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Offene Fragen: Das Frankfurter Städel präsentiert seinen Ankauf: Bildnis des Papstes Julius II.

Offene Fragen: Das Frankfurter Städel präsentiert seinen Ankauf: Bildnis des Papstes Julius II.

Alte Meister sind Publikumsrenner. In unsicheren Zeiten bieten die Künstler des 14. bis 18. Jahrhunderts immerhin Orientierung und Halt. Doch die vermeintliche Sicherheit ist oft trügerisch.

Das Werk des Barock-Künstlers Rembrandt etwa wurde seit 1968 von einem Forscherteam radikal reduziert durch die akribische Trennung zwischen Meister und Werkstatt, Genie und Epigonen. In den letzten Jahren wurden zwar etliche Bilder wieder für echt befunden, aber darunter war nicht der weltberühmte "Mann mit dem Goldhelm". Damit verlor die Berliner Gemäldegalerie eine ihrer großen Ikonen. So geht es für die Museen bei Zu- oder Abschreibungen um viel: um Publikumszuspruch, um Renommee und auch um Marktwerte.

Eine Sensation verkündete jüngst das Frankfurter Städel mit dem Ankauf eines Gemäldes des Renaissance-Künstlers Raffael (1483-1520), der mit Madonnen in Dresden und Rom verzückt. Das bisher als Kopie geltende Bild ist nun im just sanierten Museum an zentraler Stelle zu sehen. Aus gutem Grund, denn das 1511/12 gemalte Porträt von Julius II. (1443-1513) setzt bis heute Maßstäbe. Erstmals wird der Papst als nachdenklicher, in sich gekehrter Würdenträger gezeigt. Ein alter Herr, der grausam herrschte, aber kunstsinnig war. Ob das Bild jedoch von Raffael stammt, steht nicht fest. Fakt ist nur, dass das Städel anderthalb Jahre lang alle technologischen Untersuchungen am 100 mal 80 Zentimeter großen Gemälde vorgenommen hat, bevor man an die Öffentlichkeit ging.

Nun kann Städel-Kustos Jochen Sander gute Argumente für die Zuschreibung aufzählen: Infrarot- und Röntgenanalysen zeigen etliche Abweichungen in der Vorzeichnung. So war die rechte Hand erst zum Segensgestus erhoben, in der endgültigen Fassung ist der Arm gesenkt, und die Hand hält ein Tuch in Händen. Das spricht gegen eine Kopie. Auch die untersuchten Farben und das Pappelholz belegen die Entstehung in einer italienischen Werkstatt des frühen 16. Jahrhunderts. Aber es existieren keine Dokumente, dass Raffael das Bild dreimal gemalt hat. Eine Version befindet sich nämlich in der Londoner National Gallery, die zweite Version in den Florentiner Uffizien. Kurioserweise galt bis 1970 das Florentiner Bild als Original, seither liegt London vorn - dank eines übermalten Wappenvorhangs, der für eine späte Änderung spricht.

Eine These, die nicht auf festen Beinen steht. Doch das ist typisch für die Probleme mit alter Kunst. Da die technologischen Untersuchungen nur grobe Zeitfenster ergeben, ist man auf Vergleiche mit anderen Bildern oder auf stilkritische Analysen angewiesen. Hieb- und stichfeste Beweise gibt es nicht. Wenn der Maler seinen Stil im Spätwerk änderte, ist ein Bild leicht einzuordnen. Allerdings betrieb ein erfolgreicher Künstler im Mittelalter eine Werkstatt mit mehreren Schülern. Er führte also nicht jedes Bild selbst oder in allen Details aus. Heute ist das nur selten noch klar zu trennen.

Im Städel-Bild gibt es jedoch große Qualitätsunterschiede. Das spräche dafür, dass der Meister das Bild zur Fertigstellung seinen Gehilfen überließ. So wurden das weiße Gewand und der dunkelgrüne Hintergrund fast nachlässig gemalt, sehr fein aber die Gesichtszüge, die Hände und die zahlreichen Ringe dargestellt. Bei den anderen zwei Fassungen wurde nicht viel Sorgfalt auf die Ringe verwendet. Folglich hält Jochen Sander das Städel-Bild für "eine gültige Vorstufe aus des Meisters und seiner Schüler Hände. Unser Gemälde hat im Prozess der endgültigen Bildfindung eine wichtige Rolle gespielt."

Dass es sich bei all dem nur um Hypothesen handelt, geht etwas unter. Diese Selbstsicherheit bei der Zuschreibung sehen einige Kunsthistoriker kritisch. Freilich will keiner namentlich genannt werden. In der Branche äußert man sich ungern öffentlich über einander. Zudem ist der Respekt vor Jochen Sander groß. Er gilt als seriöser Fachmann, der Zweifel klar benennt. In diesem Fall scheint er sehr sicher zu sein. Doch erst im November wird man mehr wissen, wenn alle drei Versionen im Städel zu sehen sind. Ob dann auch die Herkunft des Städel-Bildes vor 1905 geklärt wird? Immerhin war es fast 400 Jahre verschollen. Je länger man sich mit dem Bild beschäftigt, desto mehr Fragen ergeben sich. Aber noch hat das Städel einen Publikumsmagneten mehr.

www.staedelmuseum.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.01.2012

Christian Huther

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