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Regional Multikulti in Seide: Tapeten für Schloss Wildenfels
Nachrichten Kultur Regional Multikulti in Seide: Tapeten für Schloss Wildenfels
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20:00 26.02.2018
Die freischaffende Textilrestauratorin Roxana Naumann hat die Applikationen restauriert und erläutert ihre Arbeit. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden/Wildenfels

Diese Geduld! Im Restaurierungsatelier des Landesamtes für Denkmalpflege liegen auf einem Arbeitstisch unansehnliche Tapetenbahnen. Bröseliges Papier ist erkennbar und unter mehreren anderen Schichten ein grobes Leinengewebe. Alles sorgsam mit Folie abgedeckt, denn die hervorschimmernden wenigen Farben sind teilweise arsenhaltig. Auf dem Tisch gegenüber geht es bildhafter zu. Hier präsentiert sich das, was unter den erkennbaren blässlichen Papier- und Malaufträgen verborgen ist und nun zu höchsten Ehren kommt: wertvolle Seidenapplikationen. Für ihre „Wiedergeburt“ braucht es diese in unserer auf Tempo geeichten Zeit beinahe unfassbare Geduld.

Die beiden freien Restauratorinnen Roxana Naumann und Henrike Tuchel kennen sich damit aus. Nach etwa einem Jahr können sie jetzt die Konservierungs- und Restaurierungsarbeit an einer ersten Tapetenbahn abschließen und den Blick freigeben auf eine mit Seidenfäden gestickte multikulturelle Personage. Es handelt sich um historische Wandbespannungen des Chinesischen Kabinetts im nahe Zwickau gelegenen Schloss Wildenfels.

Vor einem halben Jahr wurden die ersten Ergebnisse der mühseligen Freilegung dieser Kostbarkeit der Öffentlichkeit schon einmal präsentiert. Nun wird die Bahn mit ihrer Mischung aus floralen Motiven, asiatischen, afrikanischen und europäisch anmutenden Figuren (Chinoiserien waren mitunter sehr frei aufgefasst) morgen nach Wildenfels zurückkehren und wieder ein Wandsegment des Chinesischen Kabinetts des Mondscheinzimmers schmücken.

Obwohl Seidenapplikationen im 18. und frühen 19. Jahrhundert einmal sehr verbreitet waren, gelten die Tapeten aus Schloss Wildenfels als ausgesprochene Rarität. Nirgends haben sich im deutschsprachigen Raum die Seidengewebe über die Zeitläufte erhalten. Ein fragmentarisches Vergleichsobjekt findet sich nach Angaben von Stefan Reuther, Restaurator im Landesamt für Denkmalpflege, nur in Weikersheim in Baden-Württemberg, allerdings ist es dort eingelagert.

Dieses Schicksal war den jetzt im Ständehaus befindlichen Tapeten auch beschieden. 1987 waren sie nach einem vergeblichen Restaurierungsversuch abgenommen worden und zusammengerollt im Zwickauer Stadtmuseum gelandet. Erst nachdem der ebenfalls mit Seidentapeten versehene Blaue Salon in Schloss Wildenfels 2012 fertig saniert war, erinnerte man sich der „eingemotteten“ Rollen.

Dass diese zu retten seien, daran hatte ursprünglich niemand geglaubt. Waren doch die Stickereien – die Gesichter übrigens sind gemalt – von fünf Schichten Anstrichen und Überklebungen verdeckt. Noch Anfang der 1980er Jahre war eine weitere Papiertapete darauf geklebt worden. Doch vor nunmehr fünf Jahren nahm sich ein Team bestehend aus dem engagierten Förderverein des Schlosses Wildenfels, Vertretern der Hochschule für Bildende Künste Dresden, des Landesamtes für Denkmalpflege, der freien Restauratorinnen und einer Kunstwissenschaftlerin erfolgreich des Projektes Seidenapplikationen an. So reiften Erkenntnisse über mehrmalige Renovierungen im Schloss auch vor 1945, die die Applikation jeweils anders farbig fassten. Von der in Rosé gehaltenen ersten Farbfassung aus der Zeit um 1780 ist jetzt auf der restaurierten Bahn ein Segment zu sehen.

Die Ursprungstechnik der Wandbespannung klingt beinahe abenteuerlich und wenig filigran: grober Leinenstoff auf eine hölzerne Konstruktion genagelt, so genanntes Hadernpapier aufgeklebt, dann zunächst bedruckte Borten und Leimfarbenanstrich, bis Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich die Seidenapplikationen angebracht wurden. Sie stammen vermutlich schon vom Beginn des 18. Jahrhunderts, wie man aus der Literatur weiß, und wurden als feine, gestickte und mit Gold- und Silberlahnfäden verzierte Antiquität in die Wand integriert.

Innerhalb eines Jahres nun sind auch Fehlstellen verschwunden und das ganze Konstrukt so stabilisiert worden, dass es erneut an die Wand gebracht werden kann, was allein schon ein sehr sensibler Akt wird. Für die Untersuchung und Restaurierung dieser ersten Tapetenbahn waren 80 000 Euro notwendig, die aus Spendenmitteln des Fördervereins und Fördermitteln des Freistaates bestritten wurden. Wenn der Verein am 23. März sein 20-jähriges Bestehen begeht, kann er mit Stolz das Chinesische Kabinett vorführen. Der Anfang ist hier gemacht. Weitere Fördermittel sollen beantragt werden, denn der größere Teil der Seidenapplikationen wartet noch auf die Wiedererweckung. Wenn auch das Chinesische Kabinett nicht einmal zehn Quadratmeter misst, gibt es noch viel zu tun.

Schloss Wildenfels mit seiner über 800-jährigen Geschichte lohnt einen Besuch. Der Ursprung liegt vor 1200 in einer Burg, die die Herren von Wildenfels erbauen ließen. Bis 1945 war die Anlage im Besitz der Grafen von Solms-Wildenfels. Am 24. und 25. März kann von 10 bis 18 Uhr auch die restaurierte Tapetenbahn besichtigt werden.

www.schloss-wildenfels.de

Von Genia Bleier

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