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Nancy Aris in Dresden ihren Roman „Dattans Erbe“ vor

Auf Spurensuche in der „Beherrscherin des Ostens“ Nancy Aris in Dresden ihren Roman „Dattans Erbe“ vor

Namensschilder? Gibt es nicht in russischen Wohnblocks, weder an Türen noch Briefkästen. Nur Nummern. Und in den Hausfluren riecht es meist streng. Nach dem Müllschlucker, nach Katzenpisse, nach Moder. Ist das Licht gnädig, weil mal wieder eine Lampe fehlt, dann sieht man wenigstens nicht die Schäbigkeit des Flurs...

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Nancy Aris

Quelle: leo aris

Dresden.

Wer nun glaubt, Aris betreibe Russland-„Bashing“, der irrt. Die Autorin, geboren 1970 in (Ost-)Berlin, ist Russland tief verbunden, kennt Land und Leute. Hatte sie in der Schule Russisch eingestandenermaßen noch als „schrecklich empfunden“, studierte sie Anfang der 90er-Jahre Russistik und Neueste Geschichte, an der Humboldt-Universität wie auch in Moskau. Wladiwostok, das russische Tor zum Osten, das als Stützpunkt der sowjetischen Pazifikflotte lange Zeit für Ausländer eine „Verbotene Stadt“ war, hat sie 1991 das erste Mal besucht. Im September 2013 – noch hat Putin die Krim nicht besetzen und den Krieg um den Osten der Ukraine vom Zaun brechen lassen – reiste die Historikerin und Autorin, die seit 2003 auch stellvertretende Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen ist, erneut in den fernen Osten. Für ihren Roman „Dattans Erbe“ begab sie sich in der „Beherrscherin des Ostens“ (so die Übersetzung des Namens von Wladiwostok) auf Spurensuche nach Adolph Dattan, dem letzten Geschäftsführer eines einstigen deutschen Handelsimperiums. Als ihre Freunde erfuhren, dass es nach Mal wieder nach Wladiwostok gehe, bekam sie zuhauf Mützen und Schals überreicht, wurden ihr dicke Jacken empfohlen – dabei liegt Wladiwostok auf der Höhe von Venedig, noch im Herbst sei es warm gewesen, ließ Aris die Zuhörer wissen.

„Dattans Erbe“ von Nancy Aris

„Dattans Erbe“ von Nancy Aris.

Quelle: Mitteldeutscher Verlag

Im Zentrum der Handlung steht Historikerin Anna Stehr. Sie hat den Auftrag erhalten, das Tagebuch Dattans zu finden. Dieser hatte, aus Naumburg zugewandert, in Wladiwostok zu zaristischen Zeiten zunächst als Buchhalter beim von Gustav Kunst und Gustav Albers gegründeten Kaufhaus Kunst & Albers gearbeitet, sich dann ein regelrechtes Firmenimperium aufgebaut, inklusive eigenen Bankhauses, Schifffahrtslinie und E-Werk. Aber der kometenhafte Aufstieg endet mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Dattan wird, obwohl längst russischer Staatsbürger, der sich als Forschungsstifter und Kunstmäzen ums sich als undankbar erweisenden neue Vaterland verdient gemacht hat, als feindlicher Ausländer aufs Land in der Umgebung von Tomsk verbannt. Den Rest besorgen dann die Kommunisten, auch wenn es seine Zeit dauerte, bis die bolschewistische Revolution auch in Wladiwostok ankam, wie Aris bei der Lesung wissen ließ.

Ins Räderwerk der Weltpolitik geraten, kehrte Dattan als gebrochener Mann nach Naumburg zurück. Ein Jahrhundert später hofft sein Enkel, im Tagebuch die Gründe für die Verbannung zu finden. Die des Russischen mächtige Stehr geht für ihn auf Spurensuche, doch ihre Reise ist heikel. Die angemietete Wohnung entpuppt sich als Autoschmugglertreff, die Vormieterin scheint spurlos verschwunden. Im Archiv lässt man sie schmoren, Annas anfängliche Gegenspielerin ist die Archivarin Ludmilla, die Anna vorwirft, ihre fehle die „Demut vor dem Dokument“. Mit geradezu stalinistischer Bestimmtheit will dieser „Archiv-Kapo“ Anna diese Demut beibringen, auch weil sie zunächst in ihr eine von jenen Leuten auszumachen glaubt, „die immer auf schnelle Antworten, auf einfache Wahrheiten aus sind“. Aber letztlich merkt Ludmilla, dass Anna diese Demut längst hat, eine Auseinandersetzung erweist sich da als klärendes, zur gegenseitigen Annäherung führendes Gewitter. Nach drei Monaten verlässt Anna Wladiwostok. Ohne Tagebuch, aber mit einer Spur, die nach Naumburg führt.

Aris hat kein Sachbuch, sondern einen Roman geschrieben, erzählt vom zaristischen Russland, vom Ende der Sowjetunion und durchaus von der russischen Gegenwart unter dem Autokraten Putin. Der Roman zeigt, wie widersprüchlich ein Eintauchen in Vergangenes sein kann und wie beschränkt und brüchig scheinbar gesicherte historische Erkenntnis ist.

Von Christian Ruf

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