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Regional Neues vom Straßenköter: Andi Valandi veröffentlicht sein drittes Album
Nachrichten Kultur Regional Neues vom Straßenköter: Andi Valandi veröffentlicht sein drittes Album
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12:29 29.11.2018
Hat sich nicht verändert: Krautbluespunker Andi Valandi. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Halloweenabend im irischen Pub „Tir Na Nog“, unweit des Alaunparks. Ein junger Mann schlappt durch die schummrige Kneipe, eine selbstgedrehte Zigarette im Mund, die dunkle Kapuze über die roten Zottelhaare ins Gesicht gezogen. Er plaudert munter an der Theke mit seinen Bandkollegen und nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Bierglas. Dann schnappt sich Andi Valandi seine Gitarre, um ein erstes rotziges Riff anzustimmen.

Die Location ist geradezu prädestiniert für diese Band, die ihren Sound stolz als „Straßenköterblues“ betitelt. „Kleine Auftritte finden wir viel interessanter, sie sind aber auch deutlich schwieriger. Wenn die drei Zuhörer einen harten Tag hatten, auf einem bösen Trip sind oder die Musik einfach scheiße finden, bekommst du das zu spüren. Gnadenlos, in die Fresse“, meint Andi. Mittlerweile ist der November fast vorüber, Andi Valandi & Band haben gerade ihr drittes Album veröffentlicht. Der Sänger trifft sich mit den übrigen zwei Dritteln des ungleichen Trios, Frank Dresig und Selin Wutzler, im Bandladen an der Kamenzer Straße. Andi macht Kaffee, schwarz, und setzt sich zu Frank und Selin auf die abgewetzte Couch.

„Der Blues ist tot“

Beinahe seit fünf Jahren existiert sein Bandprojekt schon, erzählt Andi. Er spielt Gitarre und singt, Frank haut in die Tasten und Selin ist die Schlagzeugerin der Truppe. Für eine Amateurband haben sie zu viele Auftritte, für Profis zu wenige – dennoch lebt die Dreiercombo von der Musik, und zwar von dreckigem, frechem Punk-Blues. Der ungewöhnliche Musikstil ist nicht etwa das Resultat einer langen Findungsphase, wie Andi berichtet: „Wir haben damals einfach drauflos gespielt, irgendwie hat sich das dann in diese Richtung entwickelt.“

„Der Blues ist tot“. So heißt die neue Platte der Krautbluespunker, die zwölf Songs umfasst. Für die Aufnahmen haben sich Andi Valandi & Band im Oktober für einige Tage im Studio eingeschlossen. Der erste Eindruck täuscht nicht, das Album ist vielfältiger als die vorherigen Produktionen. Mit dem Ziel, den Bluesbegriff weiter zu fassen, versucht sich das Trio nunmehr an Swing- und Hip-Hop-Elementen. Nichtsdestotrotz bleiben die Musiker ihrer Linie treu, so ist der Spielstil immer noch betont rau und derb. „Wir wollen eigentlich nur ein Stück weit aus der Blues-Ecke rauskommen“, erklärt Frank. „Aktuell sind unsere Fans alte Männer mit Parkas und langen grauen Haaren. Ein paar junge Damen wären aber auch ganz nett.“

Ein ungleiches Dreiergespann: Andi Valandi, Selin Wutzler und Frank Dresig (v.l.n.r). Quelle: Anja Schneider

In den Songs von Andi Valandi & Band sind die Texte das zentrale Element. Es geht um die Botschaft, die Musik dient lediglich der Umrahmung, als Transportmittel. Im Englischen geht viel verloren, findet Andi, deswegen schreibt er die Zeilen auf Deutsch. Irgendwann landet mal ein witziger Spruch in irgendeinem seiner Hefte, die Lyrics wachsen wie ein Spinnennetz nach und nach um die Zeile herum.

Vorzeige-Rebell gegen Neo-Spießertum

Die Liedtexte handeln von Kneipenbekanntschaften im Drogenrausch, finsteren Messerstechern oder skurriler Polizistenliebe. Zwischen den trotzigen Passagen lässt Andi Valandi reichlich Platz für Melancholie und Gesellschaftskritik. „Niemand ist mehr dreckig, aber alle sind nicht mehr ganz sauber“, vermerkt der Frontmann auf dem Titelsong des Albums – und beklagt die Tristesse in einer Welt, in der sein heiß geliebter Blues-Lifestyle vom Aussterben bedroht ist. Heutzutage ist keiner mehr dick, dafür werden die Körper in der Muckibude gestählt. Und kommt mal Fingerfood auf den Tisch, wird gleich das Silberbesteck gezückt. „Mein ganzer Abi-Jahrgang studiert jetzt BWL“, seufzt Andi. „Das muss konservative Rebellion sein, dieses Neo-Spießertum.“

Der Rotschopf mit den schwarzen Stiefeln ist das genaue Gegenteil. Er verkörpert die Fleisch gewordene Renitenz, er ist ein Vorzeige-Rebell, ein Punk von echtem Schrot und Korn. Er will anecken und hat null Bock auf gesellschaftliche Konventionen, lieber streckt Andi voller Wonne den Stinkefinger in die Luft. Doch der Ursprung der obszöne Geste ist mitnichten Verbitterung, vielmehr hebt Andi den verpönten Finger mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Damit macht er sich gewiss nicht nur Freunde, „für den Verfassungsschutzbericht hat’s aber noch nicht gereicht“, meint Andi und schmunzelt, fast, als würde er es gern drauf ankommen lassen.

Die Musik der Bluesband lebt von der markant-schmutzige Reibeisenstimme ihres Sängers. „Hat viel mit Atemtechnik zu tun. Ich hab früh angefangen mit meiner Stimme rumzuspielen und bin dann mehr so drüber gestolpert“, erinnert sich Andi. Auf den Bluesgeschmack gekommen ist er als Siebtklässler aus dem Elbhangfest, beim Konzert einer AC/DC-Tribute-Band. Damals war er noch jung, naiv, ein unverbesserlicher Weltverbesserer auf der Sinnsuche. Andi warf sein Studium hin und wagte den Neuanfang. Auf der Straße. Fast ein Jahr war der Musiker obdachlos, lebte vom Geld, das in seinen Hut fiel. Mit der Klampfe reiste er umher, schrieb Blues-Protestsongs, spielte hier und dort für die vorübergehende Menschenmasse. „Das war eine interessante Schule, mein ganz persönliches Gesellenjahr“, erzählt der 28-Jährige.

Immer noch die alten Punker

Zurück in Dresden, nahm Andi Valandi vor drei Jahren sein erstes Album „Liebe im Underground“ auf. Ohne Technik, ehrlicher Selfmade-Sound eben, dem beschnittenen Budget geschuldet. „Von der Machart war diese Platte noch richtig ’punk’“, sagt der Straßenjunge im Ruhestand. Die zweite Platte „Krautblues“ entstand 2017 im Tonstudio, wie auch das aktuelle Album. Der Sound ist sauberer, klarer. Doch ist das diesem Fall wirklich ein Fortschritt? „Im Herzen sind wir immer noch die alten Punker, die sich nichts reinreden lassen und alles selber machen wollen“, betont Andi. „Ein Album aufzunehmen ist aber eine Frage der Zeit. Und wenn wir zu etwas kommen wollen, dann doch eher im Studio, so fett mit Bass.“

Und wie geht’s nun weiter mit den Straßenkötern? So sehr sie die Herausforderung lieben, die ein Auftritt im „Tir Na Nog“ birgt, so gern würden Andi, Frank und Selin öfter auf Festivals spielen. Vorausgesetzt, die Veranstalter sind offen genug, dem Leadsänger und seiner ganz eigenen Sicht von der Welt eine Bühne zu bieten. „Und wenn wir es dann schaffen, im Publikum auch nur eine Hand voll verlorener Seelen in Wallung zu bringen“, sagt Andi, „dann ist das ja schon mal mehr als nüscht.“

Von Junes Semmoudi

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