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Regional Off Europa führt im Dresdner Societaetstheater zu "Discover Bulgaria" und startet mit harten Salven
Nachrichten Kultur Regional Off Europa führt im Dresdner Societaetstheater zu "Discover Bulgaria" und startet mit harten Salven
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17:45 09.09.2015
Das einsam-witzige Tanzsolo "Big Gun" von Stanislav Genadiev bildete den Auftakt für "Discover Bulgaria" im Societaetstheater. Quelle: PR
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Die Off-Szene Bulgariens genießt derweil schon ein Jahr länger die europäische Unionsfreizügkeit, was die Programmbeobachtung vor Ort, größtenteils von Erfinder Knut Geißler höchstselbst vorgenommen, nicht erleichtert.

Nun kann man seit Freitag in Leipzig und seit Dienstag in Dresden "Discover Bulgaria", vor allem geprägt von der freien Szene aus Sofia und Varna, genießen. Wobei sich ein Samstagabend vor allem für das Afterhowfeierprogramm natürlich besser macht. Hier wie da legte Trompeter Stefan Hristov, der als DJ Mr. Smiff heißt, auf, wofür die Dresdner Gemeinde ins kostenlose Alte Wettbüro düste.

Auch sonst war das Eröffnungsprogramm identisch - und höchst unterschiedlich geartet: "Big Gun" und "Identity" waren die Titel der beiden Balkaninterventionen. Das erste war ein höchst intensive und aktuelle Tanzshow, das zweite eher Folklore, obwohl es freischwingende Geschlechtsmerkmale gab. Stanislaw Genadiev, bekannter bulgarischer Tänzer aus Sofia, spielt bei "Big Gun", das Martin Penev entwarf, einen drahtigen, roten Helden mit einem Problem: Sein rechter Unterarm ist als martialische Waffe, eine Art Mini-Katjuscha, ausgeformt. Das hat Vor- wie Nachteile. Vor allem umziehen und schreiben ist schwierig, aber es bietet dafür ganz andere Kommunikationsformen. Die nutzt der Held weidlich und kämpft, im Lichtstrahl hergebeamt, gegen die ganze Ballerwelt. Seine Waffe kann dazu noch alles, was moderne Mobilgeräte auch können, also auch Musikspielen oder Zigarettenanzünden. Das Ganze geschieht als groteskes Solo mit diversen Anleihen aus offenbar präsenten Gewaltfilmen oder PC-Spielen, wie man an Publikumsreaktionen erfährt.

Unterbrochen wird die Actionshow gegen unsichtbare Feinde im Off von ruhigen Phasen. In einer dieser schnappt sich der ausgepumpte Kanonier drei weiße Energydrink-Büchsen nacheinander und verkündet im Werbeclip-Duktus in drei Sprachen, dass ein Held wie er nur Pflaumensaft mit Sprudel brauche. Selten wirkte Tanz so grotesk - man mag sich ja aufdrängende aktuelle Assoziationen verbieten, aber wenigstens eine sei erlaubt: Baller-Gamer aller Herren Länder sollten wenigsten ab und an ein bisschen tanzen (beim Rauchen).

Der zweite Teil ist unter das Motto "Grenzgänge" subsumiert - also weder Tanz, Musik noch Theater. Oder von allem ein bisschen. "Identy" heißt auf Bulgarisch in etwa "Vereinigung - basierend auf wahren Begebenheiten". Irina Goleva und ihr Mann Ognian tanzen dabei Volkstanz in diversen Variationen und Tempi, wobei ihr Atem per Mikrofon mehr oder minder rhythmisch den Raum füllt. Dazu brauchen sie den gesamten großen Saal, während das Publikum auf der Bühne sitzt.

Zur Begleitung spielt Hristina Beleva mit Hingabe Rebek, ein bulgarischer Vorläufer der Violine aus dem Mittelalter, wobei man leicht ins Träumen gerät, denn auf dem Parkett passiert lange nur relativ monotoner Volkstanz. Während zum Abschluss, als vermeintliche Improvisation, zu drei aus dem Publikum zugeworfenen Worten getanzt wird und sich sogar eine junge Dame aus dem Publikum ans Mittun wagt, kommt die schräge Szene vorher: Das Paar zieht kurz und unvermittelt blank und hopst hinten an der schwarzen Wand entlang.

Das war sicher eine gelungene Anspielung auf das heutige Gastspiel von Ivo Dimchev (20 Uhr), der in Leipzig gleichzeitig mit der Dresdner Eröffnung sein Erfolgsstück "Lili Handel" unter gewisser Publikumsauf- und -anregung darbot, aber in Dresden "Som Faves" anbieten wird - eine wilde Mischung aus Tanz, Monolog und Gesang. Am Freitag locken drei Filme, am Sonnabend mit "Vox Popoli" Doku-Theater von Yatze Forkash (beides mit englischen Über- oder Untertiteln), ehe am Sonntag mit Willy Pragers "Transformability", der in Sofia wie Berlin lebt, zum Abschluss wieder getanzt wird. Er versucht ein "getanztes Manifest" gegen Verwandlung als heutiges Dogma, beruhend auf einem Text des Philosophen und Kulturtheoretikers Boyan Manchev. Somit lohnt sich selbst für Späteinsteiger noch ein Festivalpass, der zwar eigentlich für fünf Abende plus Film gilt, sich aber schon ab dem dritten Besuch rechnet.

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.09.2014

Andreas Herrmann

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