martin Hofmeir, von Schubert als „David Garrett der Tuba“ angekündigt. Ja sogar einen Chor gab das Budget her, die Wahl fiel auf den Bergsteigerchor Kurt Schlosser, der u.a. den Jägerchor aus Webers „Freischütz“ intonieren durfte, allerdings nicht ganz gemäß der Schubertschen Erkenntnis, dass mit dem „Jo, ho!“ der Hip-Hop vorweggenommen sei. Gleichwohl wurde das Versprechen, die Werke der alten Meister seien „aufgepimpt“ worden, so dass es für die niederen Stände passt, nicht eingelöst, ansatzweise allenfalls in der Interpretation von Mozarts „Zauberflöte“ durch Schöpf und Schubert. Auch sonst setzte Schubert auf Bewährtes: Sein Gesächsel, Gestammel und Gedruckse, das immer wieder mal ratlos blickende Gesicht, auf Kalauer und Kamellen, die an sich schon reichlich bei anderen Gelegenheiten zum Einsatz kamen, aber immer noch Charme und Biss haben, definitiv nicht zur Gänze ausgelutscht sind.

So wie James Bond die Lizenz zum Töten hat, so hat der offensiv mit dem sächsisch-ostdeutschen Provinzialismus spielende wie kämpfende Schubert die zum Ulken. Von der machte er reichlich Gebrauch. Die einen mögen monieren, dass er schon mal bissiger gewesen sei, aber Betroffenheitslyriker Schubert zog in punkto Satire schon immer das Florett dem Säbel vor, das Absurde dem moralinsauren Entrüstungsgekeife, das vor allem Altachtundsechziger und selbstgefällige Prediger der spitzmäuligen Sprachbelehrung ja für Ultima Ratio im Kabarett halten.

Mitunter scheint Schubert sich um Kopf und Kragen zu reden, etwa wenn er scheinbar eine Lanze für Kinderarbeit in Bangladesch bricht oder in einer Stadt, in der montags immer das „große Muselmanen-Gruseln“ angesagt ist, gesteht, offenbar vergeblich darauf gehofft zu haben, dass ihm ein Ausländer endlich die Frau wegnimmt, mit der er seit 15 Jahren liiert ist. Aber letztlich kriegt Schubert dann doch die Kurve, auch auf die Gefahr hin, als einer jener Sonntagsfahrer dazustehen, die konstant links fahren, weil sie davon überzeugt sind, dass es unschön aussieht, wenn man sie rechts überholt. Das scheinbar sinnleere Gequatsche, das dazu führt, dass man diesen Bruder im Geiste König Ludwig des Stammlers (846-879 n.Chr.) am liebsten mal auf die hängenden Schultern hauen und ihm zuraunen möchte, doch endlich mal auf den Punkt zu kommen, hat dann doch einen höheren Sinn und ist der Sache eindeutig.

Die Show wird am 17. Juli, 22 Uhr, im MDR-Fernsehen ausgestrahlt

Von Christian Ruf

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