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"Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe" nach Gorki zum Festivalauftakt "szene: Baltikum" in Hellerau

"Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe" nach Gorki zum Festivalauftakt "szene: Baltikum" in Hellerau

Wenn litauisches Theater angekündigt ist, kann man absolut darauf gespannt sein. Entsprechende Gastspiele haben sich bestens eingeprägt. Zum Beispiel "Die drei Schwestern" in der Regie von Eimuntas Nekrosius 1996 zu Theater der Welt in Dresden.

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Einer aus der Garde der Gescheiterten im "Nachtasyl": Darius Gumauskas.

Quelle: D. Matvetjev

Oder diese unglaubliche "Sommernachtstraum"-Inszenierung von Oskaras Koršunovas 2001 zur euro-scene Leipzig als Bewegungstheater. Und überhaupt hat die euro-scene seit 1997 von diesem international erfolgreichen Regisseur schon mehrere Produktionen vorgestellt, bleibt ihm und seinem 1999 gegründeten unabhängigen Theater weiter treu.

Am Wochenende gastierte zur Festivaleröffnung "szene: Baltikum" das Oskaras Koršunovas/Vilnius City Theater mit einer Deutschen Erstaufführung justament im Festspielhaus Hellerau. Grund dafür ist, dass das Societaetstheater, das in den zurückliegenden Jahren mit viel Engagement die "szene: Europa" in den Blickpunkt rückte, nun sein umsorgtes, gewachsenes Festival gemeinsam mit Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden veranstaltet. Dabei liegen die Vorteile für beide Seiten auf der Hand, und das Publikum im Festspielhaus weiß das offenbar zu schätzen. Sowohl in Hinblick auf die hinzu gewonnenen Platzkapazitäten wie auch auf die speziellen Qualitäten.

Das hat sich bei den beiden Vorstellungen von "Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe" nach Maxim Gorki deutlich beim Applaus gezeigt. Zumal der große Saal - auch, wenn das widersprüchlich klingen mag - genau jenes zulässt, was diese Aufführung verlangt: die Nähe von Darstellern und Zuschauern. Dafür allerdings ist der eh variabel zu handhabende Bühnenraum komplett mit einer Wand "verstellt", und die "Nutzer" des Nachtasyls haben davor an einer langen Tafel unmittelbar im Blickkontakt mit dem Publikum Platz genommen.

Soweit sich das so überhaupt sagen lässt. Sie beäugen eher träge das Gegenüber, hängen ab auf ihren Stühlen. Und das immer in Greifweite der Gläser, die sich stets und zunehmend mit glasklarem Inhalt füllen. Ob nun Wasser oder Wodka, Klarheit oder Wahrheit - wer weiß das ganz genau. Und bald ist ersichtlich, dass diese litauische Lesart eine eigenwillige Abwandlung des 1901 entstandenen Originaltextes ist. Erhalten aber bleibt die ausweglose Grundsituation vom ewiglichen Scheitern, und das ohne wahre Hoffnung und Ermutigung. Zwar erinnern sich noch jene, die da mit gestutzten, zerschlissenen, verkrüppelten Flügeln und Seelen am Boden haften, an den guten Alten (Luka) im Nachtasyl, aber der tritt hier nicht leibhaftig auf. Und es hat sich seitdem auch nichts verändert. Sie darben dahin in ihrem Elendsquartier, schlagen und vertragen sich, und die Anzahl der inzwischen geleerten Flaschen, voll hervorgezaubert unter dem langen Tisch, wird immer größer. Es ist ein Gelage, eine Seelenschau, Verbrüderung, Rauferei, es gibt Abstoßendes, Anziehendes, Wutausbrüche, Sticheleien, Nachdenkliches, Verzweifeltes.

Deutlich assoziiert das Szenario von Koršunovas, dass Zuschauende wie Dargestellte mehr oder weniger im gleichen Boot sitzen. Und jeder kann dahin geraten, wo es ihm so schlecht geht. Wie aber soll er sich aus einer solchen Situation befreien können? Wenn das Schiff kopfüber ziellos umhertreibt, sich kein Land zeigt, um anzulegen, schäumende Träume verlacht werden, jegliches Selbstwertgefühl erloschen ist? Die hervorragenden Schauspieler, zunächst scheinbar unbeteiligt, als würden sie dem Publikum quasi als Studienobjekte vorgeführt, steigern sich immer mehr in ihre Rollen und Geschichten. Und es ist ein Fabulieren, ein Jammern, Fluchen und Frohlocken auf hohem Niveau. Da ist überhaupt jeder für sich ein Engelchen. Wie wir anderen auch. Wer wollte das bestreiten? Dazu Novalis: "Tadle nichts Menschliches. Alles ist gut, nur nicht immer, nur nicht überall, nur nicht für alle."

Auffällig ist, dass die Akteure über das Theatermaß hinaus höchst authentisch wirken. Und letztlich ist man fast verwundert, wie überraschend nüchtern sie zum Schluss den Beifall entgegennehmen. Das erinnert an eine Schiffssause, wenn ein fröhlich Trunkener mit vollen Gläsern die seitlichen Treppen schwankend erstürmt, um den Zuschauern etwas "Klares" zu kredenzen. Oder die Träumerin dem Auserwählten im Publikum, obwohl er doch kein Student ist, beim Hinausgehen schnell noch einen Zettel zusteckt. Pralles Theater! Gabriele Gorgas

Festivalprogramm: www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2012

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