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„Nichts in Sicht“ in der Ruine der Dresdner Trinitatiskirche

Staatsschauspiel Dresden „Nichts in Sicht“ in der Ruine der Dresdner Trinitatiskirche

In seinem kurzen Roman beschreibt der ehemalige U-Boot-Kapitän Jens Rehn die zufällige Schicksalsgemeinschaft zweier Männer. Die Absurdität wird noch gesteigert durch die Arrangements der Inszenierung von Klara Weyde und äußeren Umstände der Aufführung, mit der das Staatsschauspiel Dresden im offenen Schiff der Trinitatiskirchenruine gastiert.

Simon Käser (l.) und Nicolas Streit in „Nichts in Sicht“

Quelle: Daniel Koch

Dresden. Statt auf dem schwankenden Boden eines im Ozean treibenden Schlauchboots sind die beiden Namenlosen hier gefangen zwischen den Glaswänden eines Terrariums (Ausstattung Katharina Philipp), zwei Exemplare der Spezies Homo Sapiens, die sich vor kurzem noch auf Leben und Tod bekriegten, nun aber den letzten Funken Hoffnung auf Überleben gemeinsam hüten, die letzten Vorräte an Whiskey, Zigaretten und Schocacola brüderlich teilen. Nur ein bisschen Aggressivität kommt auf wenn der Einarmige (Nicolas Streit) die Hilfe des Anderen (Simon Käser) nicht annehmen will, aber kein Hass auf den „Gegner“.

Sie erzählen sich, wie zu erwarten, Episoden aus ihrem Leben, von ihren Plänen und Wünschen, von der vertanen Zeit und vom flüchtigem Glück, zugleich die Nichtigkeit all dessen erkennend, was ihr Leben bisher ausmachte. Dabei wollte immerhin einer von ihnen, der schmale texanische Student in Pilotenuniform, als Arzt die Menschheit retten, während der andere, der zottelige, ausgewachsene Seebär sich zwischen Bars und Schiffsdecks treiben ließ, bis er eines Tages Maria traf, die einzige Frau die er liebte, die einzige, um die er trauert… Zwei meist unaufgeregte, unsentimentale Stimmen liefern die subtile Beschreibung zweier trügerisch plausibler Psychogramme jenseits von Gut und Böse sowie dem Anschein zum Teil völlig widersprechender innerer und äußerer Gegebenheiten.

Abgesehen von den symptomatischen Schüttelfrostanfällen des Verwundeten agieren sie unter Verzicht auf naturalistische Illustration. Sie geraten im Auskosten jeder Atempause folgerichtig immer wieder in eine Art Scheinidylle, die aber zugleich der Illusion des alltäglichen Daseins entspricht, führen einen theatralischen (auch das Thema Theater streifenden) Dialog, der durch kein Ressentiment, keine Sprachbarriere, kein gesellschaftliches Klischee oder Tabu behindert wird, höchstens durch den Straßenverkehr draußen oder gar einen Rettungshubschrauber, der das nahe Uniklinikum anfliegt. Bis zur Kimm blanke See unter sengender Sonne, während sich die Zuschauer fröstelnd in wärmende Decken hüllen und ihr eigenes Sein und Nichtsein bedenken, auch wenn gerade kein Krieg ist.

Der philosophische Exkurs der Todgeweihten der, als das Buch 1954 in der alten Bundesrepublik erschien, rebellisch erscheinen mochte, wirkt allerdings hier und jetzt selbst im Kirchenraum nicht besonders ketzerisch, die übersteigerte Nähe zum unerträglich Makabren führt zu merkwürdig kühler Distanz, wenn sich der gestorbene Pilot bzw. Nicolas Streit in den Fieberfantasien des Anderen als widerborstiger „Untoter“ erweist, auf jede Berührung wie eine Musicbox mit einem Song seiner Zeit reagiert („Ich mache alles mit den Beinen… bin von Kopf bis Fuß...“) oder wie eine Marionette führen lässt und damit unglaublich präzise Kabinettstücke schwärzester Ironie liefert, während sein Gegenüber bis zum letzten Atemzug der beschworenen ewigen Umarmung der beiden Gerippe und seinem vermeintlich ungetreuen Herrgott trotzt.

Nächste Aufführungen am 21., 22. und 27. Mai, jeweils 20 Uhr

Von Tomas Petzold

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