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Nachruf: Zum Tode des Dresdner Malers Siegfried Adam

Nachruf: Zum Tode des Dresdner Malers Siegfried Adam

Siegfried Adam zählt mit seinem reifen Werk zu Dresdens wichtigen Künstlergrößen. Ihm, der ähnlich dem "schwankenden Boot", einer Arbeit aus dem Jahr 2004, im Leben auf- und abgestiegen ist, war die Kunst immer wieder bis zuletzt der Strohhalm, an dem er sich in Krisen festhielt und an dem er das Terrain der Kunstausübung zäh und lustvoll durchschwamm.

Gestern ist der 1943 in Dohna geborene Künstler nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

Adam war ein Kind dieser stark beschädigten Stadt, wie sein großer Malerkollege und Freund Siegfried Klotz. Mit ihm teilte er wie mit anderen Künstlern den schweren Anfang nach 1945. Aber auch die Lust und die Abenteuer hoffnungsvoll beginnenden Aufschwungs danach. Siegfried Adam war kein Kind von Traurigkeit. Wie er selbst von sich sagte, war die Kindheit trotz bedrückender Zeit glücklich und ein fantasievolles Begegnen mit der Natur.

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler studierte Siegfried Adam Malerei und Grafik an der HfBK Dresden bei Gerhard Kettner, Günter Horlbeck und Paul Michaelis. Zwischen 1989 und 1998 bevorzugte der Maler meist vertikale Kompositionen, mit tiefem Blau und gischtig-gleißendem Weiß durchfurcht. Landschaften imaginärer Kälte, wie er sie anregender Weise bei seinen Nordlandfahrten fand. Stalagmitische Formen, Eis, erstarrte Wälder, aber auch städtische Reminiszenzen an infernalische Tage im Februar 1945. Manches davon erinnert an Dantes Jenseitsreise in die Eisstarre der tiefsten Hölle, wo der Wanderer den schattenlosen Seelen begegnet.

Die Zunahme des Kubischen in seiner Malerei, das sich nach und nach einstellte, angeregt durch Türme und Tore, wohl aber auch durch die barocken Formen sächsischer Baukunst, ist mit etwas Fantasie wiedererkennbar, Abstraktionen von den Bögen und Wölbungen des Zwingers und des Schlosses oder auch der nahen natürlichen Sandsteinlandschaften mit ihren bizarren Übergängen. Seit 1998 kommen wieder wärmere Töne ins Spiel, ein Gelb steht da oft vermittelnd, und das Blau ist gedämpfter, untermischt mit anderen Tönungen, vor allem Violett. Unverkrampft baute er Kuben und dachartige Formen ineinander zu imaginären Räumen, in denen sich immer mehr Sehnsucht und Lust vereinen und eine geheimer Zauber verborgen ist. Wände und Mauern werden durchbrochen, verschachtelt zu seltsamen, bühnenartigen Innenräumen mit großer Tiefe und Strenge. Das Spiel mit dem Bildcharakter, das Schöpfen und Weitertragen von Ideen war seitdem für Adams Malerei und Grafik typisch.

Wesentlich für Siegfried Adam wurde die Frottage, die er auf einer Reise nach Paris kurz vor der Wende für sich entdeckte. Erfinderisch und sparsam, wie er war, verkaufte er sie gleich vor Ort an Touristen, um sich seine schmale Reisekasse aufzubessern. Im Nachhinein entstanden auch in Dresden immer wieder Abriebe von Armaturen, Abdeckungen und Schleusendeckeln, gleichermaßen als experimentell bearbeitetes Dokument alter Industriegeschichte, das er anschließend malerisch behandelte. Auch der spielerische Umgang mit alten Arbeiten, die er lustvoll colorierte, erweiterte sein Repertoire. Bizarre, spitzige Turmstaffelungen oder zerbrochene Formen kehrten dabei immer wieder. Sie bildeten die intimere Form der übermalten Grafik. Monotypien, Lithos oder Radierungen aus den 80er Jahren, einst verworfen oder zur Seite gelegt, waren zuletzt Grundlage für zahlreiche Übermalungen und mit dem paint marker stark konturierte, mit weißen, roten und blauen Linien akzentuierte Formumschreibungen. In seinen obskuren, erotischen Landschaften werden die runden Formen des Weiblichen mit phallischen Elementen verschwistert. Die in kubinesken Räumen verschachtelten Menschentorsi stehen verloren und vereinzelt ohne merkliche Interaktion. Zwischen hell leuchtenden Flächen liegt eine zerbrochene Architektur. Stein und Mensch verwachsen miteinander wie in einer Vision, die aus großer Einsamkeit und Verlorenheit kommt.

Gerade in letzter Zeit hatte der lebenslustige Künstler seine seelischen Qualen und Ängste angesichts schwerer Erkrankung auf das Papier verbannt, um sich von ihnen zu befreien. Eine der Arbeiten trug den Titel "Nirvana". Vielleicht war das buddhistische Synonym für Überwindung, Übergang und Ausgang aus der Welt bereits ein unbewusstes Vorwegnehmen der eigenen schmerzhaft empfundenen Endlichkeit und seiner Grenzen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.02.2012

Heinz Weißflog

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