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Musical mit Musenkuss - Staatsoperette Dresden fasziniert mit "Kiss me, Kate"

Musical mit Musenkuss - Staatsoperette Dresden fasziniert mit "Kiss me, Kate"

In der Staatsoperette Dresden wurden Ohrwürmer verteilt. Wohl kaum ein Gast der Premiere oder der ersten Folgeaufführung verließ das Haus in Leuben ohne den Melodiebogen "Schlag nach bei Shakespeare" im Kopf.

Damit sowie mit manch anderen eingängigen Songs garniert ist das Musical "Kiss me, Kate", das nach eineinhalb Jahrzehnten Abstinenz nun wieder in Dresden Fuß fasst. Wenig Vision gehört dazu, diese Neuinszenierung als künftigen Publikumsrenner zu prognostizieren.

Es ist ein Erfolgsstück, natürlich, das auf einem Erfolgsstück basiert. Cole Porter schrieb "Kiss me, Kate" bekanntlich als Theater im Theater. Er arrangierte seinen 1948 am Broadway uraufgeführten Renner doppelbödig um Shakes- peares Komödie "Der Widerspenstigen Zähmung". Eine in mehrfacher Hinsicht gebeutelte Theatertruppe probt an diesem Stück, und just die widerspenstige Titelheldin Katharina (Kate) wird im Musical von Lilli Vanessi gegeben, die sich ihrem untreu-treuen Ex-Mann Fred Graham als furioser Racheengel auch auf offener Bühne zu erwehren hat. Widerspenstigkeit in Potenz sozusagen. Dass Fred, der zugleich als Regisseur und Hauptdarsteller Petruchio agiert, fälschlicherweise noch ein offener Schuldschein aus verbotenem Glücksspiel untergeschoben wird, macht die Sache für ihn nicht leichter.

Zumal die Finanzierung seines Stücks von einem Produzenten mit präsidia- ler Nähe zum Weißen Haus abhängt, der davon überzeugt ist, Lilli schon bald auf einer grandiosen Party zu heira- ten. Und die Spielschuld obendrein von zwei Ganoven eingetrieben werden soll.

Sämtliche Ingredienzen eines packenden Stückes sind also gegeben, Cole Porter schrieb mitreißende Musik dazu, mit klugem Sinn für Dramaturgie und Dramatik wurden Nummern wie "Wunderbar", "So verliebt", "Bianca" oder "Es ist viel zu heiß" so arrangiert, dass ständig neue Spannungsbögen geknüpft werden, das Verwirrspiel bis an seine Grenzen gerät und sich derbe Komik und wohltemperierte Erotik die Waage halten. Holger Hauer hat das an der Dresdner Staatsoperette frisch und gradlinig inszeniert, das Spiel lebt von der Musik (schmissig mit ganz kleinen Bechschäden) und vom Wort (kalauernd bis bissig), von der den Abend durchziehenden Choreografie sowie von stimmiger Ensemblekunst.

Die Theaterdiven zicken, die Ballettdamen bezaubern, die Herren wollen wie stets nur das Eine, den Ton angeben nämlich, und ordnen sich dafür gern auch mal unter. Genau das verlangt natürlich Kate alias Katharina alias Lilli Vanessi - und Elke Kottmair gibt dieser Figur genau jene Prise unwiderstehlicher Rage, gepaart mit weiblicher Emotion, dass ihr Petruchio alias Fred in Form von Gerd Wiemer gar nicht anders kann, als ihr zu erliegen. Dessen Forderung "Kiss me, Kate" freilich wird erst ganz zum Schluss erfüllt.

Stimmlich zeigt sich die Begehrte in Top-Form, Wiemer überwand einen kurzen Moment des Besorgtseins um sein Organ und brachte den Kampf um Kate, Kunst und Knete heldenhaft zu Ende. Die beiden Ganoven sind mit Dietrich Seydlitz und Elmar Andree vortrefflich besetzt, zwei Paraderollen, die das Doppelbödige von Musical und Komödie noch einmal unterstreichen. Der Spagat von Renaissance und Moderne gelingt auch Bianca alias Ann Lane als ständigem Widerpart mit Nachtklub-Herkunft - von Olivia Delauré glänzend gespielt und gesungen.

Positiv zu werten ist, wie sich das Leubener Ensemble als homogen erweist, da wären noch die kleinsten Rollen als brillant umgesetzt zu nennen. Der auf jegliche Mätzchen verzichtenden Regie spielen die farbenprächtigen Kostüme Armin Werners als Mix aus Revue und Pracht, für die Shakespeare-Nummern ganz und gar passend, entgegen. Nicht minder stimmig die wandelbare Bühne von Christoph Weyers, die sich direkt vom Broadway-Schuppen zum Globe-Theatre verwandeln lässt und rasche Einblicke in die Künstlergarderoben hinter den Kulissen gestattet.

Für durchgehende Energie des hitzigen Abends (beim Stichwort "Viel zu heiß" stöhnt das gesottene Publikum ironisch auf) sorgt Choreograf Christopher Tölle, der sich auf das bestens präparierte Ballett sowie auf die Talente von Chor und Statisterie verlassen darf. Die Ensembles sorgen nämlich ebenso für den fiebrigen Puls des Abends wie das unter Peter Christian Feigel agil aufspielende Orchester.

Aufführungen: 9. Mai, 7./8. Juni

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.04.2012

Michael Ernst

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