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Regional Neue Dresdner Grafik im Rathaus: zweite Ausstellung des Künstlerbundes zu "Dunkel und Licht"
Nachrichten Kultur Regional Neue Dresdner Grafik im Rathaus: zweite Ausstellung des Künstlerbundes zu "Dunkel und Licht"
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23:41 09.09.2015
Karola Smy: Katzen und Kätzchen, Linolschnitt auf Bütten, 2001. Quelle: Repro: A. Berndt

"Gründung" ist tiefgründig, weil Heckel, Kirchner, Pechstein und Schmidt-Rottluff "zu den Müttern", also an die Wurzeln einer nach ihrem Empfinden allzu glatt veräußerlichten Kunstausübung der Jahrhundertwende drängten, um ihr Kunstwollen neu zu definieren. Der prägende Einfluss der Volkskunst afrikanischer und südost-asiatischer Naturvölker ist bekannt. Die Wiederentdeckung des Holzschnittes führte, zumal im Œuvre von Ernst-Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff, zu Spitzenwerken der deutschen Grafik.

Als diese Auguren Dresden verließen, blieb die Druckgrafik, neben dem Holzschnitt auch im Flach- und Tiefdruck, weiter dominant. Es mag genügen, die Namen Felixmüller, Dix und Rudolph zu nennen, die eine Fortsetzung über Joseph Hegenbarth, Hans-Theo Richter, Gerhard Kettner und Werner Wittig oder Claus Weidensdorfer bis in unsere Tage generierten. All ihr Tun nutzte die demokratische Tugend der Grafik, um Bildbotschaften wirkungsseitig zu vervielfachen. Denkt man an die ASSO, konnte das sogar Agit-Prop auf höchstem Niveau sein.

Inwieweit die von einer Jury der Ausstellungsgruppe getroffene Wahl von 27 KünstlerInnen mit 35 Grafiken und Fotoarbeiten aus rund 40 Bewerbern diesen Ruhm der Dresdener Szene mehren kann, möge der kundige Betrachter entscheiden. Als erstaunlich ist zunächst anzumerken, dass in der Druckgrafik bei 18 Ausstellern die traditionellen Handdruckverfahren vorwalten, was allerdings klassische Methoden wie Serigrafie, Offsetlithografie, Laserprint oder Druckkombinationen etc. ausschließt. Lediglich Gerhard Deke vertritt mit seinem Pigmentdruck neueste technische Möglichkeiten, allerdings auf höchstem Niveau. Den Rest der Beteiligten bildet eine respektable Flanke Fotografie.

Die Angst des Grafikers vorm Druck

Dass die Farbe in beiden Medien praktisch keine Rolle spielt, mag am Thema der Ausstellung liegen, wo "Dunkel und Licht" gern verflachend mit "Hell und Dunkel" gleichgesetzt und damit eventuell auch inhaltlicher Aspekte entledigt werden kann. Kurze Statements drücken die Vorliebe fürs Optische auch verbal aus, wobei allgemein die Tendenz zum Düster-Pessimistischen natürlich auch aktuelle Zeitgefühle reflektieren könnte. Hartmut Trache benennt in einem kurzen Statement zu seiner Arbeit auch die Urangst des Grafikers vor dem Druck: "Es bleibt immer ein spannender Augenblick, wenn man den ersten Abzug aus der Presse holt. Denn der Druck auf weißem Papier unterliegt anderen Gesetzen als die Arbeit an der Platte."

Andrea Türke trifft bei ihren beiden Fensterbildern aus der Leipziger Straße 99 mit "Heller Tag" und "Nachts bei abnehmendem Mond", Steindrucke von 1996, auf elementare Weise sowohl die optische, als auch die inhaltliche Seite des Themas. Ein Blatt wie Kerstin Franke-Gneuss' "oberhalb" (Radierung 2014) macht dagegen allein durch seine grafische Wucht weitere Fragen überflüssig. Wenn Moni West mit "Dämon" (Lithografie 2014) eine Zukunftsgefahr darstellt, ist gut zu wissen, dass sie mit ihrem "Mikrobischen Realismus" in Protozoen, Urbakterien, Viren etc. vermutlich mit Recht die eigentliche Bedrohung der Menschheit sieht. Von ähnlichem Impetus, wenn auch ohne Globalbezug, ist Karen Weinerts "Kreuz" (Foto 1999/2000), das eine simple Architektur, hellweiß-drohend vor schwarzem Himmel überspannt - ein Damokles-Schwert anderer Art.

Die meisten Arbeiten bleiben am Gegenstand, so Heike Wadewitz mit drei stimmungsvoll radierten Porträts, Isabell Kirmse mit der skurrilen Aquatinta "Im Gegenlicht" oder Konstanze Hohaus in "Wiederaufbau" mit Frauenkirche und Luther-Denkmal von attraktiv gemaserter Holzplatte (2014). Matthias Schroller gelingt mit "Verheißung" (Holzschnitt 2013) ein elementares Hoffnungszeichen. Wenn Nadja Poppe etwas erfindet, nämlich eine Napografie mit schichtweiser Verwendung von Blaupapier, kommt wie in "Haus am Bahndamm" (2010) immer Ansehnliches heraus. Ob die Technik Schule macht, muss sich freilich noch zeigen. Frank Hoffmann setzt seiner reizvoll verrätselten Algrafie noch eins drauf, indem er den nichtssagenden aller Titel auch noch ins Englische überträgt. Aber das ist vielleicht bereits eine Marktfrage.

Fotografie ist ebenbürtig vertreten

Wichtig ist, wie Wolfgang Smy in einem Linoldruck auf Leinen von 1996 deutlich werden lässt, dass sich aus den gleichen randständigen Nemos im Dunkeln auch "Die Mannschaft" rekrutiert, die im Licht steht und wohl nun das Sagen hat. Katrin Süss verdient wie Wolfgang Smy allein schon dafür Dank, Farbe ins Spiel gebracht zu haben. Texte von Friedrich Nietzsche zum "Ring des Nibelungen" erfüllen die für die Künstlerin charakteristische Kreisform in Schallplatten-Anmutung (Wagner dahinter?) mit einer delikaten Farbigkeit von Schwarz-Weiß-Rot und seien für stille Andacht empfohlen-

Die Fotografie ist - gottseidank mit Schwarz-Weiß-Fotos - qualitativ ebenbürtig vertreten. Das gilt für Constanze Böckmann, Franz Zadnicek und Peter Zimolong ebenso wie für Luc Saalfeld, der mit einem Triptychon zu den archäologischen Grabungen am Berliner Stadtschloss von 2011/12 zeigt, wie auch auf diese Weise Licht ins Dunkel (der Vergangenheit) zu bringen ist. Gabriele Seitz porträtierte 2014 mit Agathe Böttcher eine Dresdner Künstlerlegende mit ihrem Foto, das ein bedeutendes Leben reflektiert. Wolfgang H Scholz zeigt in "Destierro del paraiso" Nr. 6, einer Digitalfotografie von 2011, ein beklemmendes Bau- und Wurzelinterieur, aus welchem man nur fliehen möchte, sofern das die vorhandene Öffnung überhaupt zulässt, was bei der "Vertreibung aus dem Paradies" seinerzeit klare Sache gewesen ist.

Mit modernster Technik ist Gerhard Deke - nach Wolfgang E. Herbst Silesius der Älteste - singulär in dieser Runde. "Lichtwerk" heißt sein Tintenstrahl-Pigmentdruck von 2007. Ein vielfach gekreuztes Lattenbündel taucht aus dem Wasser - gleißend hell, fast geisterhaft - auf und verliert sich nach oben im Dunkel. In faszinierender Verschränkung von vermeintlicher Gegenständlichkeit und Abstraktion entsteht so ein grafisches Gleichnis aus Werden und Vergehen.

Vorstehendes hat hoffentlich glaubhaft gemacht, dass - auch mit den ebenso professionellen Stücken der heute nicht eigens erwähnten KünstlerInnen - den Betrachter eine gerade in ihrer Verschiedenartigkeit reiche und interessante Werksuite empfängt, der die Galerie 2. Stock eine optimale Räumlichkeit bietet. Die Ausstellungsgruppe hat das wiederum exzellent präsentiert, so dass Grafik und Fotografie in Zwiesprache geraten und sich wechselseitig steigern. Damit entsteht am zentralen Ausstellungsort der Stadt auch für Bürgerinnen und Bürger, die nicht eigens um der Kunst willen das Rathaus aufsuchen, wieder die Möglichkeit einer spannenden Begegnung mit ihr.

bis 30. April, Galerie 2. Stock, Neues Rathaus, Dr. Wilhelm Külz-Ring 19, geöffnet werktags 9-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.03.2015

Jürgen Schieferdecker

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