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Regional Neue CD der Dresdner Philharmonie
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18:57 25.09.2018
Michael Sanderling Quelle: Foto: Nikolaj Lund
Dresden

Die „Ode an die Freude“ – letztlich wird damit meist die komplette 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven bezeichnet, obwohl dem eigentlichen Vokalsatz ja drei Instrumentalsätze vorausgehen – ist ein Ewigkeitsklassiker und zumeist mit Feierlichkeiten von Saisoneröffnung über Silvester bis Mauerfall verbunden, mal mehr, mal weniger dem Werk oder Ereignis ergeben. Fast immer aber gilt es aufzumerken, wenn dieses Stück auf dem Programm steht, denn es ist ohne ernsthaftes Befassen mit der Materie eigentlich undenkbar – was aber eigentlich für jede Musik eine würdevolle Haltung darstellt, im Hören wie im Spielen. Nun wurde mit der 9. Sinfonie und einigen anderen Werken der Kulturpalast in Dresden Ende April 2017 wiedereröffnet, und die Aufnahme entstand im Zuge der Feierlichkeiten. Es spricht eben genau für die eben genannte Aufrichtigkeit des Tuns, dass die Philharmonie daraus nicht eine Sonderausgabe „Kulti-Eröffnung“ mit Banderole macht, sondern die „Neunte“ selbstverständlich in den im Fluss begriffenen Aufnahmezyklus einreiht.

Grandioses Tempogefühl

Die Sensation ist eigentlich die Gegenüberstellung mit der 13. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, ein sicher auch in der Aufnahmehistorie der Beethoven-Sinfonie erstmaliges Unterfangen. Die Kopplung ist als unbedingte Aufforderung an den Hörer zu sehen, es bitte auch im heimischen Ohrensessel nicht bei Schillers freundlichen Worten zu belassen. Mit den unfassbaren Ereignissen von „Babi Jar“ – einer Schlucht in der Ukraine, wo eines der größten Massaker des Zweiten Weltkrieges verübt wurde – samt der dichterischen Reflexion durch Jewgeni Jewtuschenko in den bedrückend-berührenden Klängen von Dmitri Schostakowitsch ist eine Ebene erreicht, wo eine eindimensionale Deutung von Freude und Freiheit ohnehin nicht mehr funktioniert. Die Menschheit ist zwischen der Entstehung der beiden Werke, also etwa zwischen 1824 und 1962, in ihrem Freuden- und Schreckenvorrücken Dimensionen begegnet, wo eine Chorsinfonie maximal noch einen mahnenden Kommentar liefern kann. Das kann auch Bissigkeit und Überzeichnung beinhalten, wie etwa im 2. Satz „Der Witz“ der Schostakowisch-Sinfonie, die im Gegensatz zu Beethoven komplett vokalsinfonisch erdacht und umgesetzt ist.

Diesen Satz musiziert Michael Sanderling am Pult der Dresdner Philharmoniker mit grandiosem Tempogefühl, während er für die anderen, überwiegend langsamen Sätze bedächtig agiert. Das ist aber bei dieser Sinfonie kein Manko, denn der mit diesem Stück besonders vertraute Solist Mikhail Petrenko gestaltet die von Schostakowitsch eigentlich nur mit wenigen gestalterischen Hinweisen ausgestattete Solopartie überragend, fast melodramatisch die jeweilige Geschichte auskostend. Der estnische Männerchor steht dieser Leistung in nichts nach, die Dresdner Philharmonie ist in allen Stimmgruppen sorgsam ausbalanciert, was Schärfe und Prägnanz ebenso beinhaltet. Erwähnenswert ist neben der durchweg überzeugenden solistischen Stärke der Bläser die besondere Auskostung der (Guss-) Glockenfarben im Schlagwerk anstelle des üblichen, aber für dieses Stück zu flachen Röhrenglockenidioms. Sanderling gelingt es, die unterschiedlichen Nuancen der Sinfonie in der Ebene der Poesie zu behalten und damit im einzig erträglichen Interpretationsraum, der nach dem Grauen schildernden 1. Satz noch möglich ist, aber eben auch von Schostakowitsch eingeschlagen wurde, der in der Sinfonie noch weitere große Bilder entfaltet.

Keine Stars und Sternchen

Vielleicht hat dieser Ernst auch die Interpretation der 9. Sinfonie von Beethoven beeinflusst. Fast mit Understatement geht Sanderling an die einzelnen Sätze heran und anstelle von zu manieriertem Deutungswillen zeigt er die Musik an einigen Stellen so „nackt“, dass plötzlich das eigentlich moderne Element dieses genial-unsteten, mit allen Konventionen kollidierenden Raumschiffs der „Neunten“ zu Tage tritt – und das liegt vor allem in den auf dem Notenpapier eigentlich unscheinbaren Passagen von Rhythmus und permanenter Verdichtung. Einige Untiefen hat die Sinfonie dennoch, und man wundert sich über einen sehr undeutlichen ersten Akkord im 4. Satz ebenso wie über die vor allem im 1. Satz in der Dynamik zu forschen Holzbläser, wo doch eigentlich die Kontraste mit echtem Piano viel spannender gewesen wären. Das alles wendet sich in großen Genuss, wenn die Celli und Bässe im Finale ihren Gesang beginnen und später der unnachahmlich gute MDR Rundfunkchor (Einstudierung Michael Gläser) hinzutritt. Das sehr ordentlich singende Solistenquartett mit Vera-Lotte Böcker, Kristina Stanek, Bernhard Berchtold und Torben Jürgens wird nicht wirklich erinnert werden, da im Booklet wieder einmal Biografien fehlen, deswegen sei hier wenigstens lobenswert erwähnt, dass einmal nicht auf Stars und Sternchen zurückgegriffen wurde, sondern ein Quartett aus vier jungen Sängertalenten eine ansprechende Leistung beisteuert.

Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling: Ludwig van Beethoven: 9. Sinfonie d-Moll, Opus 125

Dmitri Schostakowitsch: 13. Sinfonie b-Moll, Opus 13 „Babi Yar“

2 CDs, Sony Classical

Von Alexander Keuk

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