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18:13 27.07.2017
Elisa R.: ohne Titel Quelle: Amac Garbe, www.amacgarbe.de
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Dresden

Die in der Diplomankündigung der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) aufgeworfenen Urfragen des Kunstschaffens – „wie viel ist Technik, was bedeutet das Handwerkliche im Kontext der Kunst, was ist Schönheit?“ stellen klar eine zentral be- und verhandelbare Linie in den ausgestellten Werken der diesjährigen Diplomschau dar. Zunächst einmal fällt auf, dass einige der insgesamt 46 HfBK- Absolventen klar mit unserer Vorstellung von Materialität und Materiallogik spielen.

Aus (teilweise) glasierter Keramik statt aus Latex oder Gummi kommen die wie skurrile Fetischspielzeuge aussehenden Skulpturen von Grit Aulitzky daher. Tatsächlich aus Brotteig sind hingegen die tonnenartigen „Laibe“ von Daniel Grams. Hier hätte man eher mit ausgeformtem Ton in Brotoptik gerechnet. Stattdessen verweist Grams mit seinen lebensmittelverschwenderischen Skulpturen, die er in alten Ölfässern gebacken hat, auf die Absurdität, die aus der Überproduktion eines Grundnahrungsmittels erwächst, das gar als Brennstoff verwendet wird.

Daniel Grams: „Laib“ Quelle: Amac Garbe, www.amacgarbe.de

Auch die mehrteilige Installation von Sophie Altmann hinterfragt unsere Vorstellungen von Materialität und Form. Ist das wie hingeworfen daliegende, graue Knäuel aus Papier oder ebenfalls aus Gips, wie die schiefe Vase daneben? Überhaupt beginnt hier, was sich ebenfalls durch die Ausstellung zieht. Die Grenzen zwischen Objekt und Umgebung zerfließen. Auf einem Sims der rohen Backsteinmauer liegen weitere Vasenfragmente, die kaum noch als dazugehörig wahrgenommen werden.

Auf einem der Atelierfußböden steht ein kleines Dach aus zwei aneinandergestellten Fliesen, davor eine farbbeschmierte Tasse – wie zufällig stehen gelassen – und doch Teil der Installation der Künstlerin Elisa R.

Und wenn die in allen Räumen, teils deutlich sichtbar, teils versteckt zwischen Heizkörpern hängenden Keramikmasken sich in einem Ausstellungsraum zu einer Maskengalerie des Diplomanden Lars Frohberg verdichten (folgerichtig betitelt mit „masken, überall“), fühlen wir uns retrospektiv vielleicht doch etwas beobachtet. Die archaischen Formen erinnern an kolonialherrschaftliche Devotionalien, wären da nicht die hervorstehenden Streifen, die stark an die Schilde heutiger Basecaps erinnern. Fragt sich nur, wer hier wem die Maske vorhält – der Künstler dem Kunstbetrachter, dem Kunstmarkt...

Wie bereits in vielen Positionen der HfBK-Jahresausstellung gesehen, so zieht sich auch in der Diplomschau die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, mit Körperlichkeit und Sexualität durch viele Arbeiten, wenn beispielsweise Vivien Schlecht unser Bild von Schönheit in eindringlichen Frauenporträts aus verschiedenen Perspektiven hinterfragt oder Anna Erdmann verschiedene Formen lesbischer Selbstbestimmung auslotet. Auch Elisa-Marie Floarei reiht sich hier mit ihrem vollgestellten, zettelbehangenen „Kabuff“, als eine Art Hochbett-Schreibtischkonstruktion voller sexualisierter Symbolik und Gender-Klischees ein.

Mit einer guten Portion Humor persifliert Anja Herzogs 14-teilige Ölporträtserie „Familie Kniff“ hingegen unser genealogisches Zusammenrottungsbestreben, indem sie comichafte, außerirdische Wesen stammbaumartig anordnet und eine „Legende der Beziehungen“ (von apathisch über harmonisch bis manipulierend) beilegt.

Die wohl vielteiligste und mediendiverseste Installation kommt von Euiyoung Hwang, der neben Videoarbeiten, Zeichnungen und einer 99-teiligen Analyse des Ich-Begriffs zwischen Kakerlaken und Oktopus auch die dreibeinige knieende Figur „Wesen im Raum A“ inklusive Perücke aus eigenem Haar hinzugesellt. Eine nicht nur dem Motiv nach kafkaeske Zusammenstellung, deren Erörterung mit dem Künstler sicher sehr denkanstoßend sein dürfte. Schließlich wäre da noch der Raum, in dem die Arbeit von Raiko Sánchez „Hally-Gally, all together“ ausruft – mit einem unbespielbaren Klettergerüst, ausgestopften, fleischfarbenen „Kleinkindern“ und den „Design-Bodys“ aus dem 3D-Drucker von Meltem Arslan.

Sophie Altmann: ohne Titel Quelle: Amac Garbe, www.amacgarbe.de

Kuratiert von Ausstellungsreferentin Susanne Greinke sind die meisten Positionen stimmig und intelligent zusammengestellt, viele Diplomanden konnten ihre Wünsche einbringen oder sich auf bestimmte Räume bewerben. Nicht ganz glücklich wirkt es nur selten, wenn beispielsweise die filigranen grafischen Arbeiten von Darja Eßer im kleinen Atelierraum gegenüber der 23 mimik- und gestikstarken Porträts und teils verstörenden Körperdetailansichten in Öl von Helena Zubler etwas unterzugehen drohen. Überhaupt ist der Gang durch die diesjährige Diplomschau außergewöhnlich vielschichtig und intensiv.

Als persönliches Highlight der Autorin sei am Ende die Arbeit von Jion Kiim erwähnt, die vermeintlich kontemplativ „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ serielle, pastose Horizontverläufe auf smartphone-artigen Holztafeln darstellt. Was ohne Kontext einfach die Erinnerung an den letzten Ostseeurlaub auffrischt, darüber hinaus vielleicht noch die Omnipräsenz der Smartphones und den durch sie verschobenen Blickwinkel auf das Leben um uns herum wachruft, ist jedoch eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung der mobilen Endgeräte für Flüchtlinge auf ihrer unwegsamen Flucht. Ein gutes Beispiel dafür, wie viele Bedeutungsebenen ein Kunstwerk haben kann, wovon jede ihre Daseinsberechtigung hat.

Den diesjährigen Diplomkatalog mit inspirierenden Vorworten des ehemaligen Dresdner Stadtschreibers Peter Wawerzinek (2016) und HfBK-Mitarbeiterin Friederike Sigler zum Thema Freiheit gibt es an der Kasse für 10 Euro.

Diplomausstellung der Hochschule für Bildende Künste Dresden, im Oktogon (Georg-Treu-Platz) und in den angrenzenden Ateliers, bis 3. September, geöffnet Di-So 11-18 Uhr; Immer mittwochs 16.30 Uhr führen Diplomanden durch die Ausstellung

www.hfbk-dresden.de

Von Susanne Magister

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