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Regional Neue Ausstellung zum Schokoladenmädchen
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19:19 27.09.2018
Jean-Etienne Liotards „Schokoladenmädchen“ ist eins der bekanntesten Dresdner Bilder. Nun hat es in den Alten Meistern eine eigene Ausstellung. Quelle: Fotos (2): Anja Schneider
Dresden

Man nannte sie „Stubenmensch“. Von ihnen existierten um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Wien etwa 50000. Gemeint waren die aus einfachen Verhältnissen stammenden Stubenmädchen, zu deren Obliegenheiten es gehörte, ihrer adeligen Herrschaft das Frühstück zu bringen. Dieses konnte dazumal durchaus, handelte es sich doch um etwas äußerst Exklusives, ähnlich dem Kaffee oder dem Tee, aus einer mit Gewürzen versetzten, dickflüssigen Schokolade bestehen, die in kostbarem Porzellan, begleitet von einem Glas Wasser, serviert wurde.

„Das schönste Pastell, das man je gesehen hat“

Ein solches Wiener „Stubenmensch“ hat der von Hugenotten abstammende, in der Schweiz aufgewachsene Jean-Etienne Liotard (1702–1789) um 1744 auf kunstvollste Weise mit Pastellkreide festgehalten. Die für ihre Pastelle berühmte Rosalba Carriera pries in der Folge nicht von ungefähr dieses Werk als „das schönste Pastell, das man je gesehen hat“. Und auch fortan hat dieser Feststellung im Angesicht des „Schokoladenmädchen(s)“ wohl kaum jemand widersprochen.

Der besondere Reiz der großen Pastellmalerei muss auch den als Kunstagenten Augusts III. agierenden Grafen Algarotti ergriffen haben, als er 1745 in Venedig die „Chocolatière“ direkt vom Künstler für das Dresdner Pastellkabinett ankaufte. Denn es war zum einen dazumal nicht so üblich, zeitgenössische Kunst für eine königliche Gemäldesammlung zu erwerben, und noch weniger üblich, das Bild einer Person einfachen Standes dort zu platzieren. Algarotti und später August III. haben wohl ebenso wie heutige Betrachter die über die Entstehungszeit hinausweisende Darstellung erspürt, die das „Stubenmensch“ zu einer überzeitlich wirkenden Figur macht.

Nicht zufällig verwies Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bei der gestrigen Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der neuen Ausstellung der Gemäldegalerie Alte Meister, die unter dem Motto „Das schönste Pastell, das man je gesehen hat“ steht, auf die „Modernität“ des Werkes. Sie bezog sie auf das alles Anekdotischen bare Motiv, aber auch auf das Realistische der Darstellung, das der Zeit voraus war. Ähnlich äußerte sich Galeriedirektor Stephan Koja, der zudem die das Bild umgebende „Aura des Geheimnisvollen“ hervorhob.

Ein Bart als Hinweis

Letztere wird auf andere Art und Weise womöglich noch verstärkt, wenn fortan zarter Schokoladenduft den als Gobelinsaal bekannten Raum mit seinen Nebenkabinetten durchzieht. Hier sind um das zu den Hauptwerken der Galerie zählende „Schokoladenmädchen“ etwa 100 Werke platziert, darunter 40 Pastelle, Ölgemälde, Zeichnungen und Grafiken von Jean-Etienne Liotard selbst. Zu diesen gehören auch zahlreiche Selbstbildnisse. Auffällig: der meist getragene lange Bart, der Hinweis auf einen Vielreisenden ist und zugleich einen begnadeten Selbstinszenierer, trat Liotard doch nach Aufenthalten im Osmanischen Reich und im Fürstentum Moldau lange als „türkischer Maler“ in Erscheinung, was durchaus gut zur „Türkenmode“ jener Zeit passte. Denn auch die von ihm mehrfach porträtierte Maria Theresia zeigte sich in türkischen Kostümen. Dieser Vorstoß bis in höchste Kreise Wiens war keineswegs der einzige. Dies gelang ihm auch in London und anderswo.

Wenn Liotard auch nicht Eingang in eine Akademie fand, seinen Lebensunterhalt konnte er wohl mehr als gut bestreiten. Darauf weist auch sein Hausstand im damaligen Genf hin, wo er in späteren Jahren mit Frau und Kindern lebte – in dieser Zeit länger übrigens ohne Bart. Mit solchem hatte er sich auch auf dem bekannten Pastell dargestellt, das zum Bestand der Galerie gehört und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

Umfangreiches Begleitprogramm

Ein weiterer Schwerpunkt der Schau sind die vielen Reproduktionen, seien es Grafiken, später auch Fotografien, ja sogar Briefmarken, die zur Verbreitung des Schokoladenmädchen-Motivs durch die Zeiten und über geografische Entfernungen beigetragen haben. Über den direkten Bezug auf den Künstler hinaus geht das eingerichtete Pastellkabinett, das von Hängung und Inhalt an jenes von August III. im Johanneum erinnert. Dem beigeordnet ist Informierendes zur Pastellmalerei, die man übrigens in Ansätzen während Veranstaltungen des umfangreichen Begleitprogramms auch selbst erlernen kann. Die keineswegs auf Vollständigkeit abzielende Beschreibung der Schau soll nicht enden, ohne dass die zahlreichen Vitrinen mit Porzellanen, Emaillepretiosen und anderen Kostbarkeiten erwähnt werden, ebenso die Medienstationen, ein Film sowie ein Verkaufsstand direkt in der Ausstellung mit Vielem, auf das Thema Bezogene. Dass die Ausstellung so gezeigt werden kann, ist nicht zuletzt 40 Leihgaben aus Museen zwischen Genf und Los Angeles sowie aus Privatbesitz zu verdanken. Beteiligt sind ebenso zehn Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Finanzielle Unterstützung kam in bewährter Weise von der Sparkassen Finanzgruppe.

Die gestrige Pressekonferenz war zudem guter Anlass für einige Neuigkeiten zur Sempergalerie: Bevor diese am 16. Juni 2019 schließt, wird laut Stephan Koja noch eine Anton-Graff-Ausstellung stattfinden. Für die Zeit bis zur nun für den 7. Dezember 2019 geplanten Neueröffnung ist zwischen dem 3. Juli und dem 3. November 2019 eine Präsentation von Hauptwerken der Gemäldegalerie Alte Meister vorgesehen. Nach der Neueröffnung, im Frühjahr 2020, wird dann die bereits angekündigte Sonderschau zu den Bildteppichen Raffaels gezeigt werden.

bis 6. Januar 2019, geöffnet tägl. 10 bis 18 Uhr (Mo geschlossen)

Katalog 34,90 Euro

zum umfangreichen Begleitprogramm und weiteren Veranstaltungen siehe Flyer oder die Homepage des Museums

Information und Anmeldung von Führungen: besucherservice@skd.museum oder

Tel. 0351/49142000

www.skd.museum

Von Lisa Werner-Art

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