Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Nonkonforme Kunst in der DDR
Nachrichten Kultur Regional Nonkonforme Kunst in der DDR
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:41 13.02.2018
Objektkünstler und künstlerischer Leiter Reinhard Zapka im neuen Ausstellungsraum „Interieur Underground“ im Lügenmuseum in Radebeul-Serkowitz.  Quelle: Foto: André Wirsig
Radebeul

 „Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind“, sagt Friedrich Nietzsche im ersten Kapitel von Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. Diese Relativierung von Lüge und Wahrheit passt zum Credo des Lügenmuseum in Radebeul, das neben fantasievollen Maschinen zur Belustigung und anarchischen Apparaten im ironischen Leerlauf auch nonkonforme Kunst in der DDR zeigt. Der nun eröffnete siebente Dauerausstellungsraum im ehemaligen Gasthof Serkowitz heißt „Interieur Underground“ und stellt eine Inszenierung-in-der-Inszenierung dar.

Man betritt den Raum durch eine als Bücherregal getarnte Geheimtür. Dahinter sind die Wände dicht gefüllt mit Zeichnungen, Gemälden, Druckerzeugnissen, Plakaten, Fotografien und Collagen (aus Einladungskarten und anderen Fragmenten subkultureller Ereignisse in der DDR, vor allem der 1980er-Jahre). Ergänzt werden sie durch Objekte und Installationen, wie „Weltbild im Karton“, Film-Guckkästen und eine Sound-Installation vom Objektkünstler und künstlerischen Leiter des Hauses Reinhard Zabka. Der „Klang der DDR“ kann hier durch Ziehen der Register der Soundmaschine individuell erzeugt werden. Die Filme zeigen Personen, die Episodisches aus den 80er-Jahren erzählen. Sie sind in eins-zu-eins-Betrachtung zu rezipieren, als würde uns das Gegenüber im Gespräch von Erlebtem berichten. Durch die Aktion und Partizipation der anwesenden Personen erst wird dieser Ausstellungsraum der anderen Art definiert und als Ausstellungsort im Sinne einer Erfahrungswelt evoziert.

Die auf engstem Raum versammelten Arbeiten stammen von Jürgen Böttcher/Strawalde, Manfred Butzmann, Lutz Fleischer, Honza Faktor, Gisela und Hans-Peter Freimark, Moritz Götze, Harald Hauswald, Albrecht Hillemann, Jürgen Hultenreich, Wolfgang Krause, Klaus Liebscher, Eckehard Maaß, Steffen Modrach, Bert Papenfuß, Helga Paris, Gerd Poppe, Lutz Rathenow, Robert Rehfeld, Tohm di Roes, Horst Sagert, Jürgen Schieferdecker, Cornelia Schleime, Andreas Schönfelder, Gundula Schulze Eldowy, Olaf Schwarzbach, Klaus Hähner-Springmühl, Wilfried Staufenbiel, Wanda Reichart, Rainer Slotta, Kurt Wanzki, Ulrich Wüst, Ottfried Zielke und anderen. Im Keller sind außerdem Arbeiten von Anett Glöckner und Reinhard Sandner zu sehen.

Die Genannten versuchten in und mit ihrer Kunst in der DDR, die gesellschaftlichen und politischen Umstände kreativ zu reflektieren und sinnentleerte Konventionen auch als solche aufzuzeigen. Dabei arbeiteten sie mit hintergründigem Humor, kalkulierter Taktlosigkeit und Provokation sowie mit vielfältigen hybriden ästhetischen Ausdrucksmitteln, die über die bildenden Künste hinausweisen und Musik, Literatur und Film mit einbeziehen. Es ist eine Art „Antikunst“, die entgegen den akademischen und mehr noch gegen die kulturpolitischen Vorgaben der SED neue, grenzüberschreitende Gestaltungsmittel, ja subkulturelle Kulturtechniken entwickelte beziehungsweise weiterentwickelte.

Museum oder nicht Museum?

„Museen sind eine Säule des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft“, sagte Eva-Maria Stange im November vergangenen Jahres anlässlich der Verleihung des Sächsischen Museumspreises 2017 an das Zuse-Computer-Museum Hoyerswerda. In der „Museumskonzeption 2020 Kulturland Sachsen“ des Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst heißt es, „staatliche wie nichtstaatliche Museen repräsentieren die Vielfalt der sächsischen Museumslandschaft.“

Um den Sächsischen Museumspreis hatte sich einst auch das Lügenmuseum in Radebeul unter dem künstlerischen Leiter Reinhard Zabka beworben. Allerdings führte die Bewerbung zur grundlegenden Prüfung des Museumsstatus des Hauses durch die Sächsische Landesstelle für Museumswesen an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die in Chemnitz ansässige Landesstelle entschied, dass es sich beim Lügenmuseum nicht um ein Museum handelt: Es erfülle nicht die Kriterien der „Ethischen Richtlinien für Museen“ des Internationalen Museumsrates ICOM (International Council of Museums). Die mit dem Museumsstatus einhergehende Steuerbefreiung wurde abgelehnt, eine Steuersonderprüfung folgte.

Das Lügenmuseum prüft derzeit die Vorwürfe und erwägt eine Klage sowie eine Änderung seines Namens.

Teresa Ende

Vermutlich begünstigt das Leben in einer Mangelwirtschaft den experimentellen Umgang mit den zugänglichen Materialien und Techniken. Aber der Schaffung von Collagen, Mail-Art, Ready-made artigen Objekten und vielfältigen Mischformen aus unterschiedlichen Kunstgattungen liegt selbst bereits ein nonkonformer Gestus und starker Freiheitsimpuls zugrunde. Denn die Reglements des Verbands Bildender Künstler der DDR erlaubten lediglich die Betätigung auf einem künstlerischen Gebiet.

Im Zuge der Vorbereitung dieser Ausstellung entstanden zehn Künstlerplakate von Jürgen Gottschalk, Rainer Görß, Martin Hoffmann, Uta Hünninger, Birger Jesch, Frank Schult, Karola und Wolfgang Smy, Olaf Spillner, Günter Starke, Ellen Steger und Gabriele Stötzer. Dazu versammelt der Katalog 89 Geschichten der friedlichen Revolution von bildenden Künstlern und Literaten der Gegenbewegung und Subkultur in der DDR, die über Ausgrenzung und Verfolgung erzählen. Auf diese Weise werden die gezeigten Arbeten aus ihrer Zeit und ihren spezifischen Entstehungsbedingungen heraus mittels ganz unterschiedlicher, persönlich erinnerter Eindrücke verständlich.

In dieser Inszenierung, den sie begleitenden Plakaten sowie im Katalog fließen die Werke, ihre Dokumentation und der jeweilige Erlebnis- und Erfahrungshorizont ihrer Protagonistinnen und Protagonisten zusammen. Aus der Verdichtung und ziemlich wilden Zusammenstellung von Bildern und vielfältigen, oft multimedialen Objekten sowie den Erzählungen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer, also der Schichtung von Erinnerung, entsteht ein atmosphärisches Dickicht von vielstimmiger Narration, Sound und visuellen Eindrücken, und damit eine Pluralität der Betrachter- und Erzählperspektiven.

Dieses Ausstellungsprojekt mit seiner Rauminszenierung über randständiges Wirken in der DDR behauptet nicht: So ist es gewesen, sondern: So ist es auch gewesen. Sie stellt einen Gegenentwurf zum verbreiteten Kunst- und Museumsverständnis und der kanonisierten Art der Rezeption bildender Kunst dar. Zugleich erinnert diese frei-assoziierende Form des Zeigens an die Intentionen der in der DDR an den äußeren Rand gedrängten Künstlerinnen und Künstler, an ihre Gestaltungs- und Kommunikationsmittel, indem sie ihre Kunst so zu präsentieren versucht wie sie zur Zeit ihrer Entstehung gezeigt wurde: eben nicht an der weiten weißen Wand im cleanen Umfeld des White Cube, sondern in oftmals maroden Ateliers und Wohnräumen, die, in Ermangelung von Ausstellungsmöglichkeiten und ‚freiem Markt‘ entstanden, von nonkonformen Künstlerinnen und Künstlern untereinander getauscht und verschenkt wurden. Atelier und Wohnung wurden so mitunter zu Archiven und performativen Gesamtkunstwerken.

Die hier praktizierte Form des Zeigens wendet sich gegen einen dem Kontext enthobenen Umgang mit den Kunstwerken der Subkultur in der DDR, der gerade in den vergangenen Monaten so intensiv diskutiert wurde und wird, dass für die Auseinandersetzung zwischen Kunstwissenschaftlern und Museumsleuten über Hängung oder Nicht-Hängung von Werken staatstragendender und randständiger Künstler in der DDR der Begriff „Dresdner Bilderstreit“ geprägt wurde.

Nach Aristoteles ist jede Erinnerung an ein Bild gebunden. Doch um diese kollektive wie individuelle Erinnerung leisten zu können, müssen die benötigten Bilder öffentlich sichtbar sein. Zugleich ist jede Identität narrativ: Wir brauchen individuelle Geschichten und den Austausch über die Vergangenheit, die das Fundament für das Heute bildet. Wenn Denkmalpflege, Geisteswissenschaften und Museum – die ja als die „Erinnerungsorgane und -orte“ unserer Gesellschaft gelten – wirklich als solche fungieren und funktionieren wollen, braucht es beides: 1. Das Zeigen der Werke, auch jene der vormals Ausgegrenzten, der Avantgarde im Untergrund in der DDR. 2. Ihre Erzählungen und das Gespräch darüber für eine Differenzierung und Vielfalt der Perspektiven. Nur so können Lebenswirklichkeiten tatsächlich (wieder) sicht- und erfahrbar gemacht werden. Welche Ironie, dass dies ausgerechnet im Lügenmuseum versucht wird.

Neuer Dauerausstellungsraum „Interieur Underground“ im Lügenmuseum, ehem. Gasthof Serkowitz, Kötzschenbrodaer Str. 39, 01445 Radebeul. Geöffnet Sa und So, in den Ferien und an Feiertagen, 13 bis 18 Uhr, sowie auf Anfrage. www.luegenmuseum.de

Von Teresa Ende

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die auf der documenta 14 ausgestellte Installation „Demos“ des griechischen Künstlers Andreas Angelidakis hat im Dresdner Albertinum ein neues Domizil. Die mobile Skulptur aus 74 Modulen wurde von der Gesellschaft für Moderne Kunst Dresden angekauft und als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

19.02.2018

Drei Jahre mussten sich die Fans gedulden, nun sind schwedischen Rockmusiker mit einigen Veränderungen endlich wieder auf Welttournee. In Dresdens Altem Schlachthof spielten Mando Diao eine Auswahl an neuen und alten Hits.

12.02.2018

Die Städtische Galerie Dresden zeigt eine Ausstellung mit Werken Bernhard Kretzschmars (1889–1972). Der Künstler gehört zu den markantesten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Dresden. Der Titel der Ausstellung lautet „Deutung des Daseins“.

10.02.2018
Anzeige