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Mopsi, mach Hopsi

Mopsi, mach Hopsi

So ganz ohne Erinnerungen geht es ja doch nicht. Zum Jahreswechsel vor 15 Jahren gab es in der Semperoper eine der denkwürdigsten Premieren der Dresdner Operngeschichte.

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Anna Netrebko in der Titelpartie als "Teufelsweib" Varescu.

Quelle: Matthias Creutziger

Damals wollte Peter Konwitschny mit seiner Inszenierung der Operette "Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán daran erinnern, dass dieses 1915 in Wien uraufgeführte Werk auch wie ein taumelnder Totentanz verstanden werden kann. "Mag die ganze Welt versinken", singen sie im Finale dieses Stückes, das 1914 spielt. Kurz zuvor sangen gerade noch in allerschönster Operettenseligkeit tausend kleine Engel: "Habt euch lieb!"

Diese Operette macht wie kaum eine andere das "Jammertal" zum "Nachtlokal", keine und keiner ihrer windigen Protagonisten auf den morsch gewordenen Brettern, die bestenfalls eine höchst wackelig gewordene Welt bedeuten, kann wissen, "wie lange noch der Globus sich dreht", "ob es morgen vielleicht schon zu spät" ist.

Konwitschny ließ damals die Operette im Lazarett und im Schützengraben spielen, er ließ Leichenteile durch die Luft fliegen und die Diva mit einem kopflosen Soldaten tanzen.

Die Musik, damals wie heute, 1915, 1999, 2014 an der Schwelle zum neuen Jahr, ist die selbe. Zum Spaß soll sie erklingen, das Herz soll sie zum Schweigen bringen. Und dazu passt es wunderbar, wenn jetzt zum Ende dieses nicht gerade unkriegerischen Jahres im Takt geklatscht wird.

Bevor in der Semperoper zum diesjährigen Silvesterkonzert Christian Thielemann an das Pult der Sächsischen Staatskapelle tritt, kommt ein Mann vom ZDF auf die Bühne und lehrt das Publikum zu klatschen, insbesondere wie es zu klatschen habe, wenn der Star des Abends, die russische Sängerin Anna Netrebko, die Bühne betritt. Hat sie das nötig? Oder glaubt dieser Mann vom ZDF allen Ernstes, man wüsste in Dresden nicht, wer Anna Netrebko ist? Befürchtet man gar, es könne nicht klappen mit der Willkommenskultur?

Damals, 1999, hatte die Operette in der Semperoper ein Nachspiel. Jetzt hat sie also ein Vorspiel.

Doch Schwamm drüber. Jetzt nämlich im richtigen, im musikalischen Vorspiel, lässt Thielemann mit den Musikern der Staatskapelle seiner Lust und Liebe an der herrlichen Musik von Emmerich Kálmán freien Lauf.

Für einen solchen Dirigenten, für ein solches Orchester ist Geschwindigkeit keine Hexerei. So wirbelt das Vorspiel zum ersten Akt schwindelerregend dahin. Zu Beginn des zweiten mischen sich Chor und Orchester in sahniger Walzerseligkeit. Wenn wir erfahren, dass die ganze Chose ohne Weiber nicht geht oder dass die "Mädis vom Chantant" die Liebe nicht so tragisch nähmen, dann setzt der Sound des Orchesters noch einen besonderen Akzent.

So klingt Weltflucht. So nimmt diese Operettenutopie ihren Lauf, einen Schnelldurchlauf im Geschwindmarsch, 90 Minuten ohne gesprochene Dialoge und ohne Pause.

Gerade noch hat im Juni 1914 im Budapester Orpheum die Chansonette Sylva Varescu Abschied genommen, es geht auf Tournee, in die USA. Der geliebte Edwin, ein Fürstensohn, was sonst, muss auch Abschied nehmen, es geht aufs Feld der Ehre, nicht aber, ohne zuvor seiner "Csárdásfürstin" die Ehe zu versprechen.

Die hat dessen Papa aber schon mit der gräflichen Cousine Stasi ausgehandelt, die Einladungen sind gedruckt, schon hält eine davon die Dame aus dem Adel des Varietés in Händen, prompt reist sie ab und die ganze übliche Operettentragik nimmt ihren Lauf.

Es geht nach Wien, zwei Monate später, der Fürstensohn musste nicht ins Feld. Man hat ja Beziehungen. Die Diva ist wieder da, zum Schein verheiratet mit einem Grafen namens Boni. Zum Schein ist jetzt die Fürstin echt, das Blut ist blau genug, nur frei vom Boni muss sie wieder werden, dann könnten alle ganz schnell mal, wie es auch kurz darauf in einer Wiener Hotelhalle passiert, so richtig glücklich werden.

Das "Teufelsweib" namens Sylva Varescu, also die Csárdásfürstin, dieser Dresdner Operettenproduktion im ZDF-Format, ist Anna Netrebko. Dass der Fürst Boni sie schon mal "Mopsi" nennt und sie auffordert, mit ihm ein kleines "Hopsi" zu machen, nimmt sie gerne wörtlich und schwingt die Hüften, lüpft den Rock, als wollte sie zum Can-Can ansetzten, belässt es dann aber doch bei vorsichtigeren, immerhin, kniefreien Sparvarianten.

Das geht natürlich alles immer nur, wenn sie nicht singen muss, denn das kann sie nur mit eifrigem Blick in die Noten und auf den Text. Ihr Gesang ist kräftig mit satten Tiefen und übermütigen Höhen. Thielmanns Tempo will sich nicht immer mit ihren Möglichkeiten, den deutschen Text verständlich zu singen, vertragen.

An ihrer Seite, als Edwin Ronald von und zu Lippert-Weylersheim, ein Tenor, den man ebenso wie die Sopranistin nicht auf Anhieb im Operettenfach vermuten würde. Und weil die hohen Töne eine Spezialität des eigentlich im Belcanto-Fach weltweit erfolgreichen Sängers sind, darf Juan Diego Flórez bei seinem Dresdner Operettendebüt auch ganz kräftig und ein wenig öfter als eigentlich vorgesehen seine Höhenregister ziehen. Und wenn man schon einen solchen Tenor hat, dann bekommt er auch eine Zugabe, ganz offiziell, als Einlage, das schöne Tangolied "Heut' Nacht hab ich geträumt von dir", aus "Das Veilchen vom Montmartre". Des Publikums uneingeschränkter Jubel ist sicher.

Aber der Abend birgt auch Überraschungen. Da gibt es diesen Feri von Kerekes, den sie den Feri-Bácsi nennen, also den Onkel. Eine kleinere Partie, aber klanglich macht der junge Dresdner Bariton Sebastian Wartig daraus einige sehr schöne Momente.

Pavol Breslik, bekannt und gefeiert als Tenor, im Januar singt er seinen 100. Tamino in Mozarts "Zauberflöte", hier in der Buffopartie des Grafen Boni Káncsiánu, den leichten Ton der Operette trifft er gut im vorgegebenen Rahmen, das Spiel scheint ihm zu fehlen.

Die Sopranistin Christina Landshamer als Komtesse Stasi weiß ihre kurzen Auftritte zu nutzen und gibt einen Vorgeschmack auf ihr Dresdner Operndebüt als Ännchen in "Der Freischütz". Bernd Zettisch ist Edvins Vater und Holger Steinert aus dem Chor der Staatsoper Herr Kiss, ein Notar.

Wolfram Tetzner hat die Damen und Herren des Chores vorbereitet, sie brauchen keine Noten, klar, die meisten waren ja vor 15 Jahren dabei, und wer damals dabei war, wird das nicht vergessen.

Und dann, zum Schluss, beim Silvesterkonzert in der Semperoper des Jahres 2014, wenn wieder die 1000 kleinen Engel singen, wenn die "Wildfänge" an den Notenpulten rein theoretisch die Arme umeinander schlingen, wenn die ganze Welt versinken mag, dann gibt es doch noch einen Knall. Ein Schuss von oben? Entwarnung: Alles nur Konfetti und großer Jubel für Hopsi und Mopsi.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.12.2014

Boris Gruhl

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