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11:21 22.02.2018
Der preisgekrönte Kurzfilm Papagei von Andreas Rajchert wurde auch auf der Görlitzer Straße in Dresden gedreht.  Quelle: Andreas Rajchert
Dresden

 12. April 2018: ein Kleintransporter fährt vor einem Dresdner Programmkino vor, stoppt, ein Alien springt aus der Schiebetür und entführt vermeintliche Kinobesucher vom Bürgersteig – natürlich nur Show und ein abgekartetes Spiel. Dennoch stellt sich der deutsch-russische Filmemacher und Dresdner Kulturschaffende Andreas Rajchert so die Premiere seines neuen Kurzfilmes vor.

Andreas ist ein sehr kreativer Mensch und hat rund um die Uhr Ideen im Kopf, ständig entwickelt er neue skurrile Figuren und Elemente“, erzählt sein Kompagnon Andrey Bavchenkov, der Rajchert seit mehr als fünf Jahren als Kameramann, Co-Regisseur und Freund zur Seite steht und ihn gelegentlich bremsen muss. Ihr aktuelles gemeinsames Projekt ist – beziehungsweise soll einmal werden, denn noch wird an den Feinheiten gefeilt und eine Crew zusammengestellt – eine Hommage an Juri Gagarin. Jenen Mann, der am 12. April 1961 als erster Mensch ins Weltall flog und die Erde umrundete.

Gagarin“ soll der neue Kurzfilm auch heißen und auf die rajchert-typische Art natürlich alles andere als eine autobiographische Lehrstunde werden, Aliens inklusive. Wer die Arbeit des umtriebigen Kulturaktivisten aus den vergangenen Jahren kennt, weiß, dass skurrile und provozierende Bilder genauso zu seinem Repertoire gehören wie schonungslos offene und gemütserregende Szenen. „Nur so kannst du die Leute erreichen und zum Nachdenken bringen“, sagt Rajchert.

Ausgerechnet in Russland gewannen sie überraschend einen Preis

Dass man damit durchaus Menschen begeistern kann, zeigte das deutsch-russische-Duo bei seinem jüngsten Projekt „Papagei“. Ebenfalls ein Kurzfilm, ein Acht-Minuten-Werk, das beim Moskauer Kurzfilmfestival „Herbst“ im vergangenen November überraschend den Publikumspreis gewann. Überraschend, weil Handlung (gegen den Krieg) und Protagonist (ein Transsexueller) ganz und gar nicht mit dem putinschen Weltbild kongruieren. „Umso erstaunlicher war es, dass wir in einem Land, in dem Travestie verboten ist, eine solche Zustimmung durch das Publikum bekommen haben“, erzählt Rajchert freudig.

Doch die Arbeit an Projekten wie „Papagei“ ist für den Querdenker alles andere als einfach. Während Freund und Kameramann Andrey international unterwegs ist, sein Geld mit Werbe- und Musikvideos verdient und sogar schon als Cutter bei Russlands erfolgreichster Reality-TV-Show „Kampf der Hellseher“ mitwirkte, muss sich Rajchert in seiner Wahlheimat Dresden immer wieder neu erfinden. „Ganz ehrlich, wenn ich nicht so viele Freunde und Förderer hätte, dann würde es sehr düster aussehen“, gibt der 48-Jährige zu.

Ohne Unterstützer wäre auch „Papagei“ nicht realisierbar gewesen. Die Produktion des No-Budget-Projekts zog sich insgesamt über zwei Jahre, Hilfe gab es unter anderem vom Dresdner Kulturamt, dem Staatsschauspiel, der Band Banda Internationale und dem Café Combo. Letzteres ist auch der Ort, an dem sich Rajchert und Bavchenkov seit Jahren treffen, Ideen austauschen, Schauspieler casten und Projekte besprechen. „Manche Leute denken schon, dass wir hier wohnen“, scherzt Bavchenkov.

Rajchert rekrutierte Schauspieler Clauß beim Saunabesuch für seinen Film

Er war es auch, der den Weg des Kurzfilms „Papagei“ für den Publikumspreis ebnete. Nachdem das Projekt nicht rechtzeitig beim Dresdner Kurzfilmfest im April des vergangenen Jahres eingereicht wurde, konnte Bavchenkov den Streifen über seine Kontakte erfolgreich beim „Herbst“-Festival in Moskau platzieren. „Das war auch von Anfang an unsere Hoffnung, deshalb gibt es im Film auch russische Untertitel“, erklärt Rajchert.

Der Hauptdarsteller in „Papagei“ ist der Dresdner Schauspieler Christian Clauß, der ohne Aussicht auf Gage gleich drei verschiedene Rollen übernahm – weil er von Rajcherts Idee überzeugt war. „Ich habe Christian zufällig in der Sauna getroffen, wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihm von meiner Idee. Anschließend notierte ich seine E-Mail-Adresse auf meiner Hand und schickte ihm das Drehbuch“, so der Filmemacher.

Auch für den neuen Streifen „Gagarin“ planen Rajchert und Bavchenkov wieder nur mit einem Darsteller, der mehrere Rollen übernehmen soll. Diesmal eine Frau, auserkoren ist die Moskauer Schauspielerin Natalia Efremova. „Es ist für uns nicht einfach, Schauspielerinnen zu finden, da es meist mit sehr viel nackter Haut und auch Blut zugeht“, erklärt Rajchert. Doch die hübsche Russin kommt noch im Februar nach Dresden um zeitnah „Gagarin“ mit den beiden Filmemachern abzudrehen. Dort geht es dann um einen jungen Jazzmusiker, der sich in einer skurrilen Situation in einer Leichenhalle wiederfindet und nach einer stürmischen Flucht und der Konfrontation mit einem Alien in eine Rakete steigt – samt einigen bizarren Überraschungen und natürlich heftiger Kritik an System und Gesellschaft.

Nur noch kurze Zeit und viel Arbeit bis zur Premiere in Dresden

Um bis zum 12. April dann einen fertigen Kurzfilm vorliegen zu haben, der im Idealfall auch noch in den Programmkinos der Stadt gleichzeitig Premiere feiert, liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor dem Duo. Zwei Wochen Dreh und Schnitt, danach die Verhandlungen mit den Kinobetreibern. „Ich habe große Hoffnung, dass wir das schaffen“, so Rajchert. Das Thalia-Kino und das Kino in der Fabrik haben bereits die Premierenaufführung zugesichert.

Der Deutsch-Russe Rajchert ist in Dresden mittlerweile auch bestens bekannt. Der selbsternannte Kulturaktivist leitete bereits Theatergruppen wie beim Medienkulturzentrum SAEK, brachte ausdrucksstarke Stücke wie „Bulgakov. Der Brief an Stalin“ auf die Bühne oder schockte mit skurrilen Kurzfilmen à la „Ein Jude, ein Mädchen und ein Polizist“ oder „Weiß und Blut“. Neben seiner regelmäßigen deutsch-russischen Kultursendung beim Coloradio produziert Rajchert auch für Dresden Fernsehen Kurzbeiträge, meist über russische Persönlichkeiten oder Geschehnisse aus der Heimat. Einen Videobeitrag zum Shakespeare-Jubiläum 2014 lehnte Dresden Fernsehen ab. „Zu viel Blut und Gewalt“, erklärt der Kurzfilmproduzent.

In die Wiege gelegt bekommen hat Andreas Rajchert seine provokant-künstlerische Art aber nicht. Sein Vater wollte ihn gerne als Arzt sehen, schickte ihn schon früh auf die Militärschule in Swerdlowsk. Nach einem Journalismusstudium und ersten provokanten Aktionen gegen Regime und Gesellschaft ging es für den jungen Mann schließlich mit der ganzen Familie zur Verwandtschaft nach Köln, dort arbeitete er als Zeichner für Animationsfilme. 2002 dann der Schritt nach Dresden. „Hier wird Kunst einfach mehr geschätzt“, erklärt Rajchert. Seitdem ist er im alternativen Kunst- und Kulturviertel Neustadt beheimatet und kann seine Ideen und Leidenschaften ausleben.

Mehr als nur Arbeitskollegen

Vor mehr als fünf Jahren trat Andrey Bavchenkov nicht nur als Kameramann und Co-Regisseur, sondern auch als Freund in Rajcherts Leben, jetzt ergänzen sich beide gegenseitig. „Er liefert die Ideen, Figuren, Bilder und Inhalte und ich erarbeite daraus einen Plot. Ich montiere das Abstrakte“, erklärt Bavchenkov. Spaß und Vertrauen bilden die Grundlage dafür. Nach dem ersten großen Erfolg „Papagei“, dem auch das Dresdner Kurzfilmfest nachträglich eine exklusive Sondervorstellung im Lingnerschloss widmete, sollen nun weitere Projekte folgen.

Neben „Gagarin“ planen die Filmemacher unter anderem „Der Tanz auf Messers Schneide“ (ein Film mit Torsten Ranft und Christian Clauß über Fjodor Michailowitsch Dostojewski, bei dem Rolf Hoppe – der schon zugesagt und probegelesen hat – als Off-Stimme aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“ liest) und „Berlin in Flammen“, ein Kriminaldrama über einen jungen Rechtsanwalt, der sich aufgrund seiner Vernarrtheit zur russischen Kultur bald mit der russischen Mafia konfrontiert sieht.

„Das sind alles Wünsche“, sagt Rajchert. Er selbst weiß am besten, wie schwierig es wird, sich diese Wünsche zu erfüllen – zumindest, wenn man nicht vor hat, sich und seine Kunst verbiegen zu lassen.

Von Sebastian Burkhardt

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