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Mit links - Zwingenberger, Waters, Watts und Green spielten als The ABC & D of Boogie Woogie im Schlachthof

Mit links - Zwingenberger, Waters, Watts und Green spielten als The ABC & D of Boogie Woogie im Schlachthof

"Trainier' deine Linke!", ist nicht nur ein gängiger Boxerspruch. Die starke linke Hand ist im Boogie nachgerade existenziell. Um Kraft zu schulen, stellen sich einige Pianisten dafür sogar das Instrument links bergan und spielen ihre rollenden Bässe aufwärts, denn auch die waren und sind im Boogie Woogie von entscheidender Bedeutung.

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Verweigert sich jeglicher Aufdringlichkeit, jedem Mätzchen, und träufelt dafür ein paar verschmitzte Jazz-Tropfen auf die Becken: Charlie Watts, das C.

Quelle: Dietrich Flechtner

Und doch reicht eine starke Linke längst nicht aus, um den Stil in sein erstes abgeschlossenes Jahrhundert zu führen, reicht es nicht, den Geist der Legenden wie Albert Ammons oder Mead "Lux" Lewis aus den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts ins Heute und, wenn es richtig gut kommt, ins Morgen zu retten.

Erstaunlich viele einstige Boogie-Puristen sind als Musiker längst ausgebüxt, Axel Zwingenberger, das A, nicht. Ben Waters, das B, hat es nicht vor, obwohl jünger an Jahren. Dave Green, das D, verblieb in der Welt des Jazz, also immer auch in der der Blue(s) Notes. Eine Welt, die sein früher Freund und Spiel-Gefährte Charlie Watts, das C, "mal kurz verließ", wie er lakonisch formulierte, um bei den Rolling Stones Rock'n'Roll zu machen. Was er gar nicht kann, böseln einige Trauernde des Jazz -

Als The ABC & D of Boogie Woogie kamen Zwingenberger, Waters, Watts und Green erstmals nach Dresden. Der große Saal im Alten Schlachthof war komplett bestuhlt und ebenso ausverkauft. In anderen Städten der Welt, wo das temporär existierende Quartett seit 2009 unregelmäßig auftritt, sind die Spielorte schon mal kleiner, edler vielleicht, exklusiver auf ein Publikum zugeschnitten, das Boogie Woogie goutiert wie ein Feinkostler sein Chateaubriand. Die personelle Besetzung der Drummer-Stelle zieht noch ganz andere Kasten an. Will man meinen. Doch zumindest in Dresden blieben hektische "Charlieeeeeee!"-Rufe aus, zudem war man mit Anfang, Mitte, Ende 40 konsequent der Frischling unter den Besuchern. Die erste Wette auf verheerendes Stadl-Klatschen wurde allerdings schon nach knapp 46 Sekunden gewonnen. Wenn schon Mitklatsch, dann mit Takt, und den gibt noch immer Ben Waters vor.

Axel Zwingenberger konferierte und improvisierte einen Willkommensblues, hielt sich dort mit seinen trefflichen Tremoli noch zurück und übergab alsbald an Kollegen Waters. Solo. Der Brite hat ein ausgeprägteres Sendungsbewusstsein als "Äksel Swingenbörger", eine - wie er - federleichte linke Hand, perfektionierte Technik, viele ausgeprägte Gaben für klingelnde Blockakkorde, hüpfende Figuren, Fluss-Läufe. Dazu hebt er mit kräftig ausgewachsenen Oberschenkeln sein Piano aus, ist also durchaus auch Entertainer, doch nie so viel, dass zu viel. Das mit dem Singen sollte er wieder etwas zurückfahren. Sein Talent dort ist dürftig im Vergleich zu jenem an den Tasten, noch dazu, wenn er sich mutig, aber eben doch fehlgriffig an Ray Charles' "What I'd Say" bedient. Hier ist auch das erste Trio komplett: Charlie Watts in blassgelbem Polo und schwarzer Hose eher leger, denn übermäßig elegant, Dave Green, gleichsam äußerlich zurückhaltend, aber mit grandiosen Parts auf einem singenden Standbass zum "embaddedhighlight" für Offenohrige werdend. Mit links.

Wie sich auch Watts jeglicher Aufdringlichkeit verweigert, jedem Mätzchen, der dafür ein paar verschmitzte Jazz-Tropfen vornehmlich mit den Besen auf die Becken träufelt, ein paar Knaller knallt speziell in den Outros. Ein voluminöses, effektgieriges Solo nimmt er sich den ganzen Abend nicht heraus. Seine Antwort auf die Frage, weshalb er mit so kleinem Equipment auskommt, hatte zwei Stunden lang nachhaltige Wirkung: "Weil ich damit schon genug zu tun habe." Und die von ihm als "wunderbar" gefeierte Tatsache, dass er die Männer auf der Bühne, die er anlächelt, auch mal sieht, sollte nicht unterschätzt werden.

Das "Mit-Links" ist nie arrogant. Nicht in den natürlich gigantisch flinken Duellen zwischen Zwingenberger und Waters, nicht, wenn sie in Deckung gehen, wenn sie gegen Ende des ersten Teils zu viert sind, nicht, als Watts und Green danach für Zwingenberger die Rhythmusgruppe bilden und im süffig-kantigen, phasenweise furiosen und herrlich augenzwinkernd betitelten "Sympathy For The Drummer" für entscheidende Momente die bedrohlich aufziehende Gleichförmigkeit in den Arrangements aufbrechen.

Auch dass sie sich bis auf "Route 66" und "Kansas City" nicht in bauernfängerischen Klassikern des American Songbooks ergehen, wie sie es mit "Blueberry Hill" und "Whole Lotta Shakin' Goin' On" früher durchaus taten, wird zum Plus des durchaus aufrichtig umjubelten Auftritts. Lieber Gershwins "Lady Be Good", lieber das Stück, für das sich alles gelohnt hat an diesem Montag: "I've Got An Uncle In Harlem", ein traniger Blues aus Depressions-Zeiten, empfängt von Waters, Green und Watts eine zärtliche, schmeichelnde, dennoch lebendig zupackende Variation. Ein atmosphärischer Song, den sie im Kern fast zum Stillstand bringen, um sich daraus zu erheben. Erste Klasse! Mustergültig im Zusammenspiel, im gegenseitigen Hören und im Respekt vor einem Stil, bei dem "Schimmel" nur als Letter am Piano steht.

Herzerwärmend war die Geste von Axel Zwingenberger, am Ende die Dresdner Boogie-Pianistin Ulrike Hausmann aus Reihe 2 auf die Bühne zu holen. Und plötzlich war sie sogar da, die Erinnerung an so etwas wie Tradition in der Stadt, ans Blues-Wochenende in der Tonne, an quicklebendige Konzerte von Alexander Blume und Christoph Zeitz, ja, auch als Thomas Stelzer begann, dann 2Hot. Und als viel später die Jungschen von Blue Honky Tonk kamen. Gibt es eigentlich wieder einen Boogie Woogie Sommer in Dresden, die Herren Schöbel und Meusel?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2012

Andreas Körner

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