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14:39 11.03.2018
Stadtteilprojekt Musaik Quelle: Michael Bartsch
Dresden

Stolze Eltern hellerer oder dunklerer Hautfarbe sehen solche Bilder gern: Etwa 30 Grundschulkinder in blauen T-Shirts, ein Drittel von ihnen sichtbar nicht von biogermanischer Herkunft, spielen im Ortsamt Prohlis ein Konzert. Achtelgeigen und Viertelcelli, es erklingen viele leere Saiten, die linke Hand ist noch nicht so gefragt. Führung und Unterstützung kommt von Musikpädagogen und erwachsenen Freizeitmusikern, einige Soli auch. Zwischendurch legen die Kinder die Instrumente beiseite und singen, inszenieren sogar ein Geisterstunden-Melodram. „Auf der Mauer, auf der Lauer…“ oder „Wer hat Angst vor Dracula“ lauten die Titel der gesungenen Leitkultur. Wobei es überhaupt nicht um Anpassung geht, nicht einmal vordergründig um Integration. Die ergibt sich nebenbei.

„Musaik“ heißt das Stadtteilprojekt, und es soll bitte nicht mit dem venezolanischen „Sistema“ verglichen werden, das verwahrloste Straßenkinder mit Hilfe von Instrumentalunterricht sozialisiert. Wie die Prohliser Quartiersmanagerin Katrin Lindner überhaupt allergisch auf Bezeichnungen wie „Problemstadtteil“ reagiert. Wenn auch Dresden längst sozial geteilt ist, so haben gerade diese Bewohner keinerlei Diskriminierung verdient. Und waren nicht einst zu DDR-Zeiten die Platten von Prohlis oder Gorbitz hoch begehrt? Und entdecken von der Gentrifizierung aus der Neustadt vertriebene, finanziell minderbemittelte Studenten jetzt nicht die Platte neu?

Nicht von ungefähr ist allerdings das Societaetstheater mit seinem auf zwei Jahre angelegten Projekt „Zu Hause in Prohlis“ hierher gegangen. Ein Teil dieses Projektes ist eben auch der „Musaik“-Unterricht für alle. „Manche fühlen sich hier als Bürger zweiter Klasse“, sagt Geschäftsführer Andreas Nattermann. Und es bestünde die Gefahr der Entstehung von Parallelgesellschaften – unter Deutschen vor allem. 36 Prozent wählten im vorigen September hier die AfD.

Genau zur Bundestagswahlzeit fing es an. Mit einem Theaterzelt, das man allerdings nur eine Woche bezahlen konnte und das manche anfangs für ein Flüchtlingszelt hielten. Mit dem „Fliegenden Teppich“ der Geschichten von Brit Magdon. Mit „Musaik“. Vor allem aber mit der Einrichtung des KIEZ in der ehemaligen Eisdiele am Eingang zum Einkaufszentrum nahe der Prohliser Allee. KIEZ steht für „Kultur im Einkaufszentrum“. Nun gibt es zwar eine Zweigbibliothek, das Palitzsch-Museum mit der Außenstelle der Jugendkunstschule, eine Galerie, etliche Vereine. Aber es gibt kaum Räumlichkeiten für ein Miteinander, nicht einmal eine ansprechende Gastronomie. Die ehemalige Großgaststätte „Stern“ fristet ein trauriges entleertes Dasein.

„Prohlis zu Hause“ sollte daran etwas ändern, aber das Raumproblem steht auch für dieses Projekt. Denn es hat sich entwickelt in diesem halben Jahr, und der KIEZ-Raum mit rund 40 Plätzen ist eigentlich zu klein. 150 Veranstaltungen hat es seither hier schon gegeben. Vom LEGO-Bauen über Tanzworkshops und Wunschfilme bis zur Hausmusik. Für ganz wichtig hält Andreas Nattermann das so genannte Tischtheater. Ein stadtteilbezogenes Rechercheprojekt, das über ausgegrabene Geschichten Bindungen zur Umgebung schafft. „Viele sehen Prohlis als Heimat an, auch wenn sie sich benachteiligt fühlen“, sagt er.

„Musaik“ ist vielleicht der vorzeigbarste Erfolg dieser Stadtteilarbeit. Torsten Tannenberg als Geschäftsführer des Sächsischen Musikrates ist stolz darauf, die Vizepräsidentin des Musikrates und CDU-Landtagsabgeordnete Aline Fiedler erst recht. 12 000 Euro haben sie aus dem 300 000 Euro umfassenden Haushalttitel des Wissenschafts- und Kunstministeriums für die Instrumentenbeschaffung abgezweigt. Sie dürfen die blitzenden neuen Instrumente aber noch nicht mit nach Hause nehmen, erzählen die Kinder. Unterrichtet und geübt zugleich wird dreimal pro Woche immer in der Gruppe. Deborah Oehler und Luise Börner sind frischgebackene Musikpädagoginnen und haben sich in diese Aufgabe hineingekniet. Ehrenamtlich und komplett honorarfrei. Das geht eigentlich gar nicht und ist nur jugendlichem Enthusiasmus zu danken.

Das ganze Prohlis-Vorhaben ist inzwischen nicht mehr ganz so arm, wie es als Ableger des Societaetstheaters begonnen hat. Die Stadt kann noch nicht direkt finanziell unterstützen, weil das nach Doppelförderung aussehen könnte. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) aber hat Nattermann allemal auf seiner Seite. Vom Lokalen Handlungsplan kamen 20 000 Euro, vom Kulturhauptstadt-Topf 15 000, von der Kulturstiftung Sachsen 18 000 Euro. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Aus dem slowenischen Ljubljana kommt demnächst Unterstützung mit vier Schauspielern. Derzeit wird aber ein größerer Raum gesucht. „Musaik“ wird eventuell in die ehemalige Außenstelle der Volkshochschule umziehen.

Für das Frühjahr ist eine städtebauliche Konferenz mit dem Vermieter Vonovia und einem Berliner Kompetenzzentrum für Großsiedlungen geplant. Das Kulturprogramm reicht erst einmal bis zum ersten Jahrestag im September. Dann soll eine Art Selbstevaluation erfolgen, eine Analyse eigener Wirksamkeit. Dem bisherigen Echo folgend, ist da nichts zu befürchten. Denn was ereignet sich bei „Zu Hause in Prohlis“? „Man setzt sich zusammen, ob tätowiert oder mit Kopftuch“, lacht Andreas Nattermann. „Das würde draußen so nicht passieren.“

Von Michael Bartsch

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